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Aus von Hummels, Boateng, Müller:Löw erklärt seine Geheimoperation

  • Joachim Löw äußert sich in Frankfurt zum Aus von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller in der Nationalmannschaft.
  • Der Bundestrainer erklärt, warum er die Botschaft an die drei Weltmeister überfallartig überbrachte.
  • Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel erfuhr erst später von Löws Entscheidung.

Er wolle "hier ein bisschen was persönlich schildern, aus meiner Sicht der Dinge", sagte der Bundestrainer, als er das Wort an seine Zuhörer richtete. Das klang vertraulich und beinahe verschwörerisch, war es aber nicht, denn Joachim Löw saß nicht im stillen Eck einer Gastwirtschaft, sondern im großen Sitzungssaal des DFB-Hauptquartiers an der weltberühmten Otto-Fleck-Schneise. Außer einer Einsatzhundertschaft von Reportern konnte via Live-Übertragung auch das Fußball-Volk seinen Worten folgen. In dieser alles andere als intimen Runde ging es einerseits um eine allgemeine Bekanntmachung - nämlich des Kaders für die nächsten zwei Länderspiele - und andererseits um Aufklärung über die Geheimoperation, die Löw neulich in München unternommen hatte. Dort hatte er unter seltsam anmutenden Umständen die Weltmeister Jérôme Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels darüber unterrichtet, dass sie nicht nur auf der Liste für den Test gegen Serbien und das erste EM-Qualifikationsspiel in den Niederlanden fehlen werden - sondern auf überhaupt keiner Nominierungsliste mehr auftauchen sollen.

Man habe "natürlich zur Kenntnis genommen, dass darüber viel diskutiert und interpretiert wurde", sagte der DFB-Sprecher Jens Grittner, und Löw ließ den Anflug eines Lächelns erkennen, was deswegen bemerkenswert ist, weil er ansonsten während seiner Ausführungen das Lächeln konsequent unterlassen hat.

Deutsche Nationalmannschaft Mit dem Gespür des Stacheltiers
Joachim Löw

Mit dem Gespür des Stacheltiers

Weder elegant noch souverän hat Bundestrainer Joachim Löw drei verdiente Nationalspieler aus dem Dienst genommen. Thomas Müllers eigentümliches Fußballspiel wird dem DFB-Team fehlen - wie auch seine ungekünstelte Art.   Kommentar von Philipp Selldorf

Mit Debatten hatte er wohl gerechnet, aber gefallen hat es ihm trotzdem nicht, dass seine Exkursion landauf, landab in vielerlei Hinsicht missbilligt wurde. Jenseits der sportlichen Aspekte warf man ihm fahrlässiges Vorgehen und schlechten Stil vor, mangelhaftes Gespür, sogar Gefühlskälte beim Überbringen der Botschaft an die alten Helden. Gegen Letzteres verwahrte er sich ausdrücklich. Er finde es "befremdend", von Leuten für Gesprächsinhalte kritisiert zu werden, die gar nicht dabei gewesen seien. Trotz der Verachtung für diese Sorte von unwissenden Besserwissern spürte er keinerlei Eile, sein Befremden zu äußern. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er es frühestens kommende Woche in Wolfsburg - am Ort des nächsten Länderspiels - ausgedrückt. Doch der DFB hielt es für nötig, die Öffentlichkeit so zügig wie möglich über Hintergründe und Motive der plötzlichen Verabschiedung zu informieren und ließ Löw dies auch wissen. Dass der Bundestrainer den angesetzten Termin um eine knappe Stunde verpasste, lag aber nicht an seinem Widerwillen, der sehr feste Formen annehmen kann, sondern an Pünktlichkeitsproblemen der Deutschen Bahn.

Darüber hinaus ist Löw nicht der Meinung, dass diese Angelegenheit die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses erfordert hätte. Mit den Betroffenen wähnt er sich längst wieder im Reinen, mit Boateng und Müller (mit Hummels offenbar noch nicht) habe er während der vergangenen Tage ausführlich telefoniert, berichtete Löw.

Löw zieht den FC Bayern und den DFB nicht ins Vertrauen

Seine Entscheidung, die alten Champions aus dem Dienst zu nehmen, um der jüngeren Generation Platz zur Entfaltung zu verschaffen, hält er ohnehin für richtig ("es war unerlässlich, etwas zu ändern"), und auch am Ablauf der Reise nach München kann er keinen Fehler entdecken: "Das alleroberste Gebot war: Direktheit und es persönlich zu sagen, weil wir offen und ehrlich mit ihnen umgehen wollten", sagte Löw. Aus dieser Voraussetzung resultierte das Vorgehen im Stil einer Kommandoaktion: "Ich hätte mich geschämt, wenn vorher irgendetwas in den Medien aufgetaucht wäre", sprach der 58 Jahre alte Trainer einen Satz, der vieles erklärt und zugleich manche Fragen aufwirft.

Dass Löw, sein Assistent Marcus Sorg und DFB-Manager Oliver Bierhoff an jenem Dienstagvormittag auf einmal an der Säbener Straße vor der Tür standen und Einlass sowie ein Zimmer begehrten, um Einzelgespräche mit Müller, Hummels und Boateng zu führen, das hat die Leute beim FC Bayern auch deswegen irritiert, weil sie den unbewaffneten Überfall als Misstrauensvotum auffassten. Zu dieser Annahme hatten sie durchaus Anlass. Löw hatte auf eine förmliche Anmeldung verzichtet, weil er glaubte: "Die Gefahr, dass etwas durchsickert, war zu groß." Doch er wollte halt unbedingt, dass es seine Weltmeister "von mir persönlich erfahren, nicht am Telefon, nicht über die Medien", und dafür hielt er den Arbeitsplatz der Spieler für besser geeignet als ein Hotel, "wo man dann vielleicht abgeschossen wird". Gemeint ist: mit dem Fotoapparat. "Emotional" sei ihm dieser Gang "wahnsinnig schwergefallen", sagte Löw.