SZ-Serie HeimatVereine:Straßenkicker vom Waldesrand

SZ-Serie HeimatVereine: Tanz mit dem Ball: Am 25. März 2023 feierte Marius Wolf sein Debüt in der Nationalmannschaft - und steuerte die Vorlage zum 2:0-Endstand gegen Peru bei.

Tanz mit dem Ball: Am 25. März 2023 feierte Marius Wolf sein Debüt in der Nationalmannschaft - und steuerte die Vorlage zum 2:0-Endstand gegen Peru bei.

(Foto: Nico Herbertz/Imago)

Zwischen Brauerei und Rasenplatz: Im Landidyll des VfB Einberg hat Marius Wolf sein Handwerszeug gelernt, um Spitzenfußballer und Nationalspieler zu werden. Besuch bei einem Klub, der den 28-Jährigen einfach laufen ließ.

Von Christoph Leischwitz, Einberg

Kaum eine Fußballerkarriere beginnt in der F-Jugend eines Profiklubs - die allermeisten starten bei einem kleinen Verein in der Nachbarschaft, bevor der Wechsel in ein Nachwuchsleistungszentrum ansteht. Die SZ hat die Heimatvereine prominenter Fußballerinnen und Fußballer, Trainer und Manager besucht. Teil 2: der VfB Einberg und Marius Wolf.

Vor ein paar Wochen stand die 100-Jahr-Feier des VfB Einberg an, und wenn es im Vereinsbericht heißt, dass alle Erwartungen an das Festwochenende "nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen" worden seien, dann kann man sich gut vorstellen, was das bedeutet. Der Bürgermeister stand einen Abend lang am Zapfhahn, es gab eine Malle-Party und Live-Rockmusik, einen Umzug und einen Gottesdienst. Schade fanden sie freilich nur, dass der bekannteste Sohn des Vereins nicht dabei war, aber der hatte einen guten Grund: Marius Wolf befand sich gerade auf Länderspielreise mit der deutschen Nationalmannschaft. An jenem Junisamstag, als die Feiergäste laut Bericht bei "Prügelhitze" in die eigens aufgebauten Pools sprangen, hatte Wolf einen Kurzeinsatz gegen Polen (0:1). Das hätten sich die Gründerväter des Klubs, die 1923 im Lokal "August Reißenweber" aus dem FC Einberg und dem Turnverein 1860 Einberg den VfB machten, wohl auch nie träumen lassen: dass einmal im Vereinsheim das Nationalmannschafts-Trikot eines Einheimischen hängt.

Es ist ganz praktisch, dass Marius Wolf mittlerweile Nationalspieler ist. Denn ein Vereinstrikot von ihm auszuwählen, um es dort aufzuhängen, wäre problematisch: Er hat ja unter anderem für den TSV 1860 München und Eintracht Frankfurt gespielt und ist mittlerweile bei Borussia Dortmund. Einerseits leben in der Gegend viele Sechzig-Fans. Der Platzwart, der direkt neben dem Vereinsheim wohnt und die Anhöhe mit den beiden Fußballplätzen gerne mal nachmittags mit dem Zillertaler Hochzeitsmarsch beschallt, ist gut sichtbar auch einer. Doch Einberg, zehn Kilometer östlich von Coburg, liegt dem geografischen Mittelpunkt der Republik deutlich näher als der Landeshauptstadt München. Und so gibt es hier eben auch Frankfurt- oder Dortmund-Fans.

Ein BVB-Fan war übrigens auch jener Knirps in den 1990er Jahren, der 2018 just zu diesem Verein wechseln sollte. Heute verhindert es mögliche Frotzeleien, dass nun ein neutrales, weißes Trikot mit der Nummer 17 samt Unterschrift eingerahmt hinter Glas an der Wand hängt, lediglich garniert mit Autogrammkarten von Wolfs Stationen München-Giesing, Köln, Berlin und eben Dortmund.

