DFB-Pokalfinale:Das Aluminium ist dem Dosenklub hold

Lesezeit: 4 min

DFB-Pokalfinale: Entfesselte Freude über den allerersten Titel für RB Leipzig: Torhüter Peter Gulacsi (li.), Yussuf Poulsen und ihre Mannschaftskollegen sind nicht zu halten.

Entfesselte Freude über den allerersten Titel für RB Leipzig: Torhüter Peter Gulacsi (li.), Yussuf Poulsen und ihre Mannschaftskollegen sind nicht zu halten.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

RB Leipzig sichert sich im Elferschießen gegen Freiburg den ersten Titel seiner kurzen und kontroversen Geschichte - und übersteht eine Stunde in Unterzahl, umstrittene Schiedsrichter-Urteile und vier Riesenchancen der Breisgauer.

Von Javier Cáceres, Berlin

Wenn das 79. Finale des DFB-Pokals eines symbolträchtigen Abschlusses bedurfte, dann lieferte es das Ende des Elfmeterschießens zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg. Christopher Nkunku, Willi Orban, Dani Olmo, Benjamin Henrichs hatten für Leipzig getroffen; Nils Petersen und Keven Schlotterbeck für Freiburg, da trat Ermedin Demirovic an den Punkt. Mit der Last, dass Christian Günter zuvor bereits einen Elfmeter übers Tor geschossen hatte. Demirovic hatte in dem Spiel eine unheilvolle Bekanntschaft mit dem Aluminium gemacht und einen Pfostentreffer in der Verlängerung erzielt.

Dann machte es neuerlich Klonk. Denn der Ball flog mit Karacho an die Querlatte, und das knallende Geräusch ging unter im Jubel der Leipziger. In einem Finale, in dem Schiedsrichter Sascha Stegemann viele Scheinwerfer auf sich zog, holten sie den ersten Titel ihrer kurzen und kontroversen Geschichte. Die Siegerehrung verzögerte sich mehr als eine halbe Stunde. Am Spielfeldrand kollabierte ein Mann. Erst als vermeldet wurde, dass er von den Notärzten stabilisiert worden war, wurde den Leipzigern der Pokal überreicht.

DFB-Pokalfinale: Klonk. Ermedin Demirovic trifft die Latte - es war der insgesamt vierte Aluminiumtreffer der Freiburger an diesem Abend.

Klonk. Ermedin Demirovic trifft die Latte - es war der insgesamt vierte Aluminiumtreffer der Freiburger an diesem Abend.

(Foto: Thomas Kienzle. /AFP)

Während Christian Streich sich für eine Elf ohne exzentrische Überraschungen entschied, überraschte Leipzigs Trainer Domenico Tedesco mit diversen Personalentscheidungen, die nach overthinking rochen. Der verlässlichste Innenverteidiger der Saison, Josko Gvardiol, landete auf der Reservebank, ebenso Linksverteidiger Angeliño und Mittelfeldmann Dani Olmo. Für Angeliño spielte Rechtsfuß Henrichs als linker Innenverteidiger, anstelle von Gvardiol stand Marcel Halstenberg in der Innenverteidigung, und Emil Forsberg durfte sich als einsame Offensivkraft im Mittelfeld als Regisseur bemühen.

Noch kurioser aber: Tedesco gab seiner Mannschaft offenkundig die Order, sich zunächst in Zurückhaltung zu üben. Wer erwartet hatte, dass RB Leipzig aus der unbestrittenen höheren Qualität des Kaders ableiten würde, Autorität und Initiative zu zeigen, sah sich rasch getäuscht. Leipzig stand vergleichsweise tief und opferte die Hoheit im Mittelfeld.

Die Freiburger Führung sorgt für Diskussionen

Die erste Chance gehörte gleichwohl dem Champions-League-Teilnehmer. Nach 14 Minuten scheiterten erst Forsberg aus kurzer Distanz an Torwart Flekken, Nkunku danach mit dem Nachschuss an Höfler. Aber: Die Chance war weniger einem strukturierten Spiel der Leipziger geschuldet als einer Kette an Flüchtigkeitsfehlern der Freiburger Abwehr.

Nur fünf Minuten später folgte die Freiburger Führung, und sie sorgte für Diskussionen. Nicht wegen des Abschlusses von Maximilian Eggestein - ein überlegter und scharfsinniger Flachschuss aus 20 Metern. Sondern wegen der Entstehung. Seinem Assistenten Roland Sallai war die scharfe Hereingabe von Christian Günter an die Hand gesprungen.

Die Proteste der Leipziger waren so vehement wie steril: Schiedsrichter Sascha Stegemann bekam vom Videoschiedsrichter das Signal, dass die Handberührung durch Sallai - weil unabsichtlich - nach den Buchstaben des Gesetzes regulär war. Wie heikel diese Entscheidung war, konnte man auch daran ablesen, dass in der Halbzeit den 74 322 Zuschauern im Olympiastadion zwar der Abschluss von Eggestein auf der Stadionleinwand gezeigt wurde - nicht aber die kontroverse Genese des Treffers.

DFB-Pokalfinale: Leipzigs Rettung in die Verlängerung: Christopher Nkunku (im Fallen) trifft für die dezimierten Sachsen zum Ausgleich.

Leipzigs Rettung in die Verlängerung: Christopher Nkunku (im Fallen) trifft für die dezimierten Sachsen zum Ausgleich.

(Foto: Ulrich Hufnagel/Imago)

Erst nach dem Rückstand mühten sich die Leipziger um stärkeren Offensivdrang, und sie konnten in der 24. Minute auf die Kollaboration der Freiburger Hintermannschaft zählen. Nicolas Höfler leistete sich im Spielaufbau einen katastrophalen Fehlpass und brachte Nkunku ins Spiel - und als die Situation im Grunde geklärt war, versuchte sich wieder Höfler im Strafraum an einer Rückgabe per Kopf zu Torwart Flekken. Der Ball aber landete wieder bei Nkunku, der mittlerweile am Fünfmeterraum stand; Flekken konnte den Flug des Balles abbremsen, ihm aber nicht alle Brisanz nehmen. Der nach hinten geeilte Nico Schlotterbeck aber schaffte es noch, den Ball von der Linie zu schlagen. Und jubelte danach im Netz, als habe er ein Tor geschossen. Ein Fernschuss von RB-Kapitän Orban folgte noch (36.), danach war Pause.

Zur zweiten Halbzeit verzichtete Tedesco zwar darauf, personell neue Impulse zu setzen. Aber die Leipziger waren ein anderes Team. Sie taten einen Schritt nach vorn und ließen eine größere Aggressivität walten. Flekken konnte zur 50. Minute eine gute Chance von Nkunku vereiteln, ehe sich die Dynamik der Partie veränderte - durch die rote Karte gegen Halstenberg.

Als Halstenberg Rot sieht, verändert sich die Dynamik der Partie

Unter den Augen von Bundestrainer Hansi Flick konnte der Nationalspieler erst einen langen Befreiungsschlag der Freiburger nicht per Kopf klären, und als ihm Freiburgs Stürmer Lucas Höler davonsprintete, wusste er sich nur noch durch einen Zupfer an der Schulter des Freiburgers zu helfen. Referee Stegemann fällte das einzige Urteil, das möglich war: Er stellte den deutschen Nationalspieler für die Notbremse vom Platz (57.).

Tedesco reagierte quasi umgehend. Er stellte auf eine Viererabwehrkette um, wechselte erst Dominik Szoboszlai und Nordi Mukiele für André Silva und Emil Forsberg, dann auch Dani Olmo für Kevin Kampl ein. Doch mehr als von Struktur war das Leipziger Spiel zunächst von Verzweiflung geprägt. Den Freiburgern war es weitgehend ein Leichtes, durch physische Präsenz und eine Reihe von taktischen Fouls immer wieder Sandkörner in den Motor der Leipziger zu werfen, und ohne Hektik nach Entlastung zu suchen.

Und doch kam der Ausgleich der Leipziger. Im Anschluss an einen Freistoß von Szoboszlai schlug Konrad Laimer einen Ball hoch in den Strafraum, Willi Orban verlängerte per Kopf an den linken Pfosten, und Nkunku drückte den Ball aus einem Meter über die Linie. Die ganze Leipziger Bank sprang auf und folgte dem Franzosen zum Jubel an die Eckfahne - kaum einer schneller als Trainer Tedesco.

DFB-Pokalfinale: Freiburgs Führung: Maximilian Eggestein (links hinten, im roten Trikot) trifft gegen Leipzigs Keeper Peter Gulacsi.

Freiburgs Führung: Maximilian Eggestein (links hinten, im roten Trikot) trifft gegen Leipzigs Keeper Peter Gulacsi.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

In der Schlussphase der regulären Spielzeit war den Leipzigern anzumerken, dass sie eine Verlängerung in Unterzahl vermeiden wollten. Szoboszlai zog aus spitzem Winkel einen Freistoß direkt aufs Tor und hätte Flekken damit beinahe überrascht, der niederländische Nationaltorwart aber parierte sowohl den Schuss des Ungarn wie auch den Versuch von Henrichs, abzustauben. Wenig später hatte Leipzig durch Olmo eine weitere Gelegenheit. Der Spanier zog im Fallen aus zehn Metern ab - und setzte den Ball knapp am Tor vorbei. Doch die Verlängerung wurde unausweichlich.

Mit deren Beginn suchte Freiburg sein Heil im Vorwärtsdrang. In der 92. Minute setzte Ermedin Demirovic nach einer Ecke einen Kopfball an den linken Pfosten. In der 104. Minute traf Haberer ebenfalls den Pfosten - den Abpraller jagte Demirovic aus kurzer Distanz nicht ins offene Tor, sondern in den dunklen Berliner Nachthimmel.

Das war der Moment, in dem sich die Frage stellte, ob die Partie per lucky punch oder per Elfmeterschießen entschieden würde. Es machte noch ein drittes Mal klonk: Freiburgs Einwechselspieler Janik Haberer setzte einen Gewaltschuss (114.) an die Querlatte. Dann folgte eine Szene, bei der Stegemann wieder zum Schirm gerufen werden musste: Er übersah trotz bester Position ein klares Foulspiel von Höfler an Olmo. Auch nach Ansicht der Bilder blieb er bei seinem Irrtum. Und so kam es zum Elfmeterschießen, in dem das Aluminium dem Dosenklub hold war.

Zur SZ-Startseite

Stimmen zum Leipziger Pokal-Sieg
:"Die Fans sind dankbar, das ist auch richtig so"

Freiburg-Trainer Streich ist trotz der Final-Niederlage stolz auf sein Team und die eigenen Fans. Leipzigs Geschäftsführer Mintzlaff kündigt eine rauschende Nacht an.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB