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Fußball: Bundesliga:Die Tiefstapler

Leverkusen begnügt sich mit Platz drei, dem BVB reicht die Europa League, Frankfurts Trainer will nicht international spielen. Dahinter steckt eine Taktik.

Schritt für Schritt haben sie sich nach oben geschlichen, und fast hätte es niemand bemerkt. Erst als Eintracht Frankfurt den FC Bayern in letzter Minute besiegte und zwei Wochen später Leverkusen eine schmerzhafte Niederlage zufügte, wurde Fußball-Deutschland aufmerksam. Jetzt träumt ganz Frankfurt von der Europa League. Ganz Frankfurt? Nein! Ein Mann leistet Widerstand, ein selbsternannter Realist, der oft im dunklen Anzug auftritt und im Vergleich zu manchem Kollegen eher unscheinbar wirkt. Es sagt Sätze wie "Die Eintracht ist noch nicht bereit für Europa" oder "Platz acht ist derzeit das Maximum".

Der Mann heißt Michael Skibbe und ist Trainer in Frankfurt. Er behauptet, der Verein sei nicht gefestigt, der Kader nicht ausgeglichen genug für den Europapokal. Dabei holte die Eintracht in der Rückrunde mehr Punkte als Leverkusen oder Hamburg, die einen Platz im internationalen Wettbewerb unmissverständlich zum Saisonziel erklärt haben. Doch Skibbe warnt: "Man hat an Hertha BSC Berlin gesehen, wie gefährlich es ist, wenn man eine Saison über seine Verhältnisse spielt. Und wie es ist, wenn man dann international spielen muss, obwohl der Kader für Liga und Europacup gar nicht gut genug ist."

In dieser Einschätzung mag viel Wahrheit stecken, doch hinter Skibbes Aussagen verbirgt sich eine Taktik. Wer Platz acht als "Maximum" bezeichnet, wer immer wieder darauf hinweist, dass die Strukturen und die Spieler eigentlich nur für einen Mittelfeldplatz taugen, der kann schon einen siebten Platz als überraschenden Erfolg verkaufen, einen sechsten gar als Sensation. Ausschlaggebend für dieses unerwartet gute Abschneiden war dann natürlich: der Trainer - denn er hat ja mehr aus der Mannschaft herausgeholt, als eigentlich in ihr steckt. Fans und Medien sollen sich hinterher fragen: Was für ein Genie muss dieser Trainer sein? Wie hat er das bloß gemacht?

Wer aber öffentlich verkündet, man wolle Titel holen oder den Europapokal erreichen, der setzt sich der Gefahr des Scheiterns aus und wird schnell zum Buhmann. Das trauen sich die wenigsten. Dazu kommt der psychologische Aspekt: Sobald ein Trainer forsche Ziele formuliert, steigt der Druck auf die Mannschaft. Wenn es in Richtung Europa League gehen soll, erwarten die Fans einen Sieg nach dem anderen, und die Medien lauern begierig auf den nächsten Ausrutscher gegen ein Team aus der Abstiegszone. Der siebte Platz wäre dann eine Enttäuschung, der achte käme gar einer Katastrophe gleich. Experten würden dann vermutlich urteilen, Trainer und Spieler hätten das große Potential, das in der Mannschaft steckt, leichtfertig verschleudert. Oder sie wären am großen Druck zerbrochen.

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