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Doping in Russland:"Du musst dopen, so läuft es"

London Marathon - Lilia Schobuchowa

Marathonläuferin Lilija Schobuchowa sagt, sie habe 600 000 Dollar gezahlt, um einer Sperre zu entgehen.

(Foto: Felipe Trueba/dpa)

Umfangreicher Betrug, vertuschte Kontrollen, Schmiergeldzahlungen: Eine Dokumentation zeigt, wie intensiv und staatlich gestützt in Russland manipuliert wird. Die Enthüllungen haben Folgen für den Weltsport.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Der neueste Schlag gegen die Glaubwürdigkeit des Weltsports fällt in die Kategorie der Sündenfälle von Ben Johnson oder Lance Armstrong, und geführt wird er im Herzen Moskaus. Hier liegen, nur wenige Kilometer voneinander entfernt, vier wichtige russische Institutionen: das Sportministerium, das Nationale Olympische Komitee mit den Fachverbänden, die Anti-Doping-Agentur Rusada und das Kontrolllabor. In diesen Gebäuden empfangen Funktionäre gerne, um die Mär vom sauberen Sport zu erzählen, um Statistiken und Tests zu referieren.

Doch beim Blick hinter diese Fassade bestätigt sich rasch ein branchenweiter Verdacht: dass dies kein Ort der Wahrheit ist. Doping in Russland, das ist ein Dauerbrenner. In kaum einer Nation gibt es so viele Fälle, so viele gesperrte Trainer und überführte Athleten, quer durch alle Sportarten - von der Leichtathletik bis zum Fußball.

ARD-Film zeigt umfänglichen Missbrauch

Beobachter verfolgen schon lange mit Argwohn, was in Russlands Weiten geschieht. Aus Wintersport-nahen Kreisen ist zu hören, dass der Mediziner Andrej Dmitrijew immer noch im Umfeld von Ausdauerathleten wirkt. Er stand im Mittelpunkt einer großen Dopingaffäre 2009 und sollte danach keinen offiziellen Job mehr bekommen. Auch Klagen über Unregelmäßigkeiten im Umgang mit Dopingproben sind stets zu vernehmen.

Nun zeigt der am Mittwoch ausgestrahlte ARD-Film "Geheimsache Doping. Wie Russland seine Sieger macht", wie umfänglich und staatlich abgesichert der Missbrauch betrieben wird. Es sind die Athleten, die das Schweigen brechen, und auch ein ehemaliger Dopingfahnder, der jahrelang hinter die Kulissen der einheimischen Betrugsbekämpfung blicken konnte.

Die Recherche ordnet viele relevante Akteure der Betrugsseite zu. Ins Visier geraten etwa Alexej Melnikow, Cheftrainer der Leichtathleten, und der führende Sportmediziner Sergej Portugalow, die ins Dopingvergabesystem involviert sein sollen, wie unter anderem Mails, verdeckte Kamera- und Tonmitschnitte belegen. Es geht um Funktionäre aus diversen Fachverbänden, die Tests bei Athleten verhindern wollen.

Auch die Rusada selbst ist betroffen, die Dopingtests teilweise ankündigt - was den Standards widerspricht. Der Chef des Kontrolllabors wiederum schreibt angeblich Einnahmepläne für Athleten. Die Londoner 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Sawinowa plaudert in einem heimlich mitgeschnittenen Video über ihren Dopingkonsum. Und es geht um Wladimir Putins Erlass von 2010, demzufolge die Behörden ausländischen Kontrolleuren den Transport von Proben genehmigen müssen - und der Zoll sogar Proben öffnen darf.

"Man kann seine Ziele nicht ohne Doping erreichen"

"Die Trainer nehmen ein Mädchen, füttern ihr Tabletten und sie läuft. Wenn sie gesperrt wird, nehmen sie halt ein neues Mädchen." So bezeugt es Julia Stepanowa, früher Leichtathletin, zurzeit selbst wegen Dopings gesperrt. Ihr Mann Witalij, früher Rusada-Mitarbeiter, sagt: "Man kann seine Ziele nicht ohne Doping erreichen. Du musst dopen, so läuft es in Russland." Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück oder lassen Fragen unbeantwortet.

Für die Sportwelt ist Russlands System schon problematisch genug. Immerhin zählt das Land traditionell zu den erfolgreichsten Nationen, und den sportpolitisch einflussreichsten. Staatschef Putin höchstselbst mischt seit Jahren mit, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und zig Führungsposten bei internationalen Verbänden sind besetzt mit seinen Vertrauten. Alle bedeutenden Sportlenker von IOC-Präsident Thomas Bach bis Fifa-Chef Sepp Blatter stellen sich gut mit dem Kreml.

Vor allem aber werfen die russischen Methoden die Frage auf, wie es in anderen Ländern in Sachen Doping aussieht. Gerne zeigen westliche Funktionäre auf Russland oder China, im eigenen Land aber soll alles gut sein. Dabei gibt es auch in Deutschland klare Hinweise, dass Dopingkonsum sehr weit verbreitet ist. Bei einer Studie unter Spitzensportlern von 2013 gaben sogar sechs Prozent der Befragten an, regelmäßig zu dopen; 40 Prozent zogen es vor, die Frage nicht zu beantworten.

Chef des russischen Leichtathletik-Verbandes involviert

Am meisten aber alarmiert: Die neuen Erkenntnisse aus Russland strahlen ganz konkret auf den Weltsport ab - vor allem auf den Leichtathletik-Weltverband IAAF. Hier soll mindestens ein Akteur an der Vertuschung von Dopingfällen mitkassieren. Im Film berichtet die Weltklasse-Marathonläuferin Lilija Schobuchowa, wie sie russischen Funktionären 2011 und 2012 insgesamt 450 000 Euro bezahlt habe, um einer Sperre wegen ihrer Blutwerte zu entgehen - Auffälligkeiten, auf die sogar die IAAF hinweist. Aber seltsamerweise nicht mit Trainingstests verfolgt. Als die Athletin 2014 doch sanktioniert wurde, verlangte sie Geld zurück - und erhielt 300 000 Euro. Von einer Strohfirma aus Singapur.

Aus Dokumenten ergibt sich der drängende Verdacht, dass just Walentin Balachnitschew, Chef des russischen Leichtathletik-Verbandes, involviert war. Anfragen beantwortet er nicht. Pikant: Balachnitschew ist IAAF-Schatzmeister, und in dem Amt nun kaum mehr tragbar. "Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein unglaublicher Skandal. Das gesamte Anti-Doping-System würde ad absurdum geführt", sagt Helmut Digel, Vorstandsmitglied der IAAF, der SZ. Vom Verband heißt es, die Ethik-Kommission ermittele schon.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) reagierte geschockt. Gründungspräsident Dick Pound sieht nun die Glaubwürdigkeit von Sport und Dopingfahndung bedroht. Allerdings stellen sich nun nachdrückliche Fragen auch an die vom Sport so oft betonte Schlagkraft der Wada. Dem Vernehmen nach hat sie über Jahre selbst von Personen aus dem russischen Sportsystem Hinweise erhalten. Geändert hat sich nichts. Nach den Gesetzen der russischen Föderation müssten nun die Behörden ermitteln, die Verabreichung von Dopingmitteln ist verboten. Die zuständige Stelle, der föderale Dienst für Drogenkontrolle (FSKN), wollte sich auf SZ-Anfrage zunächst nicht äußern, wie sie mit dem neuen Material umgehen möchte. Sie liegt nur wenige Haltestellen vom Sportministerium entfernt.

© SZ vom 04.12.2014

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