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EM-Aus gegen Island:England liefert monumentale Szenen des Scheiterns

Ein Trainer, der seine Abschiedsrede schon vor dem Spiel vorbereitet hatte und eine Elf, die aufhört, ein Fußballteam zu sein - Englands Aus gegen Island erzählt bizarre Geschichten.

Von Maik Rosner, Nizza

Roy Hodgson las und las, er hob den Blick und senkte ihn wieder, zurück zu dem Zettel in seinen Händen. Minutenlang ging das so. Es fielen gegensätzliche Begriffe wie "inakzeptabel" und "extrem talentiert", und zu Beginn hatte der 68-Jährige gesagt, er sei natürlich "äußerst enttäuscht". Ganz am Ende sagte er: "Ich hoffe, dass Sie noch eine englische Mannschaft in einem Finale erleben werden."

Mit seinem Vortrag entledigte sich Hodgson des Amtes, das er noch bekleidet hatte, als er rasch nach dem Abpfiff dieses denkwürdigen Spiels gegen Island zur Pressekonferenz geeilt war. Wenngleich er gerne zwei weitere Jahre geblieben wäre, wie er zwischendurch sagte, "ist es nun an der Zeit für jemand anderen". Bald darauf stand er auf und ging, Fragen wollte er nicht mehr beantworten.

Nicht jene nach den Ursachen für das EM-Aus. Und zum Beispiel auch nicht jene nach dem Eindruck, der sich wegen der langen Erklärung aufdrängte: Hatte Hodgson sich für den Fall der Fälle vorbereitet und den Zettel mit seiner Abschiedsrede schon bei sich gehabt, als das Spiel begann? Beinahe als eine Art Vorhersehung der "schlimmsten Niederlage unserer Geschichte", wie der ehemalige Nationalspieler und heutige TV-Experte Gary Lineker nach dem 1:2 gegen Island twitterte. Es war jedenfalls kaum vorstellbar, dass Hodgson oder ein Helfer die Abschiedsrede so schnell nach dem Abpfiff verfasst haben konnte.

Hodgsons Vertrag war mit dem Turnier-Aus ohnehin abgelaufen. Doch der seit 2012 amtierende Trainer befand sich in Gesprächen mit dem englischen Fußballverband FA, kam nun aber seinen Vorgesetzten zuvor, die unter diesen Umständen ohnehin den Verzicht auf eine weitere Zusammenarbeit hätten erklären müssen.

Die Umstände, das waren dieses erneute Aus im Achtelfinale und die geradezu bizarr anmutende Pleite gegen Island. Gegen das mit 323 000 Einwohnern kleinste Land, das je an einer EM oder WM teilgenommen hat. Und das bei seinem Turnierdebüt nun im Viertelfinale steht, obwohl Englands Kapitän Wayne Rooney den großen Favoriten rasch in Führung gebracht hatte (4.). Sogar mit einem Elfmeter, eine Disziplin, die bei den vorherigen Turnieren nach vielen Fehlschüssen in unschöner Regelmäßigkeit Schimpf und Schande über englische Nationalteams gebracht hatte.

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