RB in der Champions League:Es sieht finster aus für Leipzig

RB Leipzig - VfL Bochum

Leipzigs Yussuf Poulsen kommt mit seinem Team nicht so recht voran in dieser Saison.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Nach dem personellen Umbruch im Sommer ist RB Leipzig national weit von seinen Zielen entfernt. Bei Paris Saint-Germain müssen nun schon Punkte her, wenn der Bundesligist in der Champions League überwintern will.

Von Javier Cáceres, Paris

Es ist vermutlich nie der ideale Zeitpunkt gegeben, sich mit einer Mannschaft wie Paris Saint-Germain zu messen, die es sich erlauben kann, ihren Kader mit Spielern wie Lionel Messi, Neymar Jr. und Kylian Mbappé aufzuhübschen. Zu groß ist ihre Explosivität. Und wer weiß, ob es wirklich ein Vorteil für RB Leipzig ist, dass Neymar Jr. sich am Montag für das Spiel am Dienstag (21 Uhr) wegen Adduktorenproblemen abmeldete.

Denn zuletzt stand Neymar in Verdacht, sich in Paris nicht von Austern und Schnecken, sondern von Bratlingen einer US-amerikanischen Fastfood-Kette zu ernähren. Und Kylian Mbappé liebt es, die Scheinwerfer auf sich gerichtet zu sehen - was ja umso einfacher ist, wenn sich der Lichtmeister auf eine Figur konzentrieren kann.

Wobei: Die Schlagzeilen gehörten zuletzt den amourösen Wirren im Leben von Stürmer Mauro Icardi; sie taugten dem auf Sport spezialisierten Blatt L'Équipe am Montag zur wichtigsten PSG-Geschichte überhaupt. Er hatte offenbar die Ansprüche der Ehefrau Wanda auf Exklusivität nicht respektiert. Doch selbst wenn auch er nicht zur Verfügung stehen sollte, so ist dort immer noch Messi, und eben Mbappé.

Er tauschte gerade erst die Pfiffe, die er im Prinzenparkstadion anhören musste, weil er zwar nicht mit einer anderen Frau, wohl aber mit Real Madrid kokettiert hatte, gegen eine Ovation ein: Am Freitag erzielte er beim 2:1 gegen Angers (87. Minute) den späten Siegtreffer, PSG weist in der Liga 27 von 30 möglichen Punkten auf. In der Summe bedeutet dies alles, dass sich ein "bonne chance, Leipzig", ein Viel-Glück-in Paris also, förmlich aufdrängt.

Zumal RB Leipzig sich in einer vergleichsweise diffizilen Lage befindet. Nach dem 1:1 beim SC Freiburg steht Leipzig nicht einmal ansatzweise dort, wo der Verein im Lichte seiner finanziellen Macht und der eigenen Geschichte vermutet werden muss.

In der Bundesliga hat Leipzig in dieser Saison auswärts noch nicht gewonnen

Mit elf Punkten und nicht einem einzigen Auswärtssieg steht Leipzig nach acht Spieltagen lediglich auf Platz acht der Bundesligatabelle. In der Champions League sieht es nach zwei Spieltagen finster aus. Sogar das Überwintern in Europa ist in Gefahr. Dem 3:6-Desaster bei Manchester City folgte eine 1:2-Niederlage gegen den FC Brügge, mit der niemand zwingend rechnen musste. Es funktioniert, immerhin, die Selbstkritik, auch wenn sie manchmal in etwas kryptisch anmutenden Sätzen daherkommt.

"Wir sind ein bisschen, was wir sind", sagte der neue Trainer Jesse Marsch nach dem 1:1 von Freiburg - und meinte damit offenkundig, dass man ziemlich genau dort steht, wo man hingehört. Nur verträgt sich der Ort nicht mit den Ambitionen des Klubs. War der Umbruch, den Klub-Boss Oliver Mintzlaff im Sommer wagte, am Ende doch zu radikal?