Hier in Einberg lernt jeder von kleinauf, ins Gebüsch geschossene Bälle sofort wieder zu holen

Die weitläufige Terrasse vor dem Vereinsheim gibt es noch gar nicht so lange, dabei hat man von hier einen prima Blick auf die Spielfelder, einen Rasenplatz und einen Sandplatz. Nein, nicht einmal rote Erde, es sieht tatsächlich aus wie ein rechteckiger Strand hinter Maschendrahtzaun. Dahinter liegt ein idyllisches Waldstück. Marius' Vater Martin ist gekommen, ebenso sein ehemaliger Jugendtrainer Matthias Christl und der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit, Fabian Friedrich. Christl sagt, hier lernt jeder von kleinauf, in den Wald geschossene Bälle sofort wieder zu holen. "Ich war in einigen Vereinen Trainer, hier funktioniert das sehr gut mit der Disziplin", sagt der 47-Jährige.

Dem Gast aus Oberbayern wird ein süffiges, gut gekühltes alkoholfreies Bier gereicht. In der Gegend habe jedes Dorf zwei Brauereien. "Hier gibt es viel Auswahl. Und: Das Bier schmeckt nie gleich", sagt Martin Wolf, "weil es noch handgemacht ist. Dann schmeckt dasselbe Bier nach jedem Brauen anders." Trainer Christl fügt hinzu: "Nach Tagesform."

SZ-Serie HeimatVereine: Als Junge war Marius (Dritter von rechts) kleiner als die meisten anderen - was ihm half, sich durchzusetzen.

Als Junge war Marius (Dritter von rechts) kleiner als die meisten anderen - was ihm half, sich durchzusetzen.

(Foto: Martin Wolf/oh)

So ähnlich ist das auch mit Marius Wolf. Ein Original, das in dieser Form nur hier so reifen konnte, davon sind sie in Einberg überzeugt. Zu Beginn stehen die Geschichten, die bei vielen späteren Profis deckungsgleich sind: sehr früh angefangen zu spielen. Intrinsischer Ehrgeiz. Trainingsdisziplin. Marius war lange ziemlich klein. Das half ihm, Durchsetzungsfähigkeit zu lernen. "Kleinere Hosen gab's nicht", sagt Vater Wolf lachend. Er hat ein altes Fotoalbum mitgebracht und zeigt Bilder von Marius' ersten Tagen in der Mannschaft, mit viereinhalb, Ende 1998. Martin Wolf war auch Spieler hier, 1983 war er Mitbegründer eines Stammtischs der Alteingesessenen. Der Stammtisch organisiert jedes Jahr eine Fahrt zu Marius' letztem Saisonspiel.

Seine Schmächtigkeit sorgte dafür, dass der Vater und die jeweiligen Trainer es gar nicht so leicht hatten, das Talent zu fördern, also in den älteren Jahrgängen zu etablieren. Alle Eltern wollen ja, dass ihr Zögling spielt. Aber Marius war eben auch schon sehr früh sehr gut. "Wir haben da gewiss auch nicht alles richtig gemacht", räumt Trainer Christl ein. Heute würde man Jugendliche wohl sehr viel weniger ergebnisorientiert einsetzen. Doch Anfang der Nullerjahre eben noch nicht. "Wir wollten ja auch gewinnen", sagt er, es sei ja bisweilen schon auch Verhandlungsarbeit bei anderen Eltern nötig gewesen, weil der kleine Marius einem Älteren den Platz wegnahm. Aber er war eben stets der Beste, egal wo. "Und wenn wir gesehen haben, dass beim Gegner im Zentrum nur Große standen, dann haben wir Marius auf die Seite gestellt, damit er seine Stärken ausspielen konnte", erzählt Christl.

