Island bei der Fußball-EM:Glaube versetzt Vulkane

Islands Nationalmannschaft feiert ihren sensationellen Einzug ins EM-Viertelfinale mit erstaunlicher Coolness. Im Viertelfinale wartet Frankreich - aber der Außenseiter hat keine Angst.

Von Maik Rosner, Nizza

Wenn es überhaupt noch eines Beweises für die Coolness der Nationalspieler aus Island bedurfte, dann erbrachte ihn Ragnar Sigurðsson. Noch im Trikot und bald nach den ersten Feierlichkeiten auf dem Rasen war der Innenverteidiger aufs Podium im Bauch der Arena von Nizza geklettert. Nun gab er dort in aller Gemütsruhe Auskunft über eine der größeren Sensationen der jüngeren Fußballgeschichte.

"Es lief ganz gut", sagte Sigurðsson nach dem 2:1 im Achtelfinale gegen England, und nein, "wir waren nicht wirklich gestresst, außer in den letzten Minuten". Im Viertelfinale stehe vermutlich ein ähnliches Spiel an, Frankreich spiele schließlich vergleichbar mit England. "Die Franzosen haben bisher noch nicht ihren besten Fußball gezeigt", befand Sigurðsson weiter, "aber wir auch nicht."

Wer seinen Ohren nicht traute, für den hatte der Mann des Montagabends im kleinen Stadion an der Côte d'Azur noch eine Zugabe. Am Sonntag im Nationalstadion in Saint-Denis gegen den EM-Gastgeber "wollen wir etwas dominanter spielen", sagte er. Und als es noch einmal um die zurückliegende Partie gegen England und die ziemlich hilflosen Angriffsversuche des großen Favoriten ging, sagte Sigurðsson: "Wie Sie ja wissen: Es ist nicht einfach, gegen Island Tore zu erzielen."

Es hat im Fußball schon viele Überraschungen gegeben, bei einer EM sogar einmal eine ausgewachsene Sensation, als der Außenseiter Griechenland mit dem deutschen Trainer Otto Rehhagel 2004 den Titel gewann. So weit ist es mit Island noch lange nicht, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es so weit auch nicht kommen. Trotz des Flows, in dem sich Islands Mannschaft befindet, und der eine Parallele darstellt zu den Griechen mit Rehakles.

Jene Geschichte, die die Isländer nun zwölf Jahre später fortschreiben, bezieht ihren besonderen Reiz aber aus ihrer einzigartigen Dimension. Gerade einmal 323 000 Einwohner leben ja im kleinsten Land, das je an einer EM oder WM teilgenommen hat. Und nun spielt diese isländische Auswahl bei ihrem Turnierdebüt gegen traditionelle Fußballnationen auf der großen Bühne so, wie Sigurdsson spricht: ruhig, besonnen, keck und selbstbewusst. Vor allem aber sind die weitgehend unbekannten Kicker von der Insel im Nordatlantik cool genug, um nicht zu überdrehen nach all ihren erstaunlichen Erfolgen. Was offenbar auch viel mit Heimir Hallgrímsson zu tun hat, neben dem Schweden Lars Lagerbäck Trainer der Isländer.

"Wir haben einen Matchplan"

"Alles kann passieren in einer K.-o.-Phase eines Turniers, wir können jeden schlagen", sagte Hallgrímsson, "aber wir sind realistisch. Wir wissen: Wir können auch verlieren." Er legt erkennbar Wert auf eine psychologische Begleitung des Projekts, darauf, die Spieler optimal auszubalancieren zwischen Konzentration, Begeisterung und Entspannung. Und er schuf schnell neue Anreize.

Er sagte: "Wenn man das Beste im Leben erreichen will, muss man bereit sein, wenn sich die Chance dazu bietet. Das waren die Jungs. Jetzt bietet sich vielleicht die Chance auf etwas noch Größeres." Er hoffe, die Spieler könnten sich weiter steigern. "Womöglich war das jetzt unser bestes Spiel bisher. Hoffentlich kommt unser bestes Spiel aber erst noch", sagte Hallgrímsson.

5000 Fans sprangen im Stadion in die Luft

Es wirkt beinahe, als seien sie Isländer von ihren Erfolgen noch nicht einmal wirklich überrascht. Selbst die beiden Torjubel nach den Treffern von Sigurðsson (6.) und Kolbeinn Sigþórsson (18.) fielen geradezu abgeklärt aus. Und das, obwohl England durch Wayne Rooneys Foulelfmeter in Führung gegangen war (4.). "Wir haben einen Matchplan, und wir glauben daran", sagte Hallgrímsson. Glaube versetzt in ihrem Fall offenbar Vulkane.

Erst als es wirklich vollbracht war, wurde ausgiebig gefeiert. Vor allem direkt nach dem Schlusspfiff mit den rund 5000 Fans im Stadion, die zusammen mit den Spielern so laut jubelten und ausgelassen durch die Gegend sprangen, dass daheim auf Island vermutlich die Seismografen vibrierten. Wenn es so war, hat es vermutlich niemand gemerkt, denn die Menschen in der Hauptstadt Reykjavík und anderswo in der Heimat waren ebenfalls mit Feiern beschäftigt.

Er hoffe, sagte Hallgrímsson noch, dass den isländischen Fans für das Spiel im Stade de France am Sonntag mehr Tickets zur Verfügung gestellt werden. Schließlich steht ja mal wieder das nächste, größte Spiel in der Geschichte Islands an. Und ganz offenbar ist die Mannschaft fest entschlossen, ihre wundersame Turnierreise auch danach fortzusetzen.

© SZ.de/fued
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB