Handball:Omikron sitzt auf der Bank

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Handball: Allgegenwärtiges Accessoire: Die Maske gehört bei dieser EM zur Ausstattung der deutschen Handball-Nationalspieler wie das Trikot.

Allgegenwärtiges Accessoire: Die Maske gehört bei dieser EM zur Ausstattung der deutschen Handball-Nationalspieler wie das Trikot.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Trotz großer Vorsicht der Mannschaften gibt es bei der Handball-EM immer wieder Corona-Ausbrüche, die Situation gleicht einer Lotterie. Verband und Veranstalter müssen sich fragen, warum sie auf das Konzept einer "Blase" verzichtet haben.

Von Michael Wilkening, Bratislava

Ungläubigkeit ist ein fester Bestandteil dieser Handball-Europameisterschaft geworden. Das hat weniger mit spektakulären Anspielen oder unerwartet stark auftretenden Mannschaften zu tun. Sondern mit dem Coronavirus, das sich anscheinend willkürlich durch ganze Mannschaften frisst. Es hat das Turnier in eine Lotterie verwandelt, in der alle darauf hoffen, dass sich der Erreger nicht in die eigene Gruppe einschleicht.

In dieser unrühmlichen Verlosung hat es die Delegation des deutschen Handballbundes hart erwischt - trotz großer Vorsichtsmaßnahmen infizierten sich bislang 13 Spieler und eine Person aus dem Trainerteam. "Es ist ein Wahnsinn, was der deutschen Mannschaft da passiert", sagte auch der norwegische Nationalspieler Harald Reinkind, der für den THW Kiel in der Bundesliga spielt. Die Norweger haben bislang nicht einen positiven Fall gemeldet. "Wir sind sehr vorsichtig, aber das sind die Deutschen auch", sagte Reinkind, der sich mit seinem Kieler Teamkollegen und deutschen Nationalspieler Patrick Wiencek austauscht. Für die Mannschaften geht es nicht nur darum, Sieg um Sieg einzufahren, sondern dabei gesund und von dem Virus verschont zu bleiben.

Warum wurde die Taktik der WM 2021 nicht übernommen?

Die EM in der Slowakei und Ungarn steht längst im Zeichen des Coronavirus. Trotzdem hatte sich die europäische Handballföderation (EHF) bei der Problematik vor allem in Schweigen geübt - keine öffentliche Äußerung, keine Meldungen zu positiven Tests. Es entstand der Eindruck, der Veranstalter wolle die Thematik kleinhalten. Doch der Druck auf die Organisatoren sowie die Ausrichternationen Slowakei und Ungarn wuchs mit jedem weiteren Corona-Fall. Vor wenige Tagen äußerte sich dann endlich Generalsekretär Martin Hausleitner: "Die Omikron-Variante ändert alles", sagte er. "Als das Hygienekonzept entwickelt wurde, war die Situation eine andere", verteidigte Hausleitner das Vorgehen.

Es stellt sich aber die Frage, warum für die EM keine sogenannte Blase geschaffen wurde wie bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Ägypten. Damals hatte der Weltverband Spieler, Offizielle, Schiedsrichter und Journalisten von der Außenwelt abgetrennt und somit die Zahl der Corona-Fälle, die vor Turnierbeginn bei einigen Mannschaften noch häufig waren, deutlich eingedämmt. Warum diese Taktik nicht übernommen wurde? "Damals gab es keine Impfung, jetzt können wir so etwas nicht mehr machen", erklärte Hausleitner. Der Verband hatte darauf gebaut, dass die Infektionsrisiken kalkulierbar bleiben würden. Nun muss er täglich sehen, dass die Realität eine andere ist.

Die Corona-Maßnahmen in Bratislava sind derzeit strenger als in Deutschland

Die sieht in Bratislava, einem der beiden Spielorte der EM-Hauptrunde, so aus: Es gibt zwei Hotels, in denen die Mannschaften untergebracht sind, die Teams selbst können sich abschotten, und sie tun das auch. Trotzdem bleiben die Unterkünfte für jedermann zugänglich. Im Hotel der Deutschen haben sich unter anderem Fernsehteams eingebucht, die über die EM berichten.

Das bedeutet nicht, dass es keine Sicherheitsvorkehrungen gibt. In Bratislava gilt eine generelle Maskenpflicht in Innenräumen und eine Verpflichtung zu 3G. Ein harter Lockdown endete erst Anfang Januar, inzwischen müssen Restaurants erneut spätestens um 22 Uhr schließen. Die Corona-Maßnahmen in der Slowakei sind derzeit strenger als in Deutschland.

Die hochansteckende Omikron-Variante setzt sich aber über diese Hygienekonzepte hinweg. Der deutschen Mannschaft halfen selbst strengste, selbst auferlegte Vorgaben nichts. Die DHB-Spieler halten sich aktuell beinahe ausschließlich in Einzelzimmern auf, verlassen diese nur, um sich am Buffet Essen zu holen, zu trainieren oder zu spielen. Teamsitzungen finden digital statt. Bei der Niederlage gegen Spanien trugen die Spieler auf der Bank durchgängig Masken, die sie erst abnahmen, wenn sie aufs Feld liefen. Nach den Partien fahren die Handballer ungeduscht ins Hotel zurück. Direkte Kontakte werden vermieden, nur auf dem Parkett sind sie unvermeidbar.

"Es ist eine sehr verrückte Situation", räumte Paul Drux ein. Der Rückraumspieler der Füchse Berlin ist einer von elf Nachrückern der deutschen Mannschaft und lebt abgeschirmt von seinen Teamkollegen in seinem Zimmer. Drux kennt den Großteil seiner Kollegen immerhin schon ein paar Jahre. Für Daniel Rebmann ist die Situation deutlich skurriler. Der Torwart von Frisch Auf Göppingen absolviert bei der EM seine ersten Länderspiele und steht mit Kollegen auf dem Feld, die er eigentlich gar nicht kennt. "Es gibt auch keine Gelegenheit, die Jungs kennenzulernen", sagte Rebmann. Der 28-Jährige lebt gerade seinen Kindheitstraum, weil er das Trikot der Nationalmannschaft überstreifen darf. Genießen kann er das aber nicht.

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