Österreichs Nationalmannschaft:Bitte nicht gratulieren!

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Österreichs Nationalmannschaft: David Alaba scheint seine Rolle in der österreichischen Nationalmannschaft gefunden zu haben.

David Alaba scheint seine Rolle in der österreichischen Nationalmannschaft gefunden zu haben.

(Foto: Johannes Friedl/Imago/GEPA pictures)

Unentschieden gegen Weltmeister Frankreich, stellenweise auf Augenhöhe mit den Großen - Österreichs erste Wochen unter Ralf Rangnick starten sehr erfolgreich. Doch der neue Teamchef ist noch lange nicht zufrieden.

Von Felix Haselsteiner

Wer die aktuelle Verfassung der Nation verstehen will, sollte Fußball in Österreich im öffentlich-rechtlichen ORF verfolgen. Denn dort wurden in den vergangenen Jahren sämtliche Hochs und Tiefs entsprechend eingeordnet. Es gab dort Kommentatoren, die sich auf brutalste Art und Weise ganze Spiele lang an einzelnen Stürmern abarbeiteten, ohne ein gutes Haar an ihnen zu lassen. Es gab im vergangenen EM-Sommer nach einem Sieg gegen Nordmazedonien Momente der Heiterkeit, in denen es kurz so wirkte, als wäre Österreich nun der logische Turnierfavorit. Und jetzt gab es am Freitagabend einen Moment, in dem erkennbar wurde, dass emotionale und sportliche Analysen manchmal doch sehr unterschiedlich ausfallen - und dass womöglich ein Wandel bevorsteht im Fußball-Land Österreich.

Der ORF-Moderator Rainer Pariasek also bot dem neuen Teamchef Ralf Rangnick im Interview nach dem 1:1 (1:0) gegen Frankreich ein Ticket für den Euphorie-Zug an. Er gratulierte herzlich zum Unentschieden gegen den Weltmeister. "Ich wüsste überhaupt nicht, warum es etwas zu gratulieren gibt", sagte daraufhin Rangnick sichtlich genervt. Mit dem Spiel insgesamt sei er zufrieden, mit dem Ergebnis aber "überhaupt nicht", präzisierte der deutsche Coach. Pariasek versuchte es noch einmal: "Aber immerhin, ein 1:1 gegen den Weltmeister ..." Doch Rangnick fuhr ihm direkt ins Wort: "Entschuldigung, warum immerhin? Ne, wir haben 1:0 geführt, haben selber einen Freistoß - und geben dem Gegner eine Konterchance (zum 1:1). Das ist einfach naiv."

Die Akribie und Selbstkritik des Trainers kommt bei den Spielern dem Vernehmen nach gut an

Rangnick, 63, konnte kurz nach dem Spiel nicht viel damit anfangen, dass es seinen Österreichern als Erfolg ausgelegt wird, in drei Spielen gegen Kroatien (WM-Zweiter), Dänemark (EM-Halbfinalist) und Frankreich (WM-Erster) vier Punkte geholt zu haben. Statt die passablen Ergebnisse mitzufeiern, lieferte Rangnick einen Eindruck dessen, was er seit seiner ersten Pressekonferenz klarstellt: Österreich hat nun einen Nationaltrainer, der sich nicht auf das altbekannte Hin und Her der Gefühle im Land einlassen will. Rangnick redet über Fußball, er fordert und fördert eine neue Herangehensweise seiner Mannschaft - und er erwartet Perfektion, zumindest bei wichtigen Details wie der Konterabsicherung bei einem eigenen Freistoß kurz vor dem Abpfiff, zumal bei eigener 1:0-Führung. Eine ähnliche Situation wie jene, die zu Frankreichs spätem Ausgleich führte (84.), habe es ja schon beim 1:2 gegen Dänemark gegeben: "Das hat uns halt in Summe vier Punkte gekostet", monierte Rangnick.

Die Akribie, mit der der Deutsche seine Arbeit aufgenommen hat, wird von vielen honoriert - vor allem in seiner Mannschaft. Binnen zwei Wochen hat es Rangnick geschafft, ein Nationalteam, das nach den beachtlichen Misserfolgen der späten Ära Franco Foda sehr frustriert wirkte, neu zu motivieren. Das gilt für jene Charaktere, von denen das genauso zu erwarten war, wie Xaver Schlager (Wolfsburg) und Konrad Laimer (Leipzig) im Mittelfeld, die den sogenannten RB-Fußball indoktriniert haben und Rangnicks Vorgaben fürs Anlaufen von Stürmern gut und gerne umsetzen. Es gilt aber auch für Spieler wie den Sturm-Routinier Marko Arnautovic, der unter Rangnick bislang sehr zufrieden wirkt - und seine Position in der Mannschaft verteidigt hat.

"Wir sind in einem Prozess. Dieser Prozess sieht gut aus und es macht einfach Spaß", sagte Kapitän David Alaba nach dem Spiel gegen Frankreich. Alaba ist Österreichs klarer Anführer, eine Rolle, die ihm stets zugeschrieben wurde - die er allerdings nicht immer erfüllen konnte. Nun tut er es, auf dem Platz in der Innenverteidigung und manchmal auch an den Mikrofonen: "Es zeigt einfach, dass wir vielleicht irgendwo die Schnauze voll haben von einer gewissen Art, Fußball zu spielen, wie wir es vielleicht in den Jahren zuvor immer wieder hatten." Das war zum Beispiel so ein Satz, von dem man nicht wusste, ob er Alaba rausgerutscht war oder ob er ihn bewusst platziert hatte. Man konnte das durchaus als kleine Watschn für Fodas Sicherheitsfußball verstehen, auch wenn Alaba tags darauf richtigstellte, das habe er damit nicht gemeint.

Rangnicks Startbilanz liest sich vielversprechend, aber noch nicht herausragend. Das liegt vor allem daran, dass er den Generalverdacht der Naivität, unter dem die Mannschaft weiterhin steht, noch nicht ganz ausgeräumt hat. Gegen Dänemark und Frankreich wären Siege möglich gewesen, unnötige Gegentore und eine dürftige Chancenverwertung standen dem jedoch im Weg. Möglicherweise lässt sich das schon am Montagabend in Kopenhagen beim vierten und letzten Spiel der Nations-League-Sommerstrecke verbessern.

Rangnicks Sichtweise, sich mit einer ganz guten Bilanz nicht zufriedenzugeben - wie es in der Ära Foda noch üblich war - hat sich bereits auf die Mannschaft übertragen. Gratulationen zum 1:1 gegen Frankreich lehnte auch Alaba ab: "Wenn wir gewonnen hätten, hätten wir Schritte nach vorne gemacht. Weil wir dann auch noch die Qualität besitzen würden, diese Spiele für uns zu entscheiden."

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