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Weltfußballer-Wahl mit Rapinoe und Klopp:Haltung statt Hattricks

Die Fifa-Wahl liefert ausnahmsweise mal Gewinner mit gesellschaftlicher Relevanz. Weltfußballerin Megan Rapinoe und Welttrainer Jürgen Klopp sind Figuren, die über den Fußball hinaus wirken.

Kommentar von Jonas Beckenkamp

Dass bei der diesjährigen Vergabe des sogenannten "Weltfußballers" einiges besser lief als im vergangenen Jahr beim "Ballon d'Or", zeigt schon die Tatsache, dass niemand zum Twerken aufgefordert wurde. Zur Erinnerung: 2018 erlebte die frisch gewählte Goldball-Gewinnerin Ada Hegerberg auf der Bühne einen Moment schlimmster Niedertracht, als sie der musizierende Knöpfchendreher Martin Solveig zum Powackel-Tanz bat. Diesmal gab es bei der Gala in Mailand keinen Solveig - dafür bekamen mit Megan Rapinoe, 34, und Jürgen Klopp, 52, die richtigen zwei Vertreter des Fußballs eine Auszeichnung.

Man kann von diesem Showevent nach dem Geschmack der Fifa halten, was man will - der sportliche Wert ist überschaubar und meist gewinnen ohnehin die Beteiligten mit den meisten Instagram-Followern (der fünfmalige Sieger Cristiano Ronaldo kommt auf mehr als 184 Millionen). Aber in Megan Rapinoe (2,2 Millionen) als Weltfußballerin und dem Welttrainer Jürgen Klopp lässt sich gut leben. Die sportlichen Meriten der beiden sind unbestritten: Rapinoe schoss die USA mit sechs Toren zum WM-Titel in Frankreich, Klopp gewann die Champions League mit dem FC Liverpool. Beide sind würdige, symbolhafte Gewinner, deren Weltgewandtheit zudem über den Fußballplatz hinauswirkt. Natürlich ist die Weltfußballer-Wahl in erster Linie die Kürung der besten Fußballer und Fußballerinnen - aber ein Blick über den Tellerrand des Spiels hinaus ist dennoch begrüßenswert.

Was Klopps und Rapinoes Wahl besonders macht, ist ihre gesellschaftliche Relevanz. Ihre Bedeutung abseits der großen Titel und Triumphe. Wo Ronaldo und der nun sechsmalige Sieger Lionel Messi schweigen, tun sich Rapinoe und Klopp durch Haltung hervor. Rapinoe nutzte einen der raren Augenblicke, in denen die Welt auf den Fußball der Frauen schaut, um sich öffentlichkeitswirksam mit Donald Trump anzulegen. Sie sprach sich gegen sein zersetzendes Geschrei aus und appellierte an das Verantwortungsgefühl aller Amerikaner. Einen Besuch im Weißen Haus zur Feier der Weltmeisterinnen lehnte sie ab. Deutlicher ließ sich nicht demonstrieren, dass zwischen Sport und Politik eben doch keine so scharfe Trennlinie verläuft, wie es die Infantinos dieser Welt gerne suggerieren - natürlich nur, wenn es in ihre Agenda passt.

Auch Jürgen Klopp ist keiner, der sich zurückhalt. Wer ihn beispielsweise über den Brexit reden hörte, erlebte einen, dem die Gemeinschaft, der Zusammenhalt wichtig ist. Klopp gilt als überzeugter Europäer, ein linksliberaler, lebenspraller Menschenfänger, der an seinen Arbeitsstätten meist gewaltige Emotionen entfacht. Neuerdings spendet er wie einige andere Fußballgrößen Geld für das Projekt "Common Goal". In Liverpool hat er seine Weltsicht als Humanist auch ein Stück weit auf seinen Klub übertragen. So wie er sich nach außen gibt, coacht er auch seine Mannschaft. Mit Geschick in der Ansprache, Authentizität und natürlich seinem prägendsten "Soft Skill", der Motivationskunst. Klopps ganzes Auftreten macht ihn einzigartig. Wer würde sonst nach einem 0:3 im Hinspiel in Barcelona Sätze wie diese sagen: "Wenn wir es noch schaffen, wunderbar. Wenn nicht, dann lasst uns möglichst schön scheitern."

So lässt sich an der Weltfußballer-Gala letztlich nur ein Kritikpunkt finden - der aber wiegt schwer: Das Abstimmungsgremium aus Fans, Trainern und Fußballern hat es mit seiner Wahl verpasst, endlich mal wieder einen Abwehrspieler als Weltbesten auszuzeichnen. Liverpools Defensivriese Virgil van Dijk ging leer aus, dabei hätte er dank seines herausragenden Jahres den Titel durchaus verdient gehabt. Seit 2006 (als der Italiener Fabio Cannavaro gewann) haben somit nur Stürmer den Pokal abgeräumt. In einer Welt, die nach Hattricks und Torjägern giert, sind sie eben jene Gladiatoren, die am meisten Aufmerksamkeit bekommen. Und sie müssen dafür nicht einmal twerken.

© SZ.de/tbr

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