BVB in der Champions League:Dieses Scheitern wirft Dortmund weit zurück

Das Königsklassen-Aus der Borussia führt zu entlarvenden Erkenntnissen im Klub. Nach der Blamage in Lissabon fragen sich die Dortmunder, wie man im nahenden Duell mit den Bayern überhaupt bestehen soll.

Von Freddie Röckenhaus

Allzu lange brauchte Marco Rose nicht, um den Abend in Lissabon auf eine griffige Vier-Wörter-Formel zu bringen: "Das ist ein Einschnitt", fasste Borussia Dortmunds Trainer die Konsequenzen einer fast schon katastrophal schwachen Leistung des BVB zusammen. Der westfälische Leuchtturm, von dem Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke so gerne spricht, hat erkennbar einen Wackelkontakt.

Mit der 1:3-Pleite bei Sporting Lissabon ist der ambitionierte BVB ohne allzu erkennbare Gegenwehr aus der Champions League geflogen, und das schon einen Spieltag bevor die Gruppenphase überhaupt endet. Aus der vermeintlich machbaren Gruppe mit den Meistern aus den Niederlanden, aus Portugal und der Türkei ist Dortmund mit drei Niederlagen in Serie so wehrlos ausgeschieden, dass sich selbst ältere Beobachter wundern, ob es das so schon einmal gab.

Dortmund fliegt gegen Gegner raus, die man eigentlich schlagen muss

Das Rätselraten, wie die Mannschaft unter Marco Rose derzeit einzuschätzen ist, geht in die nächste Runde. Aber das Flimmern des Leuchtturm-Lichts ist seit der Blamage von Lissabon für alle erkennbar. In der Bundesliga rangiert der BVB, fast schon erstaunlich gut, nur einen Punkt hinter dem Serienmeister FC Bayern auf dem zweiten Platz. Mit vielen Arbeitssiegen, und ohne auch nur ein einziges Mal die spielerische Klasse über ein ganzes Spiel vorgeführt zu haben, die der Klub eigentlich für sich reklamiert. Kritik an den oft erschreckend schwachen Defensivleistungen und an dem offenbar mangelnden Plan B für Zeiten und Wochen ohne Torjäger Erling Haaland ließ sich mit der Punktebilanz in der Liga und den Arbeitssiegen im DFB-Pokal wegwischen.

Das Aus in der Champions League kostet, grob überschlagen, zehn Millionen Euro für das Nichterreichen des Achtelfinales, aber der BVB hat auch in den vergangenen drei Gruppenspielen in der Summe schon neun Millionen Euro an Siegprämien liegen lassen. Erst vergangenen Sonntag hatte BVB-Chef Watzke den BVB-Mitgliedern 116 Millionen Verlust aus den gut eineinhalb Corona-Saisons vorgetragen. Das Versagen in der Champions League wiegt gerade doppelt schwer und wirft den Klub klar zurück.

Nach den beiden vorherigen Gruppenspiel-Niederlagen gegen Ajax Amsterdam und nun dem Knock-out bei Sporting ist die Kosmetik im BVB-Gesicht wie weggewischt. Durch die Punktgewinne gegen mittlere und kleinere Gegner in der Liga wurde der Leistungsstand bisher geschönt. Zutage tritt aber nun eine Mannschaft, die unter vielen Verletzungspausen leidet, der aber auch die tiefere Spielidee zu fehlen scheint.

In den Tagesanalysen werden die Enttäuschungen oft an "individuellen Fehlern" festgemacht, als seien solche Aussetzer halt gottgegeben und nun mal unvermeidlich. In Lissabon, wie vorher zweimal gegen Ajax, waren aber die strukturellen Schwächen des vermeintlichen Meisterschaftsaspiranten Dortmund nicht zu kaschieren. Für jedes Spiel gilt derzeit: Es kann gutgehen. Man kann aber auch untergehen. Das dürfte auch für den Showdown mit den Münchnern am 4. Dezember wieder gelten.