Im Moment sieht es danach aus. Es waren eine Reihe von Veränderungen tiefgreifender Natur - angefangen damit, dass Trainer Julian Nagelsmann zum FC Bayern wechseln durfte. Mintzlaff freute sich zwar, den Bayern eine Weltrekordablöse für einen Trainer abgeluchst zu haben. Doch ist Geld wirklich alles? Nagelsmann ließ nun bei DAZN anklingen, dass er gar nicht auf Biegen und Brechen in diesem Jahr nach München wollte, sondern vielmehr erstaunt war, dass er bei den Verantwortlichen von RB nachgerade offene Türen einrannte.

Er durfte gehen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. "Ich wäre nicht böse gewesen, wenn ich in Leipzig hätte bleiben sollen", sagte Nagelsmann. Der frühere RB-Guru Ralf Rangnick packte sich an den Kopf ("Ich hätte ihn nie gehen lassen") - was in Leipzig nicht ganz so gut ankam, weil es herrlich damit korrelierte, dass die Resultate gerade verbesserungswürdig sind.

"Wir probieren jeden Tag mehr zu kriegen - von jedem Spieler und der Gruppe insgesamt", sagte Marsch am Wochenende - und klang vor allem für seine Verhältnisse defätistisch. Vielleicht, weil der einzige Spieler, der unter ihm offenkundig einen Sprung nach vor getan hat, der Franzose Christopher Nkunku ist. Der 23-jährige Franzose kam vor zwei Jahren von PSG nach Leipzig, spielte unter Nagelsmann eher sporadisch und ist nun bei seiner Rückkehr nach Paris mit je vier Toren in der Bundesliga und Champions League aktuell Leipzigs gefährlichster Angreifer - in der Königsklasse traf außer ihm überhaupt noch kein RB-Spieler. Am Montag war Marsch aber schon wieder mit Optimismus unterwegs, sprach davon, dass es eine Entwicklung gegeben habe, und die Mannschaft als Einheit "verstanden habe, was unser Spielstil ist".

Neuerdings läuft Leipzig weniger als der Gegner - trotz Marschs Faible fürs Pressing

Wenn dem so sein sollte, wird das bislang nur sporadisch abgerufen. Ins Auge sticht vor allem eine kuriose Statistik: dass sich die Spiele häufen, in denen RB weniger Kilometer läuft als der Gegner. Kurios ist das deshalb, weil Marsch erklärtermaßen wieder zu einer stärker auf Pressing ausgerichteten, also physischeren Spielidee zurückwollte, nachdem die Leipziger unter Nagelsmann mehr Ballbesitz gewagt hatten. Nun ist der Fußball ein seltsamer Sport, in dem es nicht darauf ankommt, den Gegner in Grund und Boden zu rennen - so lange man weiß, wohin man wann laufen muss.

Nur: Durch die Abschiede von Innenverteidiger Dayot Upamecano (FC Bayern) und Ibrahima Konaté (FC Liverpool) hat sich einen tiefer Riss im Fundament des Spiels aufgetan; die als Ersatz verpflichteten Mohamed Simakan und Josko Gvardiol haben die Vakanzen noch nicht ausfüllen können. Dazu kam Verletzungspech - etwa beim aktuell muskelverletzten Dani Olmo und dem langzeitblessiertem Nationalspieler Marcel Halstenberg, die nicht nach Paris reisten.

In dem ebenfalls nach München gewechselten Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer fehlt ein weiterer Führungsspieler der vergangenen Jahre. Auf der anderen Seite haben sich die Zugänge noch nicht etablieren können - ganz gleich, ob sie nun wie der aus Frankfurt hinzugeholte portugiesische Stürmer André Silva ihre Befähigung zur Bundesliga-Spitzenkraft längst nachgewiesen haben - oder aber wie das ungarische Talent Dominik Szoboszlai (Salzburg) bislang nur angedeutet haben, dass ihre Grenzen über die Bundesliga sogar hinausweisen.

Und dennoch: Marsch klang überaus zuversichtlich, ehe er am Montag in den Flieger nach Paris stieg. "Natürlich haben wir noch viel zu tun, und PSG ist eine Mannschaft mit viel mehr Qualität, aber die Klarheit ist bei unseren Jungs mehr da", sagte er. Das könnte in der Stadt des Lichts durchaus von Nutzen sein.

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