bedeckt München 23°

Bundestrainer Joachim Löw:Seine Entscheidungen müssen nun sitzen

Joachim Löw

Muss mal wieder eine richtige Entscheidung treffen: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Joachim Löw hatte zuletzt eine fatale Bilanz als Bundestrainer. Liegt er mit der Ausbootung seiner drei Weltmeister erneut falsch, wird der Generationswechsel auf der Trainerbank eine Option.

Es gibt viele Menschen, die den Job des Bundestrainers für den besten Job in der großen weiten Welt des Fußballs halten. Spiele gucken, Espresso trinken und alle zwei Monate ein Qualispiel gegen Estland und ein Freundschaftsspiel gegen Serbien moderieren. Dass viele Menschen so denken, liegt daran, dass es zu einem gewissen Teil auch so ist. Aber diese Leute verkennen, dass man als Bundestrainer mit seinen wenigen Entscheidungen extrem im Fokus steht. Wenn ein Bundesliga-Trainer 1:2 in Augsburg verliert, herrscht ein paar Tage Aufregung, dann kann er das zu Hause gegen Mainz wieder zurechtbiegen. Wenn man aber als erster Trainer der Nation etwas macht, dann sollte es schon sitzen.

Und damit zu Joachim Löw, dessen Entscheidungen in jüngster Vergangenheit eben nicht saßen. Der WM-Kader ohne Leroy Sané? Die falsche Entscheidung. Seine Taktik und seine Mannschaftsführung bei der WM im Russland? Die falschen Strategien, wie er selbst zugab ("fast schon arrogant".) Seine WM-Analyse nach wochenlangem Sardinien-Urlaub? Frühestens mit dem 0:3 in den Niederlanden, aber spätestens mit dem Rauswurf von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller komplett überholt.

Bundesliga "Das irritiert uns"
Reaktion des FC Bayern

"Das irritiert uns"

Der FC Bayern kritisiert den Rauswurf von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus der Nationalmannschaft. Der Zeitpunkt und die Umstände seien "fragwürdig".

Es ist nicht einmal überhart, Löws jüngste Bilanz als fatal zu bezeichnen (auch die nach der WM gespielte Nations League endete mit dem Abstieg). Die Frage ist da schon, welches Haltbarkeitsdatum Löws Erkenntnisse haben und wie viel Kredit der Weltmeister- und ewige Bundestrainer, der mittlerweile länger beim DFB ist als Angela Merkel Bundeskanzlerin, eigentlich hat. Beim DFB-Präsidenten ist offenbar noch etwas vorhanden, jedenfalls stützte Reinhard Grindel die Pläne am Dienstag öffentlich mit lobenden Worten.

Ist Manuel Neuer der Nächste, der seinen Platz räumen muss?

Fest steht erst einmal, dass Löw die ungewöhnlich radikale Entscheidung, Hummels, Boateng und Müller per Pressemitteilung vor die Tür zu setzen, nicht wieder revidieren kann. Und den nächsten Schritt hat Löw auch schon angekündigt: Manuel Neuer verliere in absehbarer Zeit seinen Posten als Stammtorwart, der seit Jahren überragend spielende Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona werde seine Chance bekommen. Neuer ist übrigens Kapitän der Nationalmannschaft - sollte es Löw ernst meinen, stellt sich natürlich auch die Frage, ob ein Ersatztorwart Neuer weiter Kapitän bleiben kann. Wenn nicht, bliebe als Kandidat nur noch Toni Kroos, mit 29 Jahren übrigens genau so "alt" wie Thomas Müller, der gerade gehen musste.

Der Blick auf die Mannschaft zeigt, dass manche Perspektive ohne die geschassten Weltmeister von 2014 noch eher vage ist. In der Abwehr hat Niklas Süle seinen Platz sicher, für die Position neben ihm drängt sich Antonio Rüdiger auf. Rüdiger, den Löw schätzt, hat sich einen Stammplatz beim FC Chelsea erkämpft und ist einer der schnellsten Innenverteidiger Europas. Allerdings fehlt beiden ein starker linker Fuß, der Spielaufbau ist zudem nicht Rüdigers Paradedisziplin. Alternativ bieten sich Matthias Ginter (neben Kroos, Neuer und Draxler übrigens der letzte verbliebene Weltmeister von 2014), Thilo Kehrer und Jonathan Tah an. Kehrer könnte allerdings als Außenverteidiger gebraucht werden und Tah hat obgleich seines unübersehbaren Talents noch nie bewiesen, dass er auf höchstem Niveau bestehen kann. Löw wird vielleicht auch den Berliner Niklas Stark nominieren.

Deutsche Nationalmannschaft Verabschiedet zwischen Tür und Angel
DFB-Aus für Boateng, Hummels und Müller

Verabschiedet zwischen Tür und Angel

Bundestrainer Löw vollzieht im DFB-Team einen notwendigen Generationenwechsel - doch die Frage drängt sich auf, ob so ein Abschied für Boateng, Hummels und Müller würdig ist.   Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Wie das zentrale Mittelfeld aussieht, kommt stark darauf an, wo Löw Joshua Kimmich einordnet. Kehrer ist die einzige wirkliche Alternative auf der rechten Verteidiger-Position - sollte Löw sie ziehen, könnte Kimmich mit Kroos die Zentrale bilden. Dort böten sich mit Leon Goretzka, Marco Reus und Kai Havertz interessante taktische Varianten an. Spieler, die hier noch nachrücken könnten, wären die Gebrüder Maximilian und Johannes Eggestein von Werder Bremen und Arne Maier aus Berlin.

Ist der Generationswechsel auf der Trainerbank eine Option?

Die Flügel scheinen langfristig an Sané, Serge Gnabry und Julian Brandt vergeben. Und in der Sturmzentrale hat Deutschland seit Jahren ein Problem. Sollte Jann-Fiete Arp vom HSV (wird zum FC Bayern wechseln) nicht noch einen gewaltigen Sprung machen, wird es sehr auf Timo Werner ankommen. Davie Selke von Hertha BSC wäre vielleicht noch eine Option.

Aus diesen Bausteinen muss Löw sich nun jedenfalls eine wirklich neue und erfolgreiche Mannschaft bauen und hat dafür nun wieder - das ist die Gnade, die einem Bundestrainer gewährt wird - eineinhalb Jahre und eine machbare EM-Qualifikation Zeit (Deutschland muss in der Gruppe mit den Niederlanden, Nordirland, Estland und Weißrussland mindestens Zweiter werden). Mit der unfeierlichen Ausbootung von verdienten Spielern hat sich Löw dazu entschieden, zum nächsten Turnier hin einen richtigen Bruch in der Hierarchie der Mannschaft zu vollziehen. Von dieser Generation hängt nun aber endgültig Löws Schicksal als Bundestrainer ab. Sonst sollte auch der DFB erkennen, dass nach 15 Jahren vielleicht auch ein Generationswechsel auf der Trainerbank eine Option ist.

Deutsche Nationalmannschaft Abserviert mit 29 Jahren

Thomas Müller im DFB-Team

Abserviert mit 29 Jahren

Thomas Müller erlebt einen unwürdigen Abschied aus dem Nationalteam. Über einen Weltmeister, der immer anders spielte als alle anderen.   Von Carsten Scheele