Debatte um Zuschauer im Fußball:Der Profisport hat gute Argumente

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Debatte um Zuschauer im Fußball: Das Berliner Olympiastadion fasst 75 000 Zuschauer - gegen den FC Bayern durften 3000 rein.

Das Berliner Olympiastadion fasst 75 000 Zuschauer - gegen den FC Bayern durften 3000 rein.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Die Politik der leeren Stadien und Arenen ist der aktuellen Situation nicht angemessen. Sportvertreter beklagen zu Recht, dass neue Erkenntnisse bei der Zuschauerrückkehr endlich Gehör finden sollten.

Kommentar von Philipp Selldorf

Nach wie vor prägen Meldungen über coronabedingte Spiel- und Trainingsabsagen den laufenden Sport-Betrieb. Die Straubing Tigers stornieren ihre geplanten Auswärtsspiele bei den Iserlohn Roosters, bei den HSV-Handballern wird wegen positiver Tests das Training ausgesetzt, beim Fußball-Zweitligisten SC Paderborn gibt es fünf neue Ansteckungsfälle, beim Drittligisten TSV Havelse vier, die Vereinigung der Eishockeyprofis tritt für eine Unterbrechung des Ligabetriebs bis zur Olympiapause ein.

Unter dem Einfluss von Omikron ist die Lage im Profisport, wie man sich das kürzlich nicht hat vorstellen können. Es ist gar nicht lange her, da riefen einzelne Infektionsfälle Grundsatzdebatten hervor. Aber dass die pandemische Situation inzwischen eine andere ist, lässt sich an den Kommentaren aus dem Sport zur Beibehaltung der rigiden Zuschauerbeschränkungen erkennen.

Den Beschluss der Ministerpräsidenten, die Restriktionen fortzusetzen, kritisierten nicht nur die berufenen Sprecher der Profiligen, sondern auch vergleichsweise unautorisierte Personen wie die Fußballtrainer Oliver Glasner (Eintracht Frankfurt) und Tim Walter (Hamburger SV). Während Walter der Politik einen Blick in die randvollen Stadien in England oder den USA empfahl, beklagte Glasner die Rolle des Fußballs als "Buhmann". Borussia Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke kündigte eine Klage vor Gericht an und kann sich des Beifalls unter anderem von Handballern und Eishockeycracks sicher sein. Der Sport steht zusammen.

Frankreich und Italien verabschieden sich grade von den 5000-Besucher-Beschränkungen für die Stadien

Lange Zeit war der Profisport der Politik dankbar für die Anerkennung seiner Bedürfnisse, nun lehnt er sich gegen die anhaltende Verbotsstrategie auf, und das steht ihm auch zu. Der angespannte Alltag mit Ansteckungen und Absagen ist ja nur die eine Seite der Entwicklung, die andere ist, dass ein öffentliches Sportleben in der Omikron-Gegenwart möglich ist. England, wo Stadien und Hallen auch bei inflationär hohen Inzidenzzahlen voll sein durften, mag ein spezieller Fall sein. Aber auch Frankreich und Italien verabschieden sich gerade von den zur Jahreswende verabredeten 5000-Besucher-Beschränkungen für die Stadien, Spanien erlaubte ohnehin immer eine Dreiviertelbelegung.

Dass Freiluftarenen, in die 50 000 Menschen passen, lediglich für 1000 oder 500 Gäste geöffnet werden dürfen, das hat auch schon vor der jetzigen Bekräftigung der bestehenden Beschlüsse die Betroffenen geärgert. Der Sport hat es jedoch noch halbwegs akzeptiert, weil Omikron eine unbekannte Einflussgröße war. Nun weiß man mehr über die Variante, aber statt die Gebote an die Erkenntnisse anzupassen, wird undifferenziert die Formel "Kurs halten" dekretiert - die Ausnahme bildet ausgerechnet Markus Söder, der mit seiner bayerischen Geisterspiel-Verordnung im Dezember als Erster scharf reagierte, und nun der Erste ist, der die Tore zu Stadien und Hallen zumindest moderat öffnet.

Die Profi-Sportligen haben in jüngster Zeit genügend Argumente angeführt, warum es verantwortbar und gerechtfertigt ist, wieder mehr Zuschauer zuzulassen. Es geht dabei nicht nur um das Geldverdienen, um Entertainment und Geschäftsmodelle, es geht auch um das angegriffene gesellschaftliche Leben und ein gewisses emotionales Seelenheil nach zwei Jahren Pandemie. Dass diese Argumente jetzt nicht mal diskutiert wurden, das zeugt weniger von stabiler Politik als von Ignoranz und beachtlicher Borniertheit.

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