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Flemming Povlsen über die EM 1992:"Nach dem Halbfinale haben wir uns Burger reingehauen"

Flemming Povlsen EM 1992

Unverhoffter Triumph: Flemming Povlsen mit dem EM-Pokal 1992

(Foto: imago)

Das Länderspiel des DFB in Dänemark ist auch ein Jubiläum: Die Dänen feiern 25 Jahre "Danish Dynamite" - elf Spaßkicker, die im EM-Finale die Deutschen bezwangen. Flemming Povlsen erinnert sich an die irrsten Stunden seiner Karriere.

SZ: Herr Povlsen, reden wir über den Sommer 1992. Sie waren 25 Jahre alt. Ein dynamischer Stürmer beim BVB - und hatten eigentlich andere Pläne als die Euro, oder?

Flemming Povlsen: Ich bin damals mit der Borussia für ein paar Testspiele durch Deutschland getingelt. Ich saß im Bus, als der Anruf kam: Ihr müsst zur EM, weil die Jugoslawen wegen des Balkankrieges ausgeschlossen wurden. So riesig gefreut habe ich mich im ersten Moment nicht, denn ich war mir nicht sicher: Haben wir wirklich eine Mannschaft für so ein Turnier? Sind die anderen nicht zu gut? Deshalb musste ich kurz überlegen, ob ich zusage.

Im Gegensatz zu Ihren Teamkameraden hatten Sie immerhin keinen Urlaub gebucht.

Tatsächlich waren einige auf dem Weg in die Ferien, die mussten alles stornieren. Mein Problem war: Ich wusste, wir haben dort eine Menge zu verlieren. Ich befürchtete, dass wir uns lächerlich machen. Um unser Nationalteam stand es nicht gut, das Interesse an uns war gesunken, und die EM fühlte sich weit weg an. Ich dachte ernsthaft, dass wir keine Chance haben, auch die Medien berichteten entsprechend. Aber wir haben uns getroffen und uns gesagt: Dann probieren wir es halt.

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Die Dänen galten als Spaßtruppe, die sich die Zeit mit Minigolf und Würstchengrillen vertrieben. Was war das für eine Gruppe?

Wir kannten uns schon ewig aus diversen Jugendmannschaften und von Länderspielen. Aber auf so einem Niveau hatten wir noch nie gespielt - und wir waren es nicht gewohnt, so lange zusammen zu sein. Unser Trainer Richard Møller Nielsen war ein lustiger Typ, der wusste, dass wir unsere Freiheiten brauchen. Wir wollten uns die Lockerheit bewahren, aber wir waren auch verantwortungsbewusst genug, um richtig Fußball zu spielen. Es war eine Riesen-Chance für jeden Einzelnen, sich bei der EM zu präsentieren.

Klingt ziemlich unbeschwert. Dabei ist eine EM eine bierernste Angelegenheit.

Uns war wichtig, den Lagerkoller zu vermeiden. Den haben wir wirklich gefürchtet, also sind wir rausgegangen aus dem Hotel, sind an die schwedische Küste gefahren, haben gegrillt. Einmal sind wir auf Polizei-Motorrädern mitgefahren. Wir brauchten diese Abwechslung, um von Anfang an die Stimmung aufrechtzuerhalten. Als wir dann mit einem 0:0 gegen England gut ins Turnier gestartet waren, konnten wir uns noch mehr erlauben. Die Reporter aus anderen Ländern kamen zu uns, weil wir "anders" waren, offener. Und dann entstand die Geschichte mit dem McDonald's-Besuch ...

... der Mythos der "Fast-Food-Dänen", die auf Ernährungswissenschaft pfiffen und stattdessen mit Burgern und Cola Europameister wurden.

Genau. Nach dem Halbfinal-Sieg gegen Holland hat unser Trainer gemerkt, dass wir Lust darauf hatten. Klar, gab es auch zwei, drei Spieler, die meinten: Das können wir nicht machen, ist doch albern! Aber dem Rest war's gerade recht. Also haben wir uns einige Burger reingehauen. Das war Dänemark wie es leibt und lebt.

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Stimmt, aber die gab's in Schweden damals nicht so. Selbst unser Trainer hat einfach Pommes gegessen. Das nächste Spiel war erst vier Tage später - was sollte schon passieren? Die meiste Zeit haben wir uns eh an den Ernährungsplan gehalten. Die Mannschaft war von dem Ausflug zu McDonalds begeistert, die Beobachter waren verwundert. Und so bildete sich die Legende, dass wir jeden Tag so verbrachten. Dabei haben wir nur einmal dort gegessen.

Was für eine Dynamik entwickelte sich da um "Danish Dynamite"?

Wir hatten keine großen Namen, deshalb stellte sich die Mannschaft von alleine auf. Es gab keine Debatten darüber, wer spielen soll, weil einfach klar war: Das ist die erste Elf. Im Vergleich zu anderen Mannschaften ist das ein großes Plus. Der Konkurrenzkampf kann ein Team kaputt machen, er kann den Zusammenhalt killen. Bei uns war keiner unzufrieden, niemand drängte sich in den Vordergrund. Unser Vorteil war, dass wir es gut miteinander aushielten.

Es heißt, dass Ihre Gegner Sie bei der EM nicht ganz ernst nahmen. Woran merkten Sie das?

Das wurde vor allem im letzten Gruppenspiel gegen die Franzosen deutlich. Die haben uns auf die leichte Schulter genommen, das bekamen wir schon vor dem Anpfiff im Spielertunnel mit. Ich erinnere mich, dass wir ganz ernst aussahen, während die rumgeflachst haben nach dem Motto "was wollt ihr denn hier". Frankreich wähnte sich schon im Halbfinale. Sie dachten, die Dänen schicken wir jetzt schnell nach Hause, ist ja nicht weit. Aber wir gewannen 2:1.