bedeckt München

DFB: Ballack vs. Löw:Warum dieser hässliche Streit?

Wem gehört die Wahrheit? Welche Rolle spielen Völler, Niersbach und Frings? Und was soll das alles eigentlich und wie geht es weiter? Eine Suche nach Antworten in den Streitfragen um Joachim Löw und Michael Ballack.

Philipp Selldorf

13 Bilder

Ballack attackiert Löw heftig

Quelle: dpa

1 / 13

Die öffentliche Auseinandersetzung zwischen Bundestrainer Joachim Löw und seinem ehemaligen Kapitän Michael Ballack hat ein ratloses Publikum zurückgelassen. Beide Seiten haben ihre Versionen der Abläufe in mehreren, grundlegend widersprüchlichen Kommuniqués dokumentiert. Wem gehört die Wahrheit? Die SZ versucht, Antworten auf ein paar der drängendsten Fragen zu geben. Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität wird nicht erhoben.

Michael Ballack und Joachim Löw

Quelle: dpa

2 / 13

Was ist in Meerbusch geschehen?

Die zentrale Frage des Konflikts. Nur Löw und Ballack wissen, was sie am 30.März beim Mittagessen in einem Restaurant in Meerbusch beredet haben. Das Problem: Beide haben offenkundig aus der Unterredung völlig unterschiedliche Auffassungen gewonnen. Löw war überzeugt, er habe Ballack unmissverständlich mitgeteilt, dass dessen Karriere in der Nationalelf beendet sei. Ballack stellte angeblich überrascht fest, dass ihm der Bundestrainer Hoffnung auf weitere Spiele im DFB-Team gemacht habe.

Ballack attackiert Löw heftig

Quelle: dpa

3 / 13

Wer lügt?

Keiner. Oder beide. Wahrscheinlich haben sich Löw und Ballack ihre jeweils eigenen Wahrheiten gebastelt. Löw ist kein Mann, der den harten Konflikt schätzt, es ist denkbar, dass er seinem Gesprächspartner ein paar Tröstungen zuviel mitgegeben hat. Ballack hingegen hat in den letzten Jahren eine hohe Meinung von sich gewonnen und sich ein gutes Stück von der Erkenntnis entfernt, dass Fußball vor allem ein Mannschaftssport ist. Jupp Heynckes hat als sein Klubtrainer bei Bayer Leverkusen entsprechende Erfahrungen gemacht.

Bayer Leverkusen - Training Session

Quelle: Bongarts/Getty Images

4 / 13

Was soll das Ganze eigentlich?

Die zentralste der zentralen Fragen. Interessanterweise sind sich Löw und Ballack in der Sache vollkommen einig. Löw hat die Ansicht gewonnen, dass die Nationalelf ihren alten Mittelfeldchef nicht mehr braucht; Ballack hat, wie er am Sonntag selbst erzählte, im Mai beschlossen, dass er zurücktreten will. Darüber hat er den Bundestrainer und den DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach verbindlich informiert. Der wesentliche Sachverhalt war also nicht umstritten.

Michael Ballack

Quelle: dpa

5 / 13

Warum also dieser hässliche Streit?

Das formelle Procedere hat zum Bruch geführt. Beim DFB heißt es, man habe Ballack alle Möglichkeiten offengelassen, wie er seinen Rücktritt bekanntmacht: Auf einer Pressekonferenz mit dem Bundestrainer; durch eine gemeinsame Presseerklärung; im Rahmen eines Interviews; wie auch immer. Als Zeitpunkt habe man einen noch zu findenden Termin nach den Länderspielen im Juni verabredet. Doch dann, so argumentiert der Verband, sei der Italien-Urlauber Ballack trotz diverser Anrufe und Textbotschaften unerreichbar geblieben. Deshalb gab es schließlich die einseitige Verabschiedungserklärung am Donnerstag, "weil der Zeitpunkt eigentlich überreif war, in dieser wichtigen Personalie Position zu beziehen", so Niersbach. Ballack hingegen sagt, er habe "einen Zeitpunkt im Sommer für angemessen gehalten", von der Pressemitteilung habe er "plötzlich" eine Stunde vor deren Verbreitung durch eine SMS von Niersbach erfahren. Nun ja. Ein Rückruf bei Löw (oder Niersbach) hätte ihn vor dieser angeblichen Überraschung bewahrt.

Pressekonferenz DFB - Joachim Löw

Quelle: dpa

6 / 13

Wieso war der Zeitpunkt "überreif"?

Tja, warum eigentlich? Eine Erklärung lautet: Die Frauen-WM steht an. Der DFB wollte Ruhe an der Männer-Front. Außerdem gab es Urlaubsmeldungen in Frankfurt.

Löw und Niersbach

Quelle: dpa

7 / 13

Welche Rolle spielt Niersbach?

Er sollte vermitteln. Löw wollte die Sache nicht allein austragen und Rückendeckung der Verbandsspitze haben.

Trainingsauftakt Bayer 04 Leverkusen - Pk Völler

Quelle: dpa

8 / 13

Welche Rolle spielte Rudi Völler?

Er sollte vermitteln. Niersbach zog ihn vorige Woche hinzu, um den schweigenden Ballack zum Reden zu bewegen. Gelungen ist ihm das nicht. Völler meint, alle - "ich betone: alle" - Beteiligten hätten ihren schuldigen Anteil am Desaster. Im Gegensatz zu Löw muss der Leverkusener Sportedirektor mit Ballack aber weiter klarkommen. "Michael kann stur sein", hat Völler am Sonntag gesagt.

Germany - Training & Press Conference

Quelle: Bongarts/Getty Images

9 / 13

Welche Rolle spielte Oliver Bierhoff?

Keine. Man hielt ihn raus. Sein Verhältnis zu Ballack ist historisch belastet.

Michael Becker

Quelle: Imago

10 / 13

Welche Rolle spielte Michael Becker?

Der Rechtsanwalt Michael Becker ist seit 13 Jahren Ballacks Berater. Ein schlauer Mann. Aber keiner, der mit allen Mitteln den friedlichen Ausgleich sucht. Seine Beraterleistung hat offenbar nicht in der Mäßigung seines Klienten bestanden. Scheinheiligkeit ist ihm ein Graus.

Franz Beckenbauer hebt das deutsche Team auf eine Stufe mit Welt- und Europameister Spanien

Quelle: dapd

11 / 13

Welche Rolle spielte Beckenbauer?

Ausnahmsweise keine.

Fans empfangen das deutsche Team vor dem Mannschaftshotel

Quelle: dpa

12 / 13

Welche Rolle spielte Torsten Frings?

Unmittelbar hat er mit dem Fall nichts zu tun. Aber viele Leute im Publikum denken, dass Ballacks alter Weggefährte ein ähnliches Unrecht geschehen sei, als ihm Löw die Kündigung aus der Nationalelf überbrachte. Dieser Glaube beruht aber auf einem Irrtum und dem Missverständnis, dass Frings (wie Ballack) ein unbequemer, aber authentischer Typ sei. Richtig ist: Frings ist unbequem, weil er öfter schlechte Laune hat; ihm ist aber kein Unrecht geschehen, Löw hat sich geradezu überkorrekt verhalten.

Michael Ballack und Joachim Löw

Quelle: dpa

13 / 13

Wie geht es weiter?

Jedenfalls nicht so, dass sich Löw und Ballack noch mal in Meerbusch zum Mittagessen treffen und alle Streitpunkte und Missverständnisse ausräumen. Ballack wird auch nicht beim Spiel gegen Brasilien in Stuttgart mit roten Rosen verabschiedet werden. Der Wunsch von DFB-Präsident Theo Zwanziger, dass er doch noch das Angebot eines Abschiedsspiels annimmt, ist illusorisch. Aber Ballack dürfte präsent bleiben. Spätestens wenn er für Bayer zwei, drei gute Spiele gemacht hat, wird es eine Debatte über die Notwendigkeit seiner Rückkehr ins DFB-Aufgebot geben.

© SZ vom 21.6.2011/jab
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema