Italien:Einkehren in Südtirol

Italien: Gebratene Kastanien, Keschten genannt, gehören im Herbst zu jeder Einkehr in einem Buschenschank - aber es gibt noch viel mehr Köstliches.

Gebratene Kastanien, Keschten genannt, gehören im Herbst zu jeder Einkehr in einem Buschenschank - aber es gibt noch viel mehr Köstliches.

(Foto: Manuel Ferrigato/IDM)

Massenware gibt es woanders: Manche Bauernfamilie in Südtirol tut alles dafür, ihre Tiere gut zu halten und nachhaltige Spezialitäten anzubieten. