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Thomas Bach:Reisewarnung vom IOC-Chef

Interview with IOC President Bach after Tokyo 2020 postponement decision

IOC-Präsident Thomas Bach.

(Foto: Denis Balibouse/Reuters)

Wenn Funktionäre im Fokus der Justiz stehen, beteuert Thomas Bach stets, man kooperiere mit den Behörden. Nun legt ein Dokument das Gegenteil nahe. Über einen Anruf bei einem Ex-Sprinter, der den Olympia-Präsidenten in Bedrängnis bringt.

Von Thomas Kistner und Johannes Knuth

Am 4. März 2017, einem Samstag, erhält der ehemalige Leichtathlet Frank "Frankie" Fredericks einen Anruf, etwa um 14.30 Uhr namibischer Zeit. So hält er es kurz darauf schriftlich fest. Die Prominenz am anderen Ende der Leitung überrascht ihn: Da melden sich Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, und Christophe De Kepper, der IOC-Generaldirektor. Sie fragen, wie es Fredericks so gehe. Aber um dessen Befinden, das wird rasch klar, geht es nur sehr am Rande.

Fredericks erwidert, er sei auf dem Weg nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt, wo er einen Firmensitz unterhält, müsse er eilig Dokumente zusammensammeln, die ihn entlasten sollen. Einen Tag zuvor war ein unappetitlicher Vorgang an die Öffentlichkeit gedrungen, der Fredericks' bis dahin steile Funktionärskarriere schwer bedroht: Eine Kontobewegung legt nahe, dass der einstige 100- und 200-Meter-Sprinter, nun IOC-Repräsentant aus Namibia, käuflich war, als 2009 in Kopenhagen der Gastgeber für die Sommerspiele 2016 gekürt wurde. Hochbrisant ist dieser Vorwurf, auch für das IOC.

Ach ja, deutet der Anrufer Thomas Bach nun gegenüber Fredericks an: Wegen dieser Vorwürfe gebe es noch Gesprächsbedarf. Paquerette Girard-Zappelli, die Chefin der hauseigenen Ethik-Abteilung, werde sich gleich bei ihm melden.

Bachs Reisewarnung an Fredericks besitzt jedenfalls Sprengkraft

Fredericks findet den Anruf "strange", seltsam. Er hatte Girard-Zappelli schon alle Dokumente übermittelt, die sie auf die Schnelle von ihm angefordert hatte. Wieso nun dieser Eingriff des IOC-Chefs, von der höchsten Kommandobrücke? Dürfen von dort überhaupt Einmischungen erfolgen - jetzt, da die Ethik- und Compliance-Direktorin des IOC bereits Ermittlungen in seinem Fall angeschoben hat? Tatsächlich simst Girard-Zappelli ihn bald darauf an. Fredericks ruft zurück, als er auf dem Weg zum Flughafen im Taxi sitzt.

Sie solle ihm noch etwas ausrichten, sagt Girard-Zappelli. Und zwar im Namen des Präsidenten.

Was Girard-Zappelli ihm dann ausrichtet, verblüfft Frankie Fredericks ebenfalls: "Ich solle mich davor hüten, nach Frankreich zu reisen." Das ist der Ratschlag, den der IOC-Präsident damals höchstpersönlich an den ins Zwielicht geratenen Funktionär überbringen lässt. So hält es der 53 Jahre alte Fredericks kurz darauf auch in einem Statement fest, das der SZ vorliegt und dessen Inhalt Fredericks auf Nachfrage voll und ganz bestätigt. Auch Bach und Girard-Zappelli stellen diesen Vorgang auf Anfrage explizit nicht in Abrede.

Das IOC hat über all die Jahre immer vehement beteuert: Es könne nichts für korrupte Verfehlungen einzelner Mitglieder irgendwo auf der Welt. Es ermittele selbst nach Kräften und unterstütze die staatlichen Fahnder stets, so gut es nur gehe. "In Wahrheit", teilte ein beteiligter Fahnder der SZ schon im Oktober 2017 mit, "sind sie nur um ihre Reputation besorgt und ergreifen nur Maßnahmen, wenn es nicht mehr anders geht." Aber offiziell steht da halt Wort gegen Wort. Doch nun legen Dokumente, die die SZ und die französische Zeitung Le Monde einsehen konnten, schwarz auf weiß nahe, wie Bach selbst solche Ermittlungen im Umfeld des olympischen Führungszirkels, nun ja: "unterstützt".

Vorwürfe wegen Korruption und Geldwäsche bestreitet Fredericks bis heute

Seine Reisewarnung an Fredericks besitzt jedenfalls Sprengkraft: Sie legt nahe, dass der Präsident versuchte, etwaige Justizermittlungen zu olympischer Korruption zu erschweren. Denn Frankreich, wohin Fredericks bloß nicht reisen sollte, war im März 2017 längst ein Hochrisikogebiet für Sportfunktionäre. Die Sonderstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF) in Paris pflügte schon seit zwei Jahren durch die Sümpfe des olympischen Sports, sie hatte Verdächtige verhaftet und mitgeteilt, dass sie seit einem Jahr auch die Bewerbungen für die Sommerspiele 2016 (Rio) und 2020 (Tokio) prüfe.

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Mittlerweile suspendierter Funktionär: Frankie Fredericks.

(Foto: PanoramiC/imago)

Und dann wurden im Frühjahr 2017, just in Frankreich, Vorwürfe gegen ein weiteres hohes IOC-Mitglied publik: Fredericks. Exakt die Art von Vorwürfen, auf welche die Pariser Korruptionsfahnder verlässlich mit Ermittlungen zu reagieren pflegten. Tatsächlich saß Fredericks dann im Herbst 2017 vor dem Untersuchungsrichter in Paris: wegen mutmaßlicher Korruption und Geldwäsche. Vorwürfe, die er bis heute strikt bestreitet.

Das IOC wiederum verneint auf Anfrage vehement, dass man Fredericks mit der Reisewarnung dem Zugriff staatlicher Ermittler entziehen wollte - der Namibier sei ja erst acht Monate später offiziell angeklagt worden. Und natürlich habe man immer "eng" mit den französischen Behörden kooperiert. Aber kann man das in dieser Gemengelage noch behaupten?

299 300 Dollar von einem mutmaßlichen Schmiergeld-Knotenpunkt

Um diese neue olympische Episode in ihrer Gänze zu verstehen, zunächst ein Schwenk nach Frankreich, in den November 2015. Pariser Ermittler setzten damals Lamine Diack fest, es war ein gewaltiger Fang. Diack amtierte von 1999 bis 2015 als Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, er galt auch als Anführer der 15 afrikanischen Mitglieder im IOC - einer, über den sich Einfluss im Block organisieren ließ. Eine zweite Kernfigur, Diacks Sohn Papa Massata, ließen die Behörden per Interpol suchen. Denn Lamine und Papa Massata Diack, so die heute gerichtsfesten Vorwürfe, hatten nach der Amtsübernahme in der IAAF eine gewaltige Korruptionsmaschine installiert.

Fredericks

Fredericks (Mitte) gewann vier Mal Olympia-Silber - unter anderem über 100 Meter in Atlanta 1996 hinter dem Kanadier Donovan Bailey (links).

(Foto: imago)

Wenn sich zwischen Geschäftspartnern und der IAAF-Zentrale in Monaco ein Deal anbahnte, floss das Geld oft erst mal durch viele Agenturen: lauter kleine Drehkreuze, über die Vater und Sohn Millionen an Dollar abzweigten. Die 32. Kammer des Pariser Finanzgerichtshofs sah es in einem Prozess als erwiesen an, dass die Diacks auf diese Weise knapp 3,5 Millionen Euro abschöpften. Vor einem Monat verurteilte sie den Vater zu vier Jahren Haft, den Junior in Abwesenheit zu fünf. Die "FinCEN Files", geleakte Daten aus der Finanzwelt, die ein Reporterkonsortium rund um die SZ zuletzt auswertete, legen nahe, dass die Diacks sogar weit mehr, nämlich 55 Millionen Euro, über ihre Drehkreuze umschlugen. Mindestens.

Das Geld, das die Diacks dadurch erwirtschaftet haben sollen, indem sie bei der Vergabe von Großevents Stimmen verkauften - was sie bestreiten -, floss über dieselben Drehkreuze. Etwa jene 1,5 Millionen Dollar eines brasilianischen Milliardärs, die 2009 durch die Karibik geschleust wurden und ihren Weg in die Agentur Pamodzi fanden - eine von vielen Beratungsfirmen Papa Massatas. Das alles geschah ganz kurz vor der IOC-Session 2009 in Kopenhagen, wo Rio zur Olympiastadt 2016 gekürt wurde. In diesem Fall haben die Brasilianer die dreckige Spur des Geldes längst offengelegt: Rios einstiger Gouverneur Sérgio Cabral erklärte im Juli 2019 bei einer gerichtlichen Anhörung, fast alles sei damals über Schmiergelder geregelt worden. Sogar die Staatsspitze sei eingeweiht gewesen.

Und damit wieder zu Frankie Fredericks: Der erhielt am 2. Oktober 2009 - just an dem Tag, an dem Rio zur Olympiastadt gekürt wurde - 299 300 Dollar, überwiesen von Massatas Agentur Pamodzi. Von einem der mutmaßlichen Schmiergeld-Knotenpunkte also, weitergeschleust auf eines von Fredericks' Geschäftskonten in Monaco. Eine kleine Aufmerksamkeit für sein Wohlwollen? Fredericks war damals eines der 15 afrikanischen IOC-Mitglieder im Dunstkreis der Diacks. Er fungierte bei der Kür in Kopenhagen gar als Wahlprüfer.

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