Bundesliga: Manuel Neuer:"Hau ab, du Verräter!"

Manuel Neuer verkündet seinen Abschied von Schalke 04 per Facebook. Danach gibt es Beleidigungen, manche Fans planen gar derbe Aktionen. Dann meldet sich Neuer nochmals.

Jürgen Schmieder

Am 1. März war Manuel Neuer auf Facebook unterwegs, in seinen Status schrieb der Torwart von Schalke 04: "Heute habe ich Geburtstag. 20. Schalke-Geburtstag. Vor genau 20 Jahren bin ich Mitglied geworden, obwohl meine Eltern mich in Buer oder Hassel anmelden wollten, weil die Vereine näher zu unserer Wohnung lagen. Ich hab mich durchgesetzt und wollte im Feld spielen, musste aber ins Tor, weil kein Torwart da war. 2x gute Fügung, oder?"

Manuel Neuer Facebookseite

Manuel Neuer: Abschied per Facebook-Eintrag

(Foto: Screenshot Facebook)

51 Tage später schrieb Neuer erneut einen Eintrag in sein Profil, darin stand: "Ich habe den Verantwortlichen auf Schalke mitgeteilt, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern werde. Ich weiß, dass das bei Euch auf Unverständnis stößt. Ich habe Schalke und den Fans viel zu verdanken, möchte mir aber nach 20 Jahren Treue die Chance zur Veränderung offenhalten. Ich habe die Entscheidung getroffen und wollte sie jetzt bekanntgeben. Jetzt gilt die volle Konzentration den Saisonzielen von Schalke 04!"

Was danach passierte, gibt es wohl nur im Internet - und in diesem Ausmaß wohl nur bei Facebook. Innerhalb von 20 Minuten hatten 2000 Menschen den Eintrag von Neuer kommentiert, am Nachmittag waren es 9000 Kommentare. Innerhalb von 24 Stunden stieg die Zahl der Facebook-Fans von 173.000 auf 217.000.

Nun wird im Internet ohnehin viel gemotzt und beleidigt, doch die Anfeindungen gegen Manuel Neuer gehen über das gewöhnliche Maß hinaus. Sofort wurde ein Forum eröffnet mit dem Namen "Verräter", in dem Neuer übel beschimpft wird. "Manchester wäre in Ordnung, aber Bayern? Das ist Hochverrat", schreibt einer.

Wer einmal negative Kritik über seine Arbeit im Internet lesen musste oder in einem sozialen Netzwerk beschimpft wurde, der kann ein wenig verstehen, wie nahe dem Torwart die Beschimpfungen gehen müssen. Vielleicht hoffte Neuer, dass die Schalker Fans ihn behandeln, wie es Anhänger von St. Pauli mit Holger Stanislawski getan haben - der nämlich wurde nach dem Verkünden seines Abschieds gefeiert. Zur Erinnerung: Neuer ist zwei Jahre länger Schalke-Mitglied als Stanislawski bei St. Pauli.

Einige Fans planen gar eine Aktion beim Heimspiel am kommenden Samstag: "Nächstes Heimspiel gegen K'lautern. Schmeißt eure Trikots, Schals und Mützen mit dem Aufdruck des Judas auf das Spielfeld. Lasst uns ihm klarmachen, dass er ab sofort eine Person non grata darstellt. Geplanter Beginn: Spielminute 19:04. Ein Leben lang, blau und weiß ein Leben lang. Wir sind Schalker und Du nicht!!!" Es gibt gar eine Gruppe, die Trainer Ralf Rangnick auffordert, ab sofort Ersatztorwart Mathias Schober spielen zu lassen.

Manuel Neuer: Der neue Klaus Fischer

Neuer galt - und gilt - als Identifikationsfigur des Vereins, seinen Abschied interpretieren viele Fans als Zeichen dafür, dass im modernen Fußball Treue und Loyalität nicht mehr viel Wert sind, wenn selbst jemand wie Neuer den Verein wechselt. "Wenn die Millionen winken, werden sie alle schwach", schreibt ein weiblicher Fan. "Da kann einer vorher sagen, was er will."

Man mag vom Internet halten, was man will - manche sehen darin das Land der Elektroquallen und halten nur Dieter Bohlen für eine größere Bedrohung für die Kultur. Doch derlei Anfeindungen gab es schon vor 30 Jahren, als etwa Klaus Fischer verkündete, Schalke 04 im Falle des Abstiegs zu verlassen.

"Diese Reaktionen haben mich tief deprimiert. Ich war damals schon 31 Jahre alt, hatte 182 Tore für Schalke erzielt und habe dem Verein noch eine Million an Ablöse gebracht. Das war einer der bittersten Augenblicke in meiner Karriere", sagte er in einem Interview mit dem Portal Westline.

Beim Spiel gegen Nürnberg musste sich Fischer gar auswechseln lassen: "Die Judas-raus-Rufe werde ich nie vergessen, die haben mir sehr zu schaffen gemacht. Es waren zwar nur 6000 Zuschauer, aber wenn die alle gegen einen Spieler sind. Manager Rudi Assauer hat mir freigestellt, ob ich in der zweiten Halbzeit noch einmal raus wollte, ich habe mich auswechseln lassen."

Fischer würde sich wünschen, dass Neuer ähnliche Situationen erspart bleiben: "Das wäre tragisch, wenn Manuel von den Schalker Fans niedergemacht würde. Denn er hat sich große Verdienste erworben. Ich bin ein absoluter Neuer-Fan. Für mich ist er der beste Torhüter der Welt."

Kurz vor Mitternacht übrigens schrieb Neuer noch einmal auf seine Facebook-Seite: "Ich bin froh, dass dieser Tag vorüber ist. Wer mich kennt, weiß, dass mir das sehr schwer gefallen ist. Dass ich keinen Applaus erwarten durfte, war mir klar. Ich habe auch Verständnis, dass viele von Euch enttäuscht sind. Ich hätte ja nicht anders reagiert."

Bislang haben 5000 Menschen geklickt, dass ihnen das gefällt.

© sueddeustche.de/hum
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