Fußball-WM Bei der Etikette leichte Defizite

Torschütze Kylian Mbappé (re.) sichert Frankreich vorzeitig das Achtelfinale

(Foto: Mark Baker/dpa)
  • Frankreich erweckt gegen Peru in der ersten Halbzeit den Eindruck, durchaus um den WM-Titel mitspielen zu können.
  • Doch dann dreht die Partie und sie nehmen wieder Zweifel mit ins letzte Gruppenspiel gegen Dänemark.
  • Nach dem knappen 1:0 (1:0)-Sieg sind sie bereits vorzeitig ins Achtelfinale eingezogen.
Von Claudio Catuogno, Jekaterinburg

Kylian Mbappé ist ein höflicher junger Mann, aber Höflichkeit schützt vor Pfiffen nicht. Es läuft die 75. Minute in der Partie seiner Franzosen gegen Peru, Mbappé soll ausgewechselt werden, aber anstatt direkt Richtung Außenlinie zu laufen, schlägt er jetzt noch Haken um Haken. Von jedem Teamkollegen und auch von jedem Gegner, der nicht gerade am anderen Ende des Feldes herumsteht, will sich Mbappé noch persönlich verabschieden, merci, thank you, schönes Spiel noch. Die Peruaner erwidern seinen Handschlag, das schon. Aber gleich danach fuchteln sie Mbappé hinterher, sie beschweren sich beim Schiedsrichter, und die Zuschauer im Zentralstadion von Jekaterinburg, die fast alle direkt aus Lima herbeigeflogen zu sein scheinen in den östlichsten aller WM-Spielorte, sie verdichten die Empörung in einem gigantischen Pfeifkonzert.

Dass die Franzosen das jetzt tatsächlich nötig haben, eine Viertelstunde vor Schluss, Zeitschinden durch das Vortäuschen von guten Manieren, das ist schon eine kuriose Wendung dieser Partie. Denn noch in der ersten Halbzeit hatten sie den Eindruck erweckt, dass hier womöglich doch der kommende Weltmeister auf dem Platz steht. Doch nun nehmen sie wieder Zweifel mit ins letzte Gruppenspiel gegen Dänemark am Dienstag in Moskau. Obwohl sie nach einem knappen 1:0 (1:0)-Sieg bereits vorzeitig im Achtelfinale stehen.

"Wir haben in der zweiten Halbzeit gelitten, aber unser Ziel erreicht, wir sind qualifiziert", sagte der Nationaltrainer Didier Deschamps. Die Detailanalyse steht noch bevor, die Gründe für das Leiden müssen erst noch erforscht werden.

Klar ist hingegen: Die Peruaner werden das Turnier nur noch der Form halber zu Ende spielen. Sie sind nach zwei knappen Niederlagen gegen Dänemark und Frankreich schon raus.

Immerhin: "Wir haben alles gegeben", sagte Ricardo Gareca, der Trainer. "Wir haben viel für das Image Perus getan. Ein Spiel ist noch zu spielen, da wollen wir unseren tollen Fans etwas zurückgeben." Die Peruaner treffen ebenfalls am Dienstag in Sotschi auf Australien. Und die Franzosen? Sie hatten ja tatsächlich ein bisschen wie die Deutschen geklungen, als sie Anfang der Woche in ihrem Quartierstädtchen Istra und am Mittwoch in Jekaterinburg die Defizite aus dem Auftaktspiel gegen Australien aufgearbeitet hatten: "Mehr Intensität" forderte der Innenverteidiger Raphaël Varane, "mehr Aggressivität" verlangte der Kapitän und Torwart Hugo Lloris. Nabil Fekir, der Stürmer, versprach "mehr Lust". Lust? Wie kann man denn bei einer Weltmeisterschaft zu wenig Lust haben, wurde er von den in Istra versammelten französischen Journalisten prompt verhört.

Pogbas Ball streicht knapp am Tor vorbei

Aber trotz des angekratzten Favoritenimages hatte es dann doch ein paar Unterschiede zur DFB-Elf gegeben. Der wesentlichste: Die Franzosen hatten ihr Auftaktspiel trotz des schläfrigen Auftritts gegen Australien gewonnen. Sie mussten gegen Peru nicht schon dem drohenden Aus entgegenblicken. Und: Trainer Deschamps hatte zum Auftakt nicht etwa eine in die Jahre gekommene Gruppe aufgeboten, im Gegenteil: Da stand eher zu wenig Erfahrung auf dem Platz, die jüngste Startelf der französischen WM-Geschichte. Weshalb Deschamps jetzt die Rolle rückwärts vollzog: Sturmspitzen-Routinier Olivier Giroud, 31, ersetzte Ousmane Dembélé. Und Blaise Matuidi, 29, die ewig verlässliche Konstante im defensiven Mittelfeld, verdrängte Corentin Tolisso.

Schon von Beginn an war spürbar, dass die Franzosen diesmal mehr Zugriff auf die Partie hatten. Aus dieser Kompaktheit entstanden bald gute Gelegenheiten: Paul Pogba setzte einen Distanzschuss ab, der am Tor vorbei strich (12.). Giroud und Mbappé kombinierten sich per Doppelpass in den Strafraum - dort ging Mbappé nach leichtem Kontakt zu Boden, kein Elfmeter (15.). Entscheidend war zudem, dass Pogba diesmal nicht wie ein überheblicher Feldmarschall über den Rasen stapfte, sondern seinen 1,91-Meter-Körper ein ums andere Mal für Ballgewinne nutzte. Ein solcher geht auch dem 1:0 voraus: Da unterbindet Pogba das Aufbauspiel von Paolo Guerrero, es folgt ein Pass in den freien Raum, den Giroud erläuft, dessen Hereingabe fälscht Rodríguez ab, Mbappé drückt den Ball über die Linie (34.).

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Doch warum verloren die Franzosen in der zweiten Halbzeit völlig ihre Linie? Ein Schuss von Pedro Aquino, der von außen ans Lattenkreuz titschte (50.), war die gefährlichste, aber bei weitem nicht die einzige gute Gelegenheit der Peruaner. Es half ihnen nichts. Nach dem Spiel war der Zeitpunkt gekommen, sie zu verabschieden, mit Handschlag, und diesmal ganz ohne böse Absicht.