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Ex-IOC-Mitglied Lamine Diack:Angeklagt wegen allem

Sitzt in Paris auf der Anklagebank: Lamine Diack.

(Foto: AFP)
  • Lamine Diack führte 16 Jahre lang den Leichtathletik-Weltverband und war ein hochrangiges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees IOC.
  • In Paris sitzt er nun auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm auf 90 Seiten unter anderem Korruption, Geldwäsche, Erpressung und Betrug vor.
  • Besonders heikel könnten aber seine Verwicklungen in die Vergabe der Olympischen Spiele nach Rio und Tokio werden.

Ab diesem Montag steht ein vormals bedeutendes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vor Gericht, im Pariser Justizpalast geht es um Korruption, Geldwäsche, organisierte Bandenkriminalität: Lamine Diack, Boss des Leichtathletik-Weltverbands World Athletics von 1999 bis 2015, als ihn Frankreichs Strafbehörden arretierten. Mit angeklagt ist sein Sohn Papa Massata, der aber in die Heimat Senegal floh; ihn jagt Interpol seit 2016. Nebenbei verspricht der Fall auch hohe politische Unterhaltung: Vor der 90-seitigen Anklageschrift dürfte der halbe Olymp zittern, denn neben Betrug und Erpressung mit Dopingproben stehen die Vergaben der Sommerspiele 2016 an Rio de Janeiro und Tokio 2020 im Fokus. Auch hier sollen die Diacks mitgemauschelt haben.

In der Ära Diack wurde laut Aktenlage systematisch betrogen. Dopingfälle wurden gegen Schmiergeld fallengelassen, knapp 3,5 Millionen Euro sollen von positiv getesteten Athleten gefordert und teils auch kassiert worden sein, unter Mitwirkung des damaligen Anti-Doping-Chefs Gabriel Dollé und russischen Kollegen. Während Diack, 86, der Kopf des mafiösen Gebildes gewesen sei, soll der Sohn die Drecksarbeit erledigt haben. Er firmierte offen als Marketingberater des vom Vater gelenkten Verband. Durch ein Geflecht aus Strohfirmen habe der Filius korrupte Geldflüsse quer durch die Welt kanalisiert.

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Wobei das Geschäft nicht nur aus dem irrwitzigen Ablasshandel mit gedopten Athleten bestand, sondern auch die Vergabe Olympischer Spiele umfasste. Schließlich hatte Lamine Diack Afrikas Wählerblock im IOC fest im Griff - und diese Voten konnte ein Kandidat über Massatas Agenturen kaufen. So lautet der Vorwurf.

Seit Jahren ermittelt die Pariser Finanzstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF) daher auch zu den Spiele-Vergaben an Rio und Tokio. Die Abläufe waren fast identisch. Verräterisch ist ein Mailverkehr vom 7. September 2013, dem Tag der IOC-Kür, als sich Tokio gegen Madrid und Istanbul durchsetzte. Er zeigt, wie die Diacks offenbar den afrikanischen Wählerblock steuerten. Während der Session in Buenos Aires mailte Massata an Vater Lamine: "Nach Information deines afrikanischen Kollegen scheint Scheich Ahmad alles zu tun, um die Afrikaner dazu zu bringen, für Madrid zu stimmen!!!! Wir müssen das während der Pause klären." Lamine beruhigte den erregten Filius: "Wir können nach der Sitzung darüber sprechen."

Besagter Ahmad al-Sabah, selbst ein großer Makler mit IOC-Voten, war bei jener Session 2013 Thomas Bachs Königsmacher. Auch der Kuwaiter steht seit Jahren im Fokus diverser Strafbehörden, seine Sportämter legte er zuletzt nieder.

Die Strafbehörden sehen diese E-Mails als Kernstück der Beweiskette. Sie zeigten, dass die Diacks am Wahltag kooperiert und die Afrikaner en bloc und nicht für Madrid abgestimmt hätten. Lamine habe laut Mails Einfluss auf Afrikas Voten ausgeübt. Und: Diese Mails zwischen den Diacks, die alle Vorwürfe von sich weisen, am Tag der Tokio-Kür seien der perfekte Mosaikstein in einem korrupten Gesamtbild.

Rios Ex-Gouverneur gestand, er habe Stimmen von IOC-Leuten gekauft

Die Faktenlage zu Rio 2016: Tage vor der Vergabe bei der IOC-Session 2009 in Kopenhagen flossen 1,5 Millionen Dollar des brasilianischen Milliardärs Arthur Soares via Karibik an eine Agentur namens "Pamodzi". Die gehörte Massata Diack. Im Juli 2019 gestand Rios Ex-Gouverneur Sérgio Cabral, er habe für zwei Millionen Dollar Stimmen von IOC-Leuten gekauft, um die Spiele zu sichern. Vermittelt haben soll Brasiliens langjähriger IOC-Mann Carlos Arthur Nuzman; der Bewerbungs- und NOK-Chef habe zwischen Diack und Geldgeber Soares gependelt. Nuzman wurde 2017 verhaftet, er bestreitet alle Vorwürfe.

Und auch vor der Tokio-Kür wanderte ein Millionenbetrag aus dem Kandidatenland ins Umfeld von Diack junior. Im Juli und im Oktober 2013, vor und nach der Wahl, flossen insgesamt 1,8 Millionen Euro auf das Konto von "Black Tidings" in Singapur, einer weiteren Firma Massatas. Im Betreff: Tokio 2020 Olympic Game Bid, Olympiabewerbung 2020 Tokio.

Schlüssige Erklärungen, wofür Tokios Werber Diacks Sohn Millionen zahlten und warum dieser den Vater am Wahltag wegen des Verhaltens des Afrika-Blocks alarmierte, fanden die Ermittler nicht. Doch anders als in Rio, wo die Geldflüsse erst nach den Spielen aufflogen, stießen sie bei ihren Kollegen in Tokio auf wenig Unterstützung. Mit den Spielen 2020 steht Japans Integrität auf dem Spiel - und die des IOC.

Das IOC reagiert in solchen Fällen gern mit luftigen Selbstermittlungen

Anfang 2019 versetzte die PNF Tokio und dem IOC einen Tiefschlag. Ermittelt wurde nun auch auf der Königsebene: Gegen Tsunekazu Takeda, 72, Chef des japanischen Olympia- und Organisationskomitees, dazu IOC-Mitglied. Wie einst Nuzman und andere belastete Funktionäre war Takeda eine Topfigur im IOC, als Marketing-Chef saß er gar an den Geldquellen. Und als Vizepräsident des asiatischen Olympia-Rats (OCA) war er Vertrauter eines anderen von Ermittlungen aus dem Amt getriebenen Würdenträgers: Scheich al-Sabah. Takeda bestritt alle Vorwürfe, auch bei Untersuchungen in Japan, wo er im Parlament aus Gründen der "Vertraulichkeit" die Offenlegung des Singapur-Vertrags verweigerte. Unter Ermittlungsdruck gab er im März 2019 dann auf.

Am Freitag, bei der IOC-Session in Lausanne, rückte Landsmann Yasuhiro Yamashita diskret nach. Was gnädig unterging im Wirbel um eine andere, denkwürdige Berufung: Auch Gianni Infantino, der affärenreiche Boss des Fußball-Weltverbands, ist nun ein IOC-Ehrenmann, mit 13 Gegenstimmen - eine hohe Ablehnungsrate.

Das IOC reagiert in Korruptionsfällen rituell gern mit luftigen Selbstermittlungen, aktuell zu besichtigen ist das in der Korruptionsaffäre um den Gewichtheber-Weltverband IWF und dessen Boss Tamas Ajan, 80. Die Leichtathletik hat indes ihre Lehren aus der Causa Diack gezogen. Im Dopingkampf wurde eine unabhängigere Ermittlungseinheit gegründet - die an diesem Wochenende einen für den Weltverband schmerzhaften Ermittlungserfolg mitteilte: Wilson Kipsang wurde suspendiert. Der einstige Marathon-Weltrekordhalter aus Kenia soll drei Dopingtests verpasst und die entsprechenden Ermittlungen behindert haben.

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