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Fußball-Nationalspieler:Gauland macht Boateng zum Lieblingsnachbarn der Deutschen

  • Nachdem der AfD-Politiker Alexander Gauland den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng rassistisch beleidigt hat, erfährt dieser beim Länderspiel in Augsburg viel Solidarität.
  • Die Fans halten Plakate in die Luft, die Spieler weisen die Gauland-Aussage als großen Unsinn zurück - und Boateng äußert sich auch.

Als Jérôme Boateng noch durch den Spielertunnel trabte, zeigte Augsburg schon Herz. Ein riesiges Spruchband hing da kurz hinterm Spielfeldrand, unübersehbar auf der Bande. In großen Buchstaben: "Jerome sei unser Nachbar!" Daneben ein Herz. Auf einem anderen Plakat stand in handschriftlicher Ausführung: "Jérôme zieh bei uns ein." Es waren ungewöhnliche Botschaften in einem Fußballstadion. Aber es war auch ein ungewöhnlicher Tag für Boateng. Und am Ende, als schon ganz Deutschland über ihn gesprochen hatte, sprach auch: der Nationalspieler persönlich.

"Ich kann darüber nur lächeln", sagte Boateng und tatsächlich zuckten seine Mundwinkel kurz. Lächeln darüber, dass ihn AfD-Vize Alexander Gauland laut Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung (FAS) rassistisch beleidigt hatte, und zwar mit den Worten: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Wie schon zuvor aus der Politik erntete Gauland, der das Ganze nun unschlüssig dementiert, dann auch von Fanseite Tausende Mittelfinger, im übertragenen Sinne. In den sozialen Medien und in Augsburg war Boateng der beliebteste Nachbar überhaupt.

"Es ist traurig, dass heute noch so was gesagt wird"

Beschäftigt hätte ihn dieser Ausspruch eigentlich gar nicht, sagte der 27-Jährige nach dem 1:3 gegen die Slowakei, er begegnete der ganzen Debatte mit seiner typischen Gelassenheit. Was soll einer auch sagen, der in Berlin geboren ist und seit 27 Jahren in Deutschland lebt, zu so einem Spruch? "Ehrlich gesagt ist es einfach traurig, dass heute noch so was gesagt wird", meinte er.

"Ich glaube, im Stadion waren es genug sehr positive Antworten", fügte Boateng hinzu, selbstverständlich hatte er die Banner und Plakate bemerkt. Es hätten sich nun schon genügend Leute geäußert, sagte er, holte kurz Luft und dann löste sich doch noch eine Erklärung: "Ich bin froh, Deutscher zu sein, ich bin stolz. Sonst wäre ich auch nicht hier und in der Mannschaft und wäre auch nicht heute und vorher schon Kapitän gewesen", sagte Boateng und schloss mit den Worten: "Ich glaube, ich bin gut integriert."

An alldem zweifelt freilich niemand beim DFB, bei Facebook schoss das Medienteam schnell ein Imagevideo unter dem Motto "Wir sind Vielfalt" in die Welt. Von seinen Mitspielern zeigte sich zuerst Benedikt Höwedes solidarisch: Er twitterte Fotos aus gemeinsamer Nachbarschaft mit Boateng, die beide zusammen auf dem Rasen in der Abwehr zeigen, dazu der Satz: "Wenn du für Deutschland Titel gewinnen willst, brauchst du Nachbarn wie ihn."

Elf Spieler mit ausländischen Wurzeln stehen im vorläufigen Kader für die EM, Boateng ist nur einer von ihnen. Sami Khedira, der die Kapitänsbinde in der Halbzeitpause an Boateng übergab, ist Halbtunesier, er kommentierte die Gauland-Aussage nach der Partie so: "Das ist unverständlich, für mich und alle anderen. Wir in der Nationalmannschaft leben das moderne Deutschland wie kein anderer." Und obwohl es gegen die Slowakei eine Niederlage für den DFB setzte, fühlte sich dieser Abend auf einmal ganz anders an.

© SZ.de/fued

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