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Jorge Valdano:"Die da draußen, sie geben dem Ganzen eine Seele"

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Jorge Valdano sagt, die Zuschauer wollen "Emotionen, Abenteuerlust, Attraktivität", wenn sie Fußball schauen.

(Foto: Mario Guzman/dpa)

Der frühere argentinische Weltmeister Jorge Valdano ist heute Kolumnist. Er spricht über die Zukunft des Fußballs ohne Publikum, Herausforderungen für die Spieler - und warum Fußball wie Poesie ist.

Unter den Memorabilien, die Jorge Valdano hütet, ist ein Ticket, das an das krankheitsbedingte Ende seiner erfolgreichen Fußballkarriere als Aktiver erinnert: eine Eintrittskarte für ein Landesmeisterpokalspiel vom 4. März 1987. Ein Fan hat sie ihm übereignet, als feststand, dass der Tag der 2:4-Hinspielniederlage von Real Madrid bei Roter Stern Belgrad (Rückspiel 2:0) der letzte war, an dem Valdano 90 Minuten durchgehalten hatte. Er konnte damals schon, mit 31 Jahren, auf brillante Zeiten zurückblicken, unter anderem gewann er mit Real zwei Meisterschaften und zwei Uefa-Pokale, mit Argentinien wurde er 1986 in Mexiko Weltmeister.

Danach wandte er sich der Publizistik zu. Er reüssierte als Kolumnist, Fernseh- und Radioexperte, aber auch als Buchautor und Herausgeber von Erzählungen - geprägt von der Fähigkeit, das zu verbalisieren, was er auf dem Rasen gelernt hat. Valdano lebt weiter im Zentrum von Madrid, erlebt dort zurzeit mit einiger Skepsis, dass die Terrassen wieder gut gefüllt sind - und schaut daheim die Spiele der deutschen Bundesliga.

SZ: Herr Valdano, die Bundesliga hat ein weltweites Alleinstellungsmerkmal. Sie ist vorerst der einzige Wettbewerb von Rang, der Livespiele anbieten kann. Und schon geht der FC Bayern hin und zerstört mit dem 1:0-Sieg bei Borussia Dortmund vom Dienstag die größtmögliche Emotion: den Kampf um den Titel.

Die charakteristische Gründlichkeit Deutschlands hat seinen Fußball in einem dramatischen Augenblick an eine privilegierte Stelle gerückt. Die Scheinwerfer der Welt waren auf Deutschland gerichtet. Und ja, um es kommerziell auszudrücken: Bayerns Sieg hat das Produkt entwertet.

Aus ein paar Tagen Entfernung: Welche Schlüsse ziehen Sie aus dem so genannten deutschen Klassiker?

Ich sah einen sehr guten Dortmunder Beginn, der jedoch nur einen überraschend kurzen Zeitraum anhielt. Der FC Bayern hat dann eine fußballerische Reife gezeigt, die es ihm erlaubte, die technische Überlegenheit der Borussia auszugleichen, um das Spiel zu dominieren und den Eindruck zu hinterlassen, über eine größere Autorität als Dortmund zu verfügen. Mir scheint, dass der Abstand zwischen beiden Mannschaften in der Tabelle mehr mit dieser Wettbewerbsreife des FC Bayern denn mit seiner technischen Qualität zu tun hat.

Woran liegt es, dass sich dieses Charakteristikum über eine lange, der Corona-Krise geschuldeten Pause gehalten hat?

Einige der älteren Spieler wie Thomas Müller bewahren noch immer eine Wettbewerbs-Wildheit, die ansteckend ist. Die Jungen scheinen sich zu sagen: "Wenn schon der Alte rennt, sollten wir dann nicht auch laufen?" Zudem gibt es Spieler wie Joshua Kimmich, die jung sind, aber schon die Weisheit eines Veteranen verströmen. Es scheint, als habe er ein entspanntes Verständnis zum Spiel. Er hat sehr große strategische Kenntnisse, die dem ganzen Team dienlich sind. Über ihn kann man sagen, was man in Argentinien über Osvaldo Ardiles sagte, den Weltmeister von 1978: Er ist der Partner aller.

Und dann macht Kimmich auch noch diesen Lupfer vom Strafraumrand zum 1:0...

Nach nur einem Augenschlag eine solche technische Qualität an den Tag zu legen, das hatte etwas Brasilianisches.

Es steht zu vermuten, dass auch Sie Lust hatten, mehr von Erling Haaland zu sehen. Oder?

Natürlich. Aber wenn ein 19-Jähriger jetzt in den Nachrichten ist, weil er mal kein Tor geschossen hat, bedeutet es, dass wir vor etwas Außergewöhnlichem stehen.

Haaland gilt wie der Franzose Kylian Mbappé schon jetzt als der Star der Zukunft. Als möglicher Nachfolger von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi, den Herrschern des Weltfußballs. Bricht die Dominanz dieser beiden durch die Pause auf, und kann man überhaupt mit direkten Nachfolgern rechnen?

Die Sequenz der Genies beträgt etwa 15 Jahre. Es wird auch jetzt bessere und schlechtere Fußballer geben, aber ein Pelé, Maradona, Messi sind fast schon genetische Wunder. Die Erfahrung besagt also, dass wir noch werden warten müssen.

Welche grundsätzlichen Schlüsse ziehen sie aus den Bundesliga-Geisterspielen?

Ich sehe große Unterschiede zwischen den Großen und den Kleinen. Und ich habe defensive Fehler gesehen, die in einigen Fällen ordinär waren. Ich bringe das mit dem fehlenden Publikum in Verbindung, weil das eher auf die Defensivsysteme ausstrahlt. Das Publikum stützt dich vor allem in Fragen der Anstrengung und der Konzentration. In den Offensivsystemen drückt sich Talent mitunter ohne Publikum freier aus als mit Publikum.

Sie schrieben kürzlich, dass Sie durch die Geisterspiele viele Vorurteile über den Haufen werfen mussten, die Sie gegenüber dem deutschen Fußball pflegten. Welche waren das?

Der Ursprung meiner Vorurteile liegt in meiner südamerikanischen Herkunft. Die Technik und die Keckheit, die von der Straße stammen, haben meinen Fußballgeschmack geprägt, und das ist etwas, was ich in Deutschland immer noch nicht sehe.

Aber?

Bei Dortmund gegen Bayern zum Beispiel habe ich 90 Minuten lang etwas beobachtet, was ich sehr schätze: die Ambition zu attackieren. Beide Mannschaften waren auf ihre jeweils eigene Art wettbewerbsfähig, haben dabei nie den Fußball gefleddert und setzten auf Risiko, auch wenn sie dafür ihre jeweiligen Grenzen überwinden mussten. Das ist bemerkenswert, weil ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der die Spekulation auf ein Resultat schlecht fürs Geschäft ist. Die Leute wollen Emotionen, Abenteuerlust, Attraktivität, und das alles hat mit Angriffsfußball zu tun.

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