Gemeinschaftsfehler in der BVB-Defensive

In Lissabon leitete ein Gemeinschaftsfehler der beiden Reserveverteidiger Marian Pongracic und Nico Schulz das 0:1 ein. Beim zweiten Tor verpassten der an sich defensiv gedachte Sechser Axel Witsel und der als letzter Stürmer aufgebotene Reinier es, den Torschützen Pedro Goncalves zu stören. Dann kam es zu der Szene, als Emre Can eine diskussionswürdige Rote Karte sah, nachdem er gegen Pedro Porro einen Tritt und einen Wischer versuchte (74., den Spanier aber nicht traf). Und beim 0:3 leistete sich der eben eingewechselte Dan-Axel Zagadou ein dümmliches Foul im Strafraum. Den fälligen Elfmeter parierte BVB-Tormann Gregor Kobel dann sogar, aber zum abprallenden Ball stürmte nicht Zagadou, sondern nur sein direkt neben ihm platzierter Gegenspieler Pedro Porro. Da war das Ausscheiden besiegelt.

Es liegt auf der Hand, die mangelnde Spielpraxis der Nachrücker im Kader von Rose als Erklärung heranzuziehen. In Dortmund versuchen sie gerade, sich mit der mangelnden Einstellung herauszureden. "Wir lernen nicht aus unseren Fehlern", bilanzierte etwa Marco Reus die Enttäuschung des Abends. Aber die unbestreitbare Verletztenmisere zieht nur mäßig, wenn man sich die Mannschaftsaufstellung anschaut, die der BVB noch aufbieten konnte. Ein 0:0 oder 1:1 bei einer Mannschaft wie Sporting hätte da schon möglich sein müssen. Dazu darf man aber nicht nach jedem Gegentreffer die Köpfe hängen lassen und aus den Fußballstiefeln kippen.

"Tore werden in den Strafräumen erzielt, und dort war Sporting besser", meinte Rose nachher. Und zudem kritisierte er erkennbar angefressen die mangelnde Konsequenz und Durchschlagskraft seiner Truppe. Kein neuer Eindruck, und nicht exklusiv für Rose. Schon länger stellt man fest, dass Dortmunds Offensivspiel oft überhastet und ungenau wirkt, dann wieder zu samtpfötig, und am Ende alle Mängel doch überstrahlt werden durch die einsame Wucht von Haaland. Fällt Haaland aus, ist es vorbei mit der Herrlichkeit.

Für Typen wie Haaland oder Lewandowski gibt es bei keinem Klub Ersatz. Man muss aber für solche Ausnahmespieler zumindest stilistisch ähnliche Spieler im Kader haben. Bei den Bayern gelingt das mit Choupo-Moting, Rose dagegen muss seit Haalands Ausfall (wegen einer Muskelverletzung) mit spielenden Mittelstürmern herumdoktern und das System entsprechend immer wieder variieren.

In Lissabon ging das besonders schief, weil der junge, von Real Madrid ausgeliehene Reinier so gar keine Autorität in der Sturmspitze ausstrahlen konnte. Auch in der Defensive lag Rose, der erwartbar den gesperrten Mats Hummels und unerwartet den beim Aufwärmen verletzten Raphael Guerreiro ersetzen musste, mit den Ersatzlösungen Pongracic und Schulz daneben. Als Rose später Zagadou einwechselte, ging das ebenso nach hinten los.

Die Meinungsbildung scheint noch im Gange, ob der Kader des BVB einfach in der zweiten Reihe überschätzt und überfordert ist. Ob manche Spieler ihren Zenit überschritten haben und nur noch punktuell mithalten können. Oder ob man von Rose nicht erwarten könnte, übers Kollektiv gewisse Verletzungspausen von Stammspielern zu überbrücken.

Beide Champions-League-Gegner, Amsterdam und Lissabon, verfügen über kaum herausragende Spielentscheider wie einen Haaland, aber über eine funktionierende Gruppentaktik, in der der Einzelne zum wichtigen, aber nicht unersetzbaren Rädchen im Getriebe wird. Misst man Rose an den Gegnern, an denen der BVB nun in der Gruppenphase scheiterte, dann kann man Dortmunds Coach bisher weder Fortschritte attestieren noch ein glückliches personelles Händchen. Aber auch seinen direkten Vorgesetzten kann man eine Mängelliste vorlegen.

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