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Welttrainer:Die unheimliche Wirkung des Jürgen Klopp

Jürgen Klopp vor dem Spiel FC Liverpool gegen Bayern München

Ein witziger Deutscher, das fanden die Engländer unglaublich: Jürgen Klopp.

(Foto: dpa)

Der deutsche Welttrainer verkörpert mit seiner niemals versiegenden Leidenschaft die restlose Hingabe an den Fußball - sogar die Engländer lieben ihn.

Ein zentraler Leitsatz der englischen Fußballkultur besagt, dass Fußball keine Sache von Leben und Tod sei - sondern weit mehr als das. Jürgen Klopp darf man sich als idealtypischen Vertreter dieser Glaubenstradition vorstellen. Der 52 Jahre alte Coach des FC Liverpool, der jetzt nach einer Wahl des Weltverbands Fifa zum Trainer des Jahres bestimmt wurde, verkörpert mit seiner immer gegenwärtigen, niemals versiegenden Leidenschaft die restlose Hingabe an das Spiel.

Doch nun hat Klopp mit einem Bekenntnis überrascht. Auf der Plattform "The Players' Tribune", einem Organ für die Selbstdarstellung berühmter Sportler, gab er Auskunft über den Ursprung seines immerwährenden Lächelns. Ständig werde er danach gefragt, erzählt Klopp, selbst nach Niederlagen sehe man ihn lächeln, warum? Seine Antwort klingt erstaunlich gewöhnlich: Er habe nach der Geburt seines Sohnes erkannt, dass Fußball keine Frage von Leben oder Tod sei, sondern allein Gegenstand der Inspiration und Freude.

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So gewöhnlich, wie einem diese Huldigung vorkommen mag, ist sie nicht. Klopp wurde früh Vater, er sei damals selbst noch fast ein Kind gewesen. Er spielte in einem Amateurteam, studierte und arbeitete in einem Lager, um Geld zu verdienen, weil er ja ein Kind versorgen musste. Dass er mal zum besten Fußballtrainer der Welt gekürt würde, konnte er nicht ahnen - aber inzwischen meint er zu wissen, dass ihn diese Zeiten, in denen er von heute auf morgen hat erwachsen werden müssen, für das ganze Leben erzogen haben. Sie hätten ihn gelehrt, sein heutiges privilegiertes Dasein ständig lächelnd zu genießen, schlussfolgert Klopp.

Klopp ist in England nicht anders als in Mainz oder Dortmund

Auch in dieser ideellen Sicht auf die wesentlichen Dinge findet sich eine Erklärung für die fast unheimliche Wirkung, die Klopp auf seine Mitbürger und die ihm anvertrauten Fußballer ausübt. Seine reflektierten Ansichten vermittelt er ohne missionarischen Eifer, aber nicht weniger eindringlich. Liverpool ist nun der dritte Ort, an dem er nicht viele, sondern alle Menschen verzaubert. Es ist in England nicht anders als in Mainz und in Dortmund, wo er zuvor Trainer war. Mit seinem Charisma und Humor, seiner Rhetorik und Autorität vermag er außer Spielern und Klubpersonal - die milliardenschweren US-Besitzer inbegriffen - die Bewohner kompletter Landstriche zu vereinnahmen. Wie ein Prediger. Aber ohne von Teufel und Erlösung zu predigen.

Zwar konnte man sich Klopp schlecht beim Fünf-Uhr-Tee mit Gurkensandwiches vorstellen, auch nicht im Tweedanzug bei der Entenjagd, aber dass seine Ausstrahlung auch in Liverpool zur Geltung kommen würde, war abzusehen. Als er sich vor vier Jahren mit einem ausnahmsweise einstudierten Scherz dort vorstellte, hatte er schon gewonnen. Im Vergleich mit dem berüchtigten Kollegen José Mourinho, der sich "the special one" taufte, präsentierte sich Klopp als "the normal one". Ein witziger Deutscher, das fanden die Engländer unglaublich. Dass seine Lehre vom "Vollgasfußball" zum Kampfsport in der Premier League passen könnte, war ohnehin klar. Inzwischen hat er sein taktisches Programm um andere Töne und Inhalte erweitert, er ist ein wenig ruhiger geworden, hat Selbstbeherrschung gelernt und nötigt die Schiedsrichter nicht mehr wie früher zum Davonrennen, wenn er ihnen mit gefletschten Zähnen und Drohgebärden erschien.

Beinahe könnte man meinen, Klopp - durchaus Freund derber Umgangsformen - habe sich in England zum Gentleman entwickelt. Sein größter Widersacher ist wie in seiner Zeit als BVB-Trainer Pep Guardiola. Als Liverpool die Champions League gewann, war der Spanier noch vor Klopps Ehefrau Ulla zur Stelle, um zu gratulieren. Klopp war ernsthaft gerührt. Und versprach: "Nächste Saison werden wir uns wieder in den Hintern treten." Schon geschehen. Pep Guardiola wurde bei der Fifa-Wahl hinter Jürgen Klopp Zweiter.

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