Hinlänglich bekannt ist, dass Wolf als Profi vom rechten Flügelspieler zum rechten Außenverteidiger umgeschult wurde. Doch in Einberg war er überall auf dem Feld daheim. Der Papa weiß nicht mehr ganz genau, wann sich folgende Anekdote zutrug, Marius Wolf war jedenfalls noch sehr jung: "Er hat einmal unter der Woche bei seiner Mama im Friseursalon gefragt: Bei dem Spiel am Freitag - spielen wir da ohne Abseits? "Ja, im Querfeld", antwortete der Trainer, der gerade die Haare geschnitten bekam. Am Freitag dann lief Marius bei einem Freistoß nach vorne und stellte sich vor den Torwart. Er hatte sich die Woche über die ganze Zeit Gedanken gemacht, wie er das Spiel angeht.

Marius Wolf wuchs 500 Meter Luftlinie entfernt vom Vereinsheim auf, in einer Zeit des Übergangs. Einerseits gab es das noch, dass man sich um 15 Uhr zum Bolzen traf, und wer zu spät kam, konnte halt nicht mitspielen. Andererseits trainierte er unter C-Jugendtrainer Christl bereits in einer Spielgemeinschaft, weil der Mitgliederschwund schon begann, der heute vor allem auf dem Land zu beobachten ist. Das nächste große Nachwuchs-Leistungszentrum ist von Einberg ziemlich weit weg. Um im fränkischen Bild zu bleiben: Das ist dann nicht mehr die heimelige Brauerei, sondern die Massenproduktion. Auch wenn hier keine Flaschen rauskommen, sondern junge Profis, so verlieren sie hier einige ihrer Unterschiede.

"Wo ist der Papa, der bei Brose im Büro arbeitet, um 15 Uhr aufhören kann und auch noch die Qualität hat, das Jugendtraining zu leiten?"

Aber es muss ja sein. Viermal die Woche fuhren die Wolfs ihren Sohn zum 1. FC Nürnberg, ab dem 13. Lebensjahr. Das sind auch: 4000 Kilometer - pro Monat. Die Mama hat eine Mitarbeiterin im Friseursalon eingestellt, damit sie Zeit hatte, der Papa fuhr auf Montage, um mehr Geld zu verdienen. Er fragt sich heute, ob Eltern in einer Gegend wie Einberg das zeitlich und finanziell überhaupt noch stemmen können. "Wo ist der Papa, der bei Brose im Büro arbeitet, um 15 Uhr aufhören kann und auch noch die Qualität hat, das Jugendtraining zu leiten?", sagt Christl. Sie machen sich in Einberg viele Gedanken über die Zukunft des deutschen Fußballs. Wohl auch, weil es einer von ihnen an die Spitze geschafft hat.

Wenn dann aber der Sohn noch früher ins Internat zieht, käme dabei ein anderer Fußballer raus. "Marius ist ein Straßenkicker", sagt sein Vater, einer, der sich permanent gegen Größere durchsetzen musste und dazulernte. Sowohl sein Vater als auch der ehemalige Trainer Christl finden: Marius ist auf keiner Position der Beste im Land, aber auf mehreren Positionen sehr gut. Und vor allem einer, der schon immer "wollte, dass alle zusammenhalten", wie Christl sagt, der den Teamgeist beschwört also. Vielleicht, weil sie ja in Einberg auch immer den Zusammenhalt betonen. Auf der 100-Jahr-Feier leitete VfB-Präsident Ralf Jakob die Festivitäten mit folgendem Satz ein: "Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine, kürzt die öde Zeit, und er schützt uns durch Vereine vor der Einsamkeit."

Und sollten sie ihren berühmten Sohn im Vereinsheim vermissen, dann können sie wenigstens dem ein Jahr jüngeren Cousin über die Schulter schauen. Felix Wolf hat während Corona eine E-Sport-Abteilung gegründet, die Mannschaft ist kürzlich in die Bayernliga Nord aufgestiegen. Felix Wolf kann dabei theoretisch seinen Cousin als Avatar benutzen.

Bisher erschienen: Bastian Schweinsteiger/FVOberaudorf (26.8.)

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