Corona im japanischen Fußball:Japan testet sich aus der Jubellosigkeit

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Corona im japanischen Fußball: Länderspiel Japan gegen Ghana im Noevir Stadium von Kobe: Noch am 10. Juni ging es fast mucksmäuschenstill zu in japanischen Stadien.

Länderspiel Japan gegen Ghana im Noevir Stadium von Kobe: Noch am 10. Juni ging es fast mucksmäuschenstill zu in japanischen Stadien.

(Foto: Charly Triballeau/AFP)

Anfeuern als Sicherheitsrisiko: Auch im dritten Coronajahr ist die J-League der wohl hygienischste Fußballbetrieb der Welt. Unterwegs mit zwei Fans, die im Stadion nicht länger schweigen wollen.

Von Thomas Hahn, Saitama

Yoshio Kobayashi hatte immer vermutet, dass der Torjubel ein Trieb ist, den man als Fußballfan nicht unterdrücken kann. Selbst dann nicht, wenn es aus Gründen des Infektionsschutzes besser wäre, sich still zu freuen. Und heute, in der dritten J-League-Saison der Pandemie, kann er als Stammgast und glühender Verehrer des Erstligaklubs Urawa Red Diamonds sagen: Die Vermutung stimmte.

Das Coronavirus war für Kobayashi nie ein Grund, dem Fußball fernzubleiben. "Wenn wir Karten kaufen konnten, sind wir ins Stadion gegangen." Dort unterwarf er sich bereitwillig den Regeln zum Corona-Schutz. Er trug Maske, verzichtete auf Anfeuerung, sang keine Lieder über sein Lieblingsteam. Er fand das richtig. Er findet das immer noch richtig. Aber ein totales Jubelverbot war zu hart. Wenn Urawa den Ball ins Netz setzte, löste das in Kobayashi einen Reflex aus, den er nicht unterdrücken konnte. "Ich habe gejubelt." Er gibt es offen zu. Er ist ein Fan, kein Roboter.

Gegen die Kräfte der Fußballliebe kann keiner etwas machen, deshalb nimmt auch die japanische J-League gnädig in Kauf, dass ihre drei Profiligen beim Thema Corona-Neutralität nicht ganz sauber bleiben können. Trotzdem dürfte sie derzeit einen der hygienischsten Spielbetriebe der Welt anbieten. Denn während etwa die deutsche Bundesliga am Ende ihrer Saison im Mai wieder so lärmend und lebendig wie vor der Pandemie wirkte, tastet sich der japanische Fußball in seiner aktuellen Spielzeit von März bis November erst sehr vorsichtig aus seiner pandemischen Jubellosigkeit.

Er trifft damit den japanischen Zeitgeist. Im ganzen Inselstaat will man noch nicht so richtig aus der Deckung. Die Coronavirus-Varianten sind schließlich nicht weg. Nippons Menschen tragen weiterhin überall Maske, die meisten sogar, wenn sie allein auf offener Straße sind. Erst seit 10. Juni vergibt Japans Regierung zögerlich einige Visa an Touristen aus dem Ausland, um nach über zwei Jahren des Einreisestopps das Land langsam zu öffnen. Und in den Fußballstadien geht es weiterhin zu wie beim klassischen Konzert.

Auszug aus den Corona-Regeln der J-League: "Verbotene Handlungen sind wie folgt: Lautes Anfeuern wie Singen von Liedern, auf den Fingern zu pfeifen, Buhen." Gefordert wird vom Publikum ein "einheitlicher Jubelstil", demnach sind "akzeptabel": "Trommeln und andere Klänge, die am Platz erzeugt werden können, in die Hände klatschen, klatschen." Der Jubelschrei gilt als Sicherheitsrisiko.

Corona im japanischen Fußball: Zwei, die ihre Urawa Red Diamonds so gerne auch wieder lauter unterstützen würden: Yoshio Kobayashi (re.) und sein Sohn Takahiro.

Zwei, die ihre Urawa Red Diamonds so gerne auch wieder lauter unterstützen würden: Yoshio Kobayashi (re.) und sein Sohn Takahiro.

(Foto: Hahn)

Reds-Fan Yoshio Kobayashi, 51, im wirklichen Leben Firmenangestellter, und sein Sohn Takahiro, 19, Jura-Student, stehen im Lokalzug Richtung Urawa, einem Stadtteil von Saitama in der riesigen Metropolregion Tokio. Sie sind auf dem Weg zum Heimspiel gegen Nagoya Grampus. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Stadion zu kommen, ist eigentlich auch eine Anti-Corona-Bitte der J-League. Aber das ist schwierig für die Kobayashis, denn ihr Wohnort Akitsu in Tokios Westen ist etwas zu weit weg.

Sie tragen Urawa-Trikots, sind nüchtern, vergnügt und ihrem Klub ergeben. "Alle Spiele kann ich rational anschauen, aber bei Urawa ..." Yoshio Kobayashi lacht glucksend. Die Reds sind Teil seines Lebens. Er erinnert sich noch an die erfolgreichen Gastspiele des deutschen 1990-Weltmeisters Guido Buchwald, von 1994 bis '97 als Verteidiger, später als Coach. Selige Zeiten. Und nun? Seit 23. Februar 2020, dem letzten Spieltag ohne Pandemie-Regeln, muss er wichtige Instinkte seiner Fußballfan-Existenz verleugnen. "Shoganai", sagt Yoshio Kobayashi, nichts zu machen. "Mein Eindruck ist, dass die J-League vorsichtig mit der Pandemie umgegangen ist." Keine Beschwerden. Und Takahiro verteidigt Urawas mittelprächtigen Tabellenstand: "Viele neue Spieler sind noch nicht integriert."

Erinnerungen an Guido Buchwald, den deutschen Weltmeister in Japans Fußball

Harmonie und Einsicht sind japanische Tugenden. Und gerade die Massenkonsum-Branche will nicht Japans ordentliche Corona-Bilanz aufs Spiel setzen. In einer Umfrage stellte die J-League zwar fest, dass 76 Prozent der Fans die Rückkehr zum Schlachtruf unterstützen. Aber mit Vorsicht kann sie ja nichts falsch machen. Deshalb hat sie es nicht eilig.

Vorvergangenes Wochenende gab es die ersten Tests mit Anfeuerung. Beim Zweitliga-Match Tokyo Verdy - Morioka Grulla (2:2) und im Ligapokal-Rückspiel der Kashima Antlers gegen Avispa Fukuoka (2:1) durften insgesamt rund 2000 - natürlich maskierte - Fans singen und schreien wie in den guten vorpandemischen Zeiten. Für die Versuche wurden in den Stadien Blöcke reserviert, die nur zu 25 Prozent besetzt sein durften. Die Spieler spürten den Unterschied. Hayato Nakama, neu bei den Antlers, sagte in der Japan Times: "Zum ersten Mal habe ich Anfeuerung im Kashima-Stadion gehört und es ging mir unglaublich ans Herz."

Aber die Partie Urawa - Nagoya fällt noch unter die Ruhe-Verordnung. Ins Saitama-Stadion, Spielort der WM 2002 in Japan und Südkorea, sind knapp 29 000 Menschen gekommen. Große Tafeln am Eingang erklären die Zugangsbeschränkungen, Maskenpflicht, Temperaturkontrolle, Handdesinfektion. Das Ticket am Eingang soll man selbst abreißen, um Körperkontakte zu vermeiden. Impfnachweis oder Negativtests braucht dagegen niemand. Und auf den Zuschauertribünen sitzen die Leute ganz normal nebeneinander.

Aber sie sind eben leise.

Gemurmel vor dem Einmarsch der Teams. Warmer Applaus, als sie kommen. Rhythmisches Klatschen während der Partie. Keine Gesänge, keine Schlachtrufe, nicht einmal eine vereinzelte Gegnerbeschimpfung. Nur wenn Urawa trifft, was an diesem Abend drei Mal passiert, entlädt sich eine Art Torschrei. Schnell geht er in Applaus über. Dazu schweigendes Fahneschwenken hinter den Toren. Es ist ein schönes Spiel. Aber ohne den Lärm aus den Fankurven wirkt es wie ein Gemälde, aus dem die Farben getropft sind.

Die Fans scheinen sich daran gewöhnt zu haben. Man schaut, klatscht, hält den Mund, geht heim. Keine große Sache. "Das wird wohl auch noch eine Weile so weitergehen", sagt Yoshio Kobayashi. Wie lange? Schwer zu sagen. Die nächste Testrunde mit Anfeuerung plant die J-League für Juli. Dann bei insgesamt sechs Spielen in erster und zweiter Liga.

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