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Brasilien bei der WM:Brasilien spielt nicht mehr wie Brasilien

Brasilien gegen Serbien bei der Fußball-WM 2018 in Russland

Entscheidung per Kopf: Thiago Silva erzielt das befreiende 2:0 für Brasilien.

(Foto: dpa)
  • Brasiliens Nationalteam glänzt bei der WM nicht unbedingt, aber das Team spielt plötzlich beeindruckend diszipliniert.
  • Damit erinnern Neymar & Co. an die Weltmeister-Deutschen.
  • Doch Häme über die ausgeschiedene DFB-Elf sparen sich die Brasilianer.

Der deutsche Begriff Schadenfreude ist ein Barbarismus; ein Wort also, das in all seiner Wonne so treffend, aber auch so schwer zu übersetzen ist, dass es netto in andere Sprachen eingesickert ist. Die Briten etwa haben es in ihr Oxford-Lexikon übernommen. Auch in portugiesischen (und damit auch: brasilianischen) Publikationen begegnet man mitunter der "Schadenfreude", wenn auch ungleich seltener. Das dazugehörige Gefühl ist eh universell, oft unvermeidlich, doch in der Nacht zum Donnerstag verkniffen sich die Brasilianer, jeden Anflug davon zu Markte zu tragen.

Am Mittwoch hatten sie im Spartak-Stadion von Moskau die Serben von Trainer Mladen Krstajic mit 2:0 und waren damit ins Achtelfinale der WM eingezogen - zu einem Zeitpunkt, da das Team von Joachim Löw nach dem Debakel von Kasan die russische Hauptstadt anflog, auf ihrem Stopover in die deutsche Heimat. Natürlich wurde auch Paulinho nach den Germanen gefragt, der Mittelfeldspieler der Brasilianer ist einer der Überlebenden des brasilianischen Desasters von Belo Horizonte, dem 1:7 bei der WM 2014 gegen Deutschland.

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Doch Paulinho schwieg. Vielleicht auch eingedenk der Eleganz, die Deutschlands WM-Spieler 2014 an den Tag gelegt hatten, nachdem sie die Brasilianer im Mineirão auseinandergeschraubt hatten. "Der Respekt gegenüber Deutschland gebietet es, nichts zu sagen", sagte der Angestellte des FC Barcelona.

Paulinho selbst hatte den ersten Treffer der Brasilianer erzielt, nach einem großartigen Pass des zunehmend brillanten Philippe Coutinho, dem zweiten Barça-Profi in den Reihen der Brasilianer (36.). Das Tor fiel zu einem Zeitpunkt, da die Brasilianer in Moskau so viele Tugenden zeigten, die dem deutschen Klischee entsprachen, dass nur noch fehlte, dass sie anfangen Autos zu bauen. E-Autos, womöglich. Die Brasilianer spielten diszipliniert, nüchtern, arbeitsam und konzentriert, irgendwie schmucklos aber doch unangreifbar.

Und auch das Mantra vom "Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" haben sie verinnerlicht. Als Thiago Silva nach einer Ecke von Neymar das 2:0 erzielt hatte, die Arbeit also vorschriftsmäßig verrichtet war, bekundete Trainer Tite, sich doch glatt "einen Caipirinha" gönnen zu wollen, einen Cocktail auf Grundlage von Zuckerrohrschnaps. "Heute gönne ich mir das", erklärte der Coach.

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Der Grund dafür, dass er seinen WM-Ramadan unterbrach: Sein Team eignet sich gerade jene Züge einer Turniermannschaft an, auf die deutsche Teams das Copyright zu haben glaubten. Man nehme die Erwartungshaltung an, man habe sie schließlich selbst erschaffen. "Aber wir leben nicht von Erwartungen, sondern in der Realität", sagte Tite und lobte die Serben. "Es war der erste Gegner bei dieser WM, der gegen uns Fußball spielen wollte, statt sich auf den Boden zu werfen, wie es die anderen Mannschaften getan haben. Sie haben eine Lektion an Fairplay gezeigt", lobte der brasilianische Trainer.

Besonders genoss dies der zuletzt kritisierte Neymar, der jenseits davon, dass er weniger Fouls hinnehmen musste, auch zu gefallen wusste. Er reduzierte die barocken Einlagen auf ein Minimum, spielte zielgerichtet und vermied aufreizende Einzelaktionen. "Das ist der Neymar, den Brasilien wollte", jauchzte die Zeitung O Estado de São Paulo.