Basketball:Alba besinnt sich auf seine DNA

Basketball: Wie in Okinawa: Berlins neuer Kapitän Johannes Thiemann (re.) lässt mit einer Körperdrehung seinen Gegner Paul Zipser stehen und punktet.

Wie in Okinawa: Berlins neuer Kapitän Johannes Thiemann (re.) lässt mit einer Körperdrehung seinen Gegner Paul Zipser stehen und punktet.

(Foto: Memmler/Eibner/Imago)

Den Berlinern sind fast alle Führungsspieler abhanden gekommen. Trotz des Umbruchs startet der ehemalige Meister in Heidelberg gut in die Bundesliga - fürchtet aber eine harte Euroleague-Saison.

Von Ralf Tögel

Als hätte es ein Drehbuch gegeben, trat der Weltmeister als Erster ins Rampenlicht: Johannes Thiemann drehte sich um die eigene Achse, ließ seinen Gegenspieler Paul Zipser ins Leere laufen und legte den Ball zur 2:0-Führung in den Heidelberger Korb - wie er das zuletzt so oft in der Okinawa Arena in Japan oder der Mall of Asia in Manila bei der Basketball-WM vorgeführt hatte.

Am Donnerstagabend allerdings hießen seine Gegner nicht Luka Doncic oder Anthony Edwards, die beide in der NBA zugange sind, sondern eben Zipser und Mike McGuirl, die in der Basketball-Bundesliga (BBL) für die MLP Academics Heidelberg auflaufen. Thiemann, 29, hat seine WM-Form trotz nicht vorhandener Vorbereitung mit Alba augenscheinlich in den Ligaalltag transferiert: Er zeigte mit 14 Punkten, zehn Rebounds und vier Vorlagen eine Spitzenleistung und war ein Garant für den 90:81-Sieg in der Universitätsstadt.

Der Saisoneinstieg war trotz weltmeisterlicher Unterstützung keine Galavorstellung, Abstimmungsprobleme auf beiden Seiten waren unübersehbar. Die Berliner leisteten sich 20 Ballverluste, die nur deshalb nicht entscheidend ins Gewicht fielen, weil ihr Kader qualitativ besser besetzt war - dank des neuen Kapitäns Thiemann und des US-Amerikaners Matt Thomas, mit 21 Punkten Topscorer. Der 29-Jährige kann auf eine NBA-Vergangenheit verweisen (Toronto, Utah, Chicago) und ist gestandener Euroleague-Akteur. Bei seinem jüngsten Arbeitgeber Panathinaikos Athen erlebte er "eine frustrierende Saison" mit niedrigen Einsatzzeiten, bei Alba soll er eine Führungsrolle einnehmen.

Berlin investiert in die Breite, in Talente - was bisweilen als "Sozialromantik" belächelt wird

Denn dem Meister der Jahre 2020 bis 2022 sind sämtliche Führungsspieler abhanden gekommen. Schlüsselspieler wie Luke Sikma, 34, (zu Olympiakos Piräus) und Weltmeister Maodo Lo, 30, (Armani Mailand) suchen im Herbst ihrer Karriere noch einmal das Abenteuer bei einem Euroleague-Spitzenklub, was auch für Jaleen Smith, 28, (Virtus Bologna) gilt. Die israelischen Nationalspieler Tamir Blatt, 26, (Maccabi Tel Aviv) und Yovel Zoosman, 25, (Hapoel Jerusalem) sind zurück bei den Branchenführern in der Heimat, und im US-Amerikaner Ben Lammers, 27, hat ein weiterer Führungsspieler Alba (zum Eurocup-Sieger Gran Canaria) verlassen.

Lo, Sikma und Smith hätten die Berliner gerne gehalten, wie Geschäftsführer Marco Baldi zugibt, allerdings hat der Klub einer notwendigen Verjüngung nur vorgegriffen. Zumal das Konzept zuletzt nicht aufgegangen sei: "Zum ersten Mal, seit die Bayern aufgeschlagen sind", sagt Baldi der SZ, sei man angesichts des komplett zusammengehaltenen und punktuell verstärkten Kaders in der vergangenen Saison Titelfavorit gewesen - unterlag aber schon im Viertelfinale dem späteren Meister Ulm.

Nun besinne man sich wieder "auf unsere Ausrichtung", sagt Baldi, und die Berliner DNA sei es, Hochtalentierte zu Topspielern zu entwickeln. Dafür werde er bisweilen als "Sozialromantiker belächelt", meint Baldi, aber man investiere nun einmal sehr viel in die Breite, "um daraus für die Spitze zu entwickeln". Bei einem Etat von 13 Millionen Euro sei der Spielraum angesichts der Konkurrenz auch winzig, womit Baldi auf die Euroleague anspielt. Dort haben sich zahlreiche Vereine dank teilweise dreimal höherer Budgets in atemraubendem Maße mit NBA-Kräften oder Euroleague-Topspielern verstärkt. Er erwarte in der europäischen Königsklasse daher eine "harte Saison".

In der BBL zählt Berlin nach wie vor zu den Favoriten, nur die Münchner sind weit enteilt

In der BBL zählt Berlin trotz des personellen Aderlass zu den Favoriten, Ziel ist das Playoff-Finale. Womit man wieder beim geglückten Saisoneinstieg wäre, denn eine Vorbereitung in angemessener Form gab es nicht. Die italienischen WM-Spieler Matteo Spagnolo, 20, und Gabriele Procida, 21, kamen wie Thiemann spät zum Kader, ebenso der Slowene Ziga Samar, 22. Alles Akteure, denen man nicht nur in Berlin eine große Zukunft zutraut, wofür sie indes Zeit benötigen; was auch für die deutschen Kollegen Malte Delow, 22, Jonas Mattisseck, 23, und Elias Rapieque, 19, gilt. Angesichts dessen wird von Spielern wie Louis Olinde oder Tim Schneider wegen ihres vergleichsweise reifen Alters von 25 beziehungsweise 26 Jahren der nächste Entwicklungsschritt erwartet. Anleiten soll das Team in bewährter Manier der spanische Talententwickler Israel Gonzalez, der nicht nur in der Euroleague "den jüngsten aller Kader" habe, wie Baldi betont. Er jedenfalls werde seinem Trainer die nötige Zeit zugestehen - was er auch von Fans und Umfeld erhoffe.

Die Frage nach dem Favoriten könne man sich im Übrigen sparen, findet Baldi, denn was der FC Bayern da auf das Parkett bringe, sei "beeindruckend". Womit er nicht nur die Weltmister Andi Obst, Niels Giffey und Isaac Bonga oder NBA-Zugang Serge Ibaka meint. Aber auch Ulm oder Bonn sieht Baldi gut aufgestellt: Vereine, die wie Berlin perspektivisch scouten, konzeptionell planen - und einen großen Umbruch zu bewältigen haben.

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