Doll gewinnt im Massenstart:Ein Schub zum richtigen Zeitpunkt

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Doll gewinnt im Massenstart: "Ich weiß, es passt alles": Benedikt Doll versenkt in Antholz 19 von 20 Scheiben.

"Ich weiß, es passt alles": Benedikt Doll versenkt in Antholz 19 von 20 Scheiben.

(Foto: Matthias Schrader/dpa)

Benedikt Doll gewinnt seinen ersten Weltcup seit 2019 - weil es ihm gelingt, die Konzentration bis zum letzten Schuss aufrecht zu erhalten. Das Timing könnte für die deutschen Biathleten vor Olympia besser kaum sein.

Von Saskia Aleythe

Kommt er noch? Ein Johannes Thinges Bö kann ja immer noch kommen, unbequemer hätte es Benedikt Doll also gar nicht erwischen können auf der letzten Runde im Massenstart von Antholz. Also rannte Doll - nein, er flüchtete, wie ein Taschendieb vor der Polizei. Aus sieben Sekunden Vorsprung wurden 15, Doll schaute immer wieder über seine Schulter, aber da lagen nur Schnee und Wald hinter ihm. Selbst beim Einbiegen auf die Zielgerade wollte sich Doll noch vergewissern, dass dieser Sieg wirklich seiner wird. Dabei ist er selbst ja auch nicht irgendwer, über ihn sagen sie schließlich im deutschen Team: An einem guten Tag ist für Doll alles drin.

Gute Tage versucht Doll gerade anzuhäufen und im Archiv unter "S" wie Selbstbewusstsein abzuspeichern. Der 31-Jährige musste lange auf sie warten, über zwei Jahre war sein letzter Weltcup-Sieg bis zuletzt her. Beim zweiten Platz im Sprint von Ruhpolding weinte er vor Erleichterung, so viel Anspannung hatte sich mittlerweile angestaut. Läuferisch musste er sich zurückarbeiten in dieser Saison, allzu oft hatte er sich auch am Schießstand mit vermeidbaren Fehlern um Erfolge gebracht. "Unfassbar glücklich" und stolz sei er, sagte Doll nun in Antholz, 19 von 20 Scheiben konnte er versenken - und das Timing seines Siegs im letzten Einzelrennen vor Olympia könnte besser kaum sein.

Das Stehendschießen liegt Bö besser als Doll - normalerweise

Talent fürs Laufen hatte Doll immer schon, die meiste Arbeit muss er ins Schießen investieren. Er hat über die Jahre die Technik verbessert, das Reagieren anhand der Windbedingungen optimiert. Mittlerweile trifft er im Durchschnitt 84 Prozent der Scheiben, immerhin nur drei Prozent weniger als der Weltcup-Führende, der Franzose Quentin Fillon Maillet. Doch Doll ist anfällig fürs Abschweifen. Für Fehler, die nicht mangels Fähigkeiten, sondern Konzentration weit weg vom Ziel landen. Ein Problem, das er in Antholz bewältigt hat: "Ich konnte beim Schießen die Nerven behalten, bei mir bleiben und mich nicht ablenken lassen."

Im Massenstart ist das Ausschalten der Gedanken besonders herausfordernd, wenn der Konkurrent im direkten Duell um den Sieg kämpft, eine Schulter entfernt. Doll und Bö waren dem Rest des Feldes nach der Hälfte des Rennens enteilt, dann ging es ins finale Stehendschießen, was dem Norweger für gewöhnlich besser liegt als dem Deutschen. Doch Bö verabschiedete sich mit einem Fehler in die Strafrunde, Doll hatte noch drei Scheiben zu versenken. Normalerweise der Moment, in dem die Gedanken aufpoppen. "Ich habe mitgekriegt, dass er einen Fehler geschossen hat", sagte Doll am ARD-Mikrofon, "ich habe dieses Jahr massiv daran gearbeitet, das dann ausschalten zu können." Und so startete er mit fünf Treffern auf die letzte Runde.

Im Ziel bedankte er sich bei Bö in vielleicht typischer Doll-Manier. "Danke, dass du mich nicht gejagt hast", sagte er. Fast so, als wäre dieser Sieg nicht sein Verdienst, sondern dem guten Willen seines Kontrahenten geschuldet. Doch Bö war einfach kaputt, hatte am Ende einen Rückstand von 31,3 Sekunden. "Ich bin heute voll auf Sieg gegangen, ich habe wirklich daran geglaubt, gewinnen zu können", sagte der Norweger - manchmal müsse man es riskieren, sich abzusetzen von den anderen. Der Fehler beim letzten Schießen war dann einer zu viel, Bö sagte: "Ich habe ein bisschen zu viel Energie in die ersten vier Runden gesteckt." Drei Strafrunden absolvierte der 28-Jährige insgesamt, ebenso wie Landsmann Sturla Holm Laegreid, der aber fast eine Minute nach ihm ins Ziel kam.

Dolls Sieg gibt dem Team einen richtigen Schub, sagt der Sportliche Leiter

Die Siege haben in dieser Saison oft die Franzosen, Norweger und Schweden unter sich ausgemacht, in Doll und Johannes Kühn fährt die deutsche Mannschaft immerhin mit zwei Gewinnern nach Peking. "Mit Johannes Thingnes Bö im Laufen mitzuhalten, gibt ihm und dem ganzen Team noch einen richtigen Schub in Richtung Olympia", sagte der Sportliche Leiter Bernd Eisenbichler. Er könne nun entspannter in die Vorbereitung gehen, sagte Doll noch, "ich weiß, es passt alles, ich bin schnell und kann ein gutes Schießen zeigen."

2017 ist er Sprint-Weltmeister in Hochfilzen geworden und auch zwei Olympia-Medaillen sind schon in seinem Besitz: Bronze mit der Staffel und in der Verfolgung 2018 in Pyeongchang. Letztere hat er mit 19 von 20 möglichen Treffern bewältigt. An einem guten Tag kann er das.

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