Lewandowski beim FC Bayern:Perfektion im Programmkino

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Lewandowski beim FC Bayern: Will da etwa jemand mein Tor zurückpfeifen? Robert Lewandowski überzeugte gegen Köln auch bei der Erkennung von vermeintlichen Abseitspositionen.

Will da etwa jemand mein Tor zurückpfeifen? Robert Lewandowski überzeugte gegen Köln auch bei der Erkennung von vermeintlichen Abseitspositionen.

(Foto: Ulrich Hufnagel/Imago)

Mit seinen Bundesliga-Toren 298 bis 300 verhilft Robert Lewandowski dem FC Bayern in Köln zu einer Demonstration gewohnter Stärke. An diesem Abend geht es für den Stürmer um den Titel des Weltfußballers.

Von Philipp Selldorf, Köln

Martin Thomsen aus Kleve hat einen Doktorgrad und übt neben dem Beruf eines "Akademischen Rates" seit neun Jahren im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes die Aufsicht über Zweit- und Erstligaspiele aus. Am Samstagnachmittag um kurz nach halb vier musste sich der gelehrte Mann jedoch von jemandem belehren lassen, der keinen Abschluss in Regelkunde absolviert hat, geschweige denn eine Schiedsrichter-Prüfung. Es ging um eine Rechtsfrage: Thomsen plädierte höchst entschieden auf Abseits, der Autodidakt Robert Lewandowski verneinte und zeigte dies dadurch an, dass er in Richtung seines Widersachers mit dem Zeigefinger wedelte und dazu eine besserwissende Miene aufsetzte, die besagte: Nein, mein Freund, du irrst dich.

Was Doktor Thomsen, der beim Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Bayern die Linie bewachte, nicht wissen konnte: dass seine Augen weniger sehen, als Lewandowskis Sinne erspüren können. Nicht umsonst hat Manuel Neuer den wieder mal dreifach erfolgreichen Mittelstürmer nach dem 4:0 gewonnenen Spiel als "Tormaschine" bezeichnet: Zu Lewandowskis natürlichen Einbauten gehört nicht nur ein sich ständig selbst perfektionierender beidfüßiger Schießmechanismus, sondern auch eine integrierte kalibrierte Linie zum Erkennen von Abseitsstellungen.

Das Tor des Münchner Angreifers in der neunten Minute, das Thomsen als unrechtmäßig deklarierte, wurde vom Videogericht alsbald für zulässig erklärt, die Szene war im Grunde der Auftakt einer Fortsetzungsgeschichte, die den Nachmittag prägen sollte. Lewandowskis eingebauter Liniensensor bestimmte den Spielausgang. Während der Torjäger vor seinen Treffern zum 3:0 und 4:0 nanosekundengenau in den freien Raum gestartet war und damit eine Abseitsstellung vermieden hatte, mussten sich die Kölner wegen mangelhafter Präzision von der modernen Technik überführen lassen.

Nach Mark Uths vermeintlichem 1:2 (31. Minute) spielte die Stadionregie bereits lustige Karnevalsmusik ein, der Schiedsrichter erhob keine Einwände und wies zum Anstoßpunkt. Doch dann meldeten sich die Videorichter: Abseits. Denn Uth ist zwar ein guter Bundesligaspieler, aber das exakte Timing von Lewandowski besitzt er nicht - wie ungefähr 99,9 Prozent der übrigen Fußballer auf der Erde.

Dass Lewandowski Gerd Müllers 365 Tore übertrifft, kann wohl niemand außer Lewandowski selbst verhindern

Der Schütze zelebrierte seine Erfolge mit recht verhaltener Gestik; das hatte allerdings nichts mit geknickter Stimmung zu tun, eher drückte sich dadurch gewohnheitsmäßige Erfahrung aus. Seit Samstag gehört Robert Lewandowski dem Klub jener Spieler an, die 300 oder mehr Bundesliga-Tore geschossen haben, es ist ein sehr exklusiver Kreis. Lediglich der verstorbene Gerd Müller ist dort an seiner Seite, mit der markanten Anzahl von 365 Einschüssen. Und dass ihn der 33 Jahre alte Klubkamerad noch überholt, das kann möglicherweise niemand außer Lewandowski selbst verhindern.

Sein Vertrag in München läuft noch bis 2023, der Verein möchte die Zusammenarbeit fortsetzen. Dann bliebe genug Zeit für den Rekord. Formen von Altersverschleiß sind bisher jedenfalls nicht erkennbar. Seine maschinenhafte Effizienz bescherte dem Münchner Team und dessen Trainer einen weitgehend sorgenfreien Nachmittag in Müngersdorf, das Ergebnis gab einigermaßen treffend den Unterschied zwischen den beiden Teams wider. Nicht, weil die Kölner so sehr hinter den Erwartungen blieben, sondern weil die Bayern abgeklärt und konzentriert ihre Klasse ausspielten und auf diese Weise vorsätzlich ihre Vormachtstellung demonstrierten.

Von pandemiebedingter Kaderschwächung wie in der Vorwoche konnte keine Rede mehr sein. Seine Mannschaft habe eine "gute Kontrolle" über das Spiel gehabt, stellte Julian Nagelsmann zufrieden fest. "Wir waren heute den Bayern nicht gewachsen", bestätigte FC-Trainer Steffen Baumgart. Versucht hatte es sein Team immerhin, für eine Weile war zumindest der Anschlusstreffer in Reichweite.

Lewandowskis Konkurrenz bei der Weltfußballer-Wahl: Lionel Messi und Mohamed Salah

Neben dem bereits zigfach ausgezeichneten Lewandowski steht womöglich auch Thomas Müller demnächst ein persönlicher Titel zu, denn auch er arbeitete am Samstag an einem Rekord. In der Kategorie Torvorlagen fügte er Nummer 17 und Nummer 18 hinzu, er nähert sich in hoher Geschwindigkeit seiner eigenen Liga-Bestmarke aus der vorletzten Saison (21). Bei seiner Vorbereitung für Corentin Tolissos Powertreffer zum 2:0 sah es wieder so aus, als würde Müller eine anspruchsvolle Yoga-Figur machen wollen. In Wahrheit war es einfach nur wieder die passende Verrenkung zum richtigen Zweck.

Am 3:0 war er auch beteiligt, mit einer spielbeschleunigenden Weiterleitung an den eingewechselten Leroy Sané, die ebenso schlicht wie meisterlich war, und das ist ja auch etwas, das den Vorbereiter Müller mit dem Vollender Lewandowski verbindet: Oft lassen sie ihr Werk so aussehen, als sei es keine große Kunst, sondern lediglich Pflichterfüllung - aber eben darin besteht ja die große Kunst.

Nur: Wissen das auch die Nationaltrainer und Mannschaftskapitäne der 211 im Fußball-Weltverband erfassten Nationen, die in den vergangenen Tagen den Weltfußballer des Jahres 2021 bestimmt haben? Am Montag gibt die Fifa ihren Entscheid bekannt, zur auserlesenen Wahl standen außer dem Vorjahresgewinner Lewandowski der ewige Lionel Messi (Paris Saint-Germain) und Mohamed Salah (FC Liverpool).

Anders als bei der kürzlich erfolgten Vergabe des Goldenen Balls - den Messi ein weiteres Mal erhalten hat - entscheiden bei der Fifa nicht Journalisten, sondern vorwiegend Vertreter des Fachpersonals. Das ist einerseits gut für Lewandowskis Aussichten und anderseits schlecht: Messi ist nun mal Messi, und Mo Salah spielt in der Premier League, die sich im globalen TV-Vergleich zur Bundesliga verhält wie ein Blockbuster zum Programmkino.

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