Louis van Gaal:Die letzte Mission des Generals

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Louis van Gaal: "Wer soll es auch sonst machen?": Louis van Gaal (rechts) trainiert zum dritten Mal die niederländische Nationalmannschaft.

"Wer soll es auch sonst machen?": Louis van Gaal (rechts) trainiert zum dritten Mal die niederländische Nationalmannschaft.

(Foto: Alberto Pizzoli/AFP)

Er ist 71 Jahre alt, hat eine aggressive Variante von Prostatakrebs und findet die WM-Vergabe nach Katar "lächerlich": Trotzdem ist Louis van Gaal als Trainer der Niederlande dabei - und spricht natürlich vom Finale.

Von Martin Schneider, Doha

Natürlich hat sich Louis van Gaal auch mit Katar angelegt, was sonst. Der Bondscoach, der für sich in Anspruch nimmt, immer, wenn nicht gar ständig Recht zu haben, hatte das Turnier so hart kritisiert wie kein anderer Nationaltrainer. Und natürlich tat van Gaal dies in seiner ihm eigenen Deutlichkeit. Dass die WM dort stattfindet? "Lächerlich." Das Gerede des Weltfußballverbandes Fifa von der Entwicklung des Fußballs im Emirat? "Bullshit." Es gehe der Fifa "ums Geld" und auch nur darum. Die Antwort aus Katar war scharf: "Für jemanden, der seit so vielen Jahren dabei ist und die Kraft des Fußballs versteht, ist es lachhaft, ein derart nichtssagendes Statement abzugeben", sagte WM-Organisationschef Hassan al-Thawadi.

"Lachhaft" gegen "lächerlich" - sie haben in Katar Louis van Gaal so schnell kennengelernt wie sie ihn in München kennengelernt haben, als sein legendäres Selbstbewusstsein 2009 an der Säbener Straße mit dem legendären Selbstbewusstsein des FC Bayern kollidierte. Fast unnötig zu erwähnen, dass van Gaal sich von den Stimmen aus Katar nicht beeindrucken ließ. Vor ein paar Tagen sagte er, er habe kein Problem damit, wenn niederländische Fans das Turnier boykottieren. Er hoffe aber, dass sie dann zum Finale einschalten, das seine Mannschaft natürlich erreichen werde. In Katar trainierten die Niederländer mit Arbeitsmigranten, um auf deren Schicksal aufmerksam zu machen.

Van Gaal war schon immer nicht wichtig, was andere denken, aber bei diesem Turnier muss er sich noch weniger darum kümmern, als er es eh nie getan hat. Denn das Wüstenturnier ist der letzte Akt in der großen Karriere des Aloysius Paulus Maria van Gaal, Ritter im Orden von Oranien-Nassau. Nach der WM hört er auf, er ist 71 Jahre alt und hat Prostatakrebs, eine aggressive Variante.

Das entscheidende Qualifikationsspiel seiner Mannschaft gegen Norwegen verfolgte van Gaal im Rollstuhl

Im April hatte er das selbst öffentlich gemacht, aber seinen Spielern hatte er zuvor nichts davon gesagt. Manchmal trug er einen Katheter unter seinem Trainingsanzug, manchmal fuhr er nach den Trainingseinheiten ins Krankenhaus, insgesamt absolvierte er 25 Chemotherapie-Sitzungen, sie waren am Ende erfolgreich. Das entscheidende Qualifikationsspiel seiner Mannschaft gegen Norwegen verfolgte van Gaal im Rollstuhl - allerdings nicht krebsbedingt, sondern weil er vom Fahrrad gefallen war. "Physisch bin ich in keiner guten Verfassung, aber mein Gehirn funktioniert noch", war sein Kommentar dazu. Van Gaal ist also nicht nur der älteste und der selbstbewussteste Trainer dieser WM - er ist vielleicht auch derjenige, der die meisten Schmerzen auf sich genommen hat, um dabei zu sein.

Louis van Gaal: Als Zeichen der Solidarität: In Katar trainiert das niederländische Nationalteam mit Arbeitsmigranten, um auf deren Schicksal aufmerksam zu machen.

Als Zeichen der Solidarität: In Katar trainiert das niederländische Nationalteam mit Arbeitsmigranten, um auf deren Schicksal aufmerksam zu machen.

(Foto: Alberto Pizzoli/AFP)

Eigentlich war van Gaal schon raus. 2016 endete seine Zeit bei Manchester United unrühmlich, fünf Jahre lang nahm er danach keinen Trainer-Job an. Doch nach der für die Niederlande unglücklichen Europameisterschaft 2021 mit dem Achtelfinal-Aus gegen Tschechien trat Frank de Boer zurück. Van Gaal übernahm im Juli 2021 für die anderthalbjährige Katar-Mission mit den Worten: "Wer soll es auch sonst machen?"

Er ist somit nicht zum ersten, nicht zum zweiten, nein, zum dritten Mal Nationaltrainer der Niederlande. 2002 scheiterte van Gaal an der WM-Qualifikation, 2014 erreichte er in Brasilien den dritten Platz. Trainer ist er übrigens seit 1991, sein größter Erfolg war der Gewinn der Champions League 1995 mit einer noch heute legendären Ajax-Amsterdam-Mannschaft. Beim FC Bayern war er der erste Trainer, der eine ganzheitliche Spielidee etablierte. "Wir profitieren heute noch von van Gaals Ideen", sagte sogar Uli Hoeneß, der sich mit van Gaal zerstritt, ihn aber "als Fachmann" lobt und anerkennt. Die britische Zeitung Guardian nannte ihn in einem liebevollen Porträt "football's unembarassable granddad", was man etwas ungelenk mit "der Großvater, den im Fußball nichts in Verlegenheit bringen kann" übersetzen könnte; die Zeitung meinte das absolut anerkennend. Im modernen Fußball, in dem alles relativiert würde und jeder auf seine Worte achte, sei van Gaal "erfrischend stringent".

Die Niederlande starten am Dienstag um 17 Uhr gegen Senegal in die WM, seit 15 Spielen ist die Elftal ungeschlagen. Die weiteren Gegner sind Ecuador und schließlich Gastgeber Katar. Dass er auf Katar treffen würde, wusste van Gaal übrigens schon vor allen anderen. "Ich denke, unser Gegner aus Topf eins wird Katar sein", sagte van Gaal nachweislich vor der Auslosung. Und: "Ich habe das Glück immer auf meiner Seite." Auch das werden sie in Katar bestimmt gern gehört haben.

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