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Jamal Musiala beim FC Bayern:Er umdribbelt staunende Männer

SS Lazio v Bayern Muenchen  - UEFA Champions League Round Of 16 Leg One

Wer will ihn stoppen? Jamal Musiala trifft zum 2:0 gegen Lazio Rom.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Erstes Champions-League-Tor mit 17 und nun die Entscheidung für die DFB-Elf: Jamal Musialas erstaunliche Entwicklung handelt auch vom Überwinden erster kleiner Widerstände.

Von Sebastian Fischer

Es gehört zu den Eigenschaften von Hansi Flick, die von Spielern immer wieder hervorgehoben werden, dass er sie besonders gut versteht. Kaum ein Fußballer des FC Bayern könnte wohl nicht von einem persönlichen Gespräch mit dem Trainer berichten, das ihm irgendwie weitergeholfen hat. Und so war es interessant zu hören, was Flick am Dienstagabend vor dem Spiel gegen Lazio Rom am Sky-Mikrofon über Jamal Musiala sagte: "In den letzten Wochen sind viele Dinge in seinem Leben gewesen, die neu waren." Zum Beispiel sei die Entscheidung zwischen Deutschland und England zu treffen "gewesen". Sie war also getroffen. Und Flick ahnte, dass dem Spieler in Rom keine Gedanken mehr im Weg stehen würden.

Musiala, der an diesem Freitag seinen 18. Geburtstag feiert und dann seinen ersten Profivertrag beim FC Bayern unterschreiben wird, bekam nach 24 Minuten im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales im Stadio Olimpico den Ball von Leon Goretzka in den Lauf gechippt. Er hatte viel Platz, schoss und traf zum 2:0, wie selbstverständlich. Er ist nun der jüngste Torschütze der Vereinsgeschichte in der Champions League. Unbekümmert, so nennt man im Fußball solche Aktionen junger Spieler gerne. Doch diesmal traf es wohl wirklich zu. Denn tags darauf wurde bekannt, was Flick schon wusste. Musiala, geboren in Stuttgart und aufgewachsen in London, ist bald deutscher Nationalspieler.

"Ich habe ein Herz für Deutschland und ein Herz für England", sagte er im "Sportschau"-Interview, einem seiner ersten überhaupt. "Am Ende habe ich auf mein Gefühl gehört, dass es die richtige Entscheidung ist, für Deutschland zu spielen", erklärte er. Es habe ihn beeindruckt, wie auch Mitspieler wie Joshua Kimmich für ihn geworben hätten. Und es passte natürlich ausgesprochen gut zu dieser Nachricht, dass er am Abend vorher jener Spieler gewesen war, der Thomas Müller im offensiven Mittelfeld vertrat, ein Tor zum 4:1-Sieg in einem einseitigen Spiel beitrug und damit half, das Thema Münchner Personalprobleme wegen diverser Verletzungen und positiver Corona-Tests vorerst zu verdrängen.

Joachim Löw habe ihm "einen sehr klaren Weg in der Nationalmannschaft aufgezeigt", sagt er

Musialas Leistung ließ den auf 17 Spieler reduzierten Kader der Bayern schon wieder etwas größer erscheinen. Und das Thema war jetzt erst mal seine erstaunliche Entwicklung, die nun auch vom Überwinden erster kleinerer Widerstände in einer jungen und vielversprechenden Karriere handelt.

Schon nach Musialas erstem aufsehenerregenden Auftritt in dieser Saison hatte es die ersten Nachfragen gegeben. Beim 8:0 gegen Schalke schoss er als Einwechselspieler sein erstes Bundesligator: ein schmächtiger Jugendlicher, der mit sagenhaft enger Ballführung um staunende Männer dribbelte, unbekümmert. "Ich würde mich auf jeden Fall um ihn bemühen", sagte Flick hinterher in Richtung seiner ehemaligen Kollegen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Zu dem Zeitpunkt spielte Musiala für Englands Junioren, bald darauf wurde er in Englands U21 berufen.

In England ist er aufgewachsen, nachdem seine Familie aus Fulda nach Southampton zog, als er sieben Jahre alt war - wegen des Studiums seiner Mutter. Sein Talent wurde schon in Deutschland erkannt, angeblich bereits von einer Erzieherin im Kindergarten, die sich wunderte, dass er Hütchen aufstellte, um mit dem Ball hindurchzudribbeln. In England wurde das Talent dann gefördert, zunächst beim FC Southampton, später beim FC Chelsea. Dort blieb er acht Jahre lang. Seine Mitspieler aus London sind bis heute enge Freunde. Gareth Southgate, dem englischen Nationaltrainer, sagte er in dieser Woche persönlich ab.

Für Deutschland lief Musiala auch schon mal auf, in zwei Spielen für die U16, doch dabei blieb es vorerst. Wohl erst nach dem Entschluss, 2019 zum FC Bayern und zurück in sein Geburtsland zu wechseln, rückte er wieder ins Blickfeld des DFB. In München lief es für ihn seitdem so gut, wie es für einen Teenager im Kader des Champions-League-Siegers wohl nur laufen kann. Nach einem Jahr stieg er in den Profikader auf. Seinem ersten Treffer folgten weitere, die ersten Einsätze von Beginn an und Lob von Trainer Flick, um Vorsicht bemüht und trotzdem unmissverständlich.

Ende Januar kam schließlich Bundestrainer Joachim Löw nach München, um ihn zu beobachten und mit ihm zu sprechen. Löw habe ihm "einen sehr klaren Weg in der Nationalmannschaft aufgezeigt", sagte Musiala nun. Doch das wachsende mediale Interesse an seiner Entscheidung und deren Tragweite schienen ihn zu beschäftigen.

Sein persönlicher Trainer lobt Musialas Bewegungstalent - und die Art und Weise, wie er daran arbeitet

Wie viele Fußballer, insbesondere einige junge, hat auch Musiala einen persönlichen Trainer. Steffen Tepel war früher Nordischer Kombinierer, inzwischen ist er Neuroathletik-Coach. Musiala treffe er etwa einmal im Monat, sagt er am Telefon. Sie arbeiten dann mit visuellem Training zum Beispiel an seinem ersten Kontakt oder am Gleichgewichtssinn für mehr Widerstandsfähigkeit im Zweikampf. Was ihn an Musiala besonders beeindrucke, sagt Tepel, sei einmal dessen Bewegungstalent - aber auch die Gabe, zu reflektieren, wie sich diese Bewegungen noch verbessern könnten.

Man kann sich also vorstellen, wie es Musiala beschäftigte, dass ihm die Bewegungen in den vergangenen Wochen im Training nicht mehr so leicht fielen wie gewohnt. Flick ließ ihn draußen, obwohl mit der Corona-Infektion von Müller ein Platz auf seiner Position frei gewesen wäre. Doch in Rom, als er wohl zum ersten Mal im Profifußball nicht nur Erwartungen schüren konnte, sondern auch welche erfüllen sollte, gelang ihm das.

"Ich sehe ein riesiges Potenzial in ihm", hat Bundestrainer Löw am Mittwoch über Musiala gesagt. Er will ihn schon zu den nächsten Länderspielen im März einladen. Musialas Vertrag in München soll bis 2026 gelten. Bald könnte das Zusatztraining wohl etwas komplizierter werden. Bislang fand es manchmal einfach im Park statt, sagt Tepel. Noch habe Musiala dabei niemand erkannt.

© SZ/pps/klef
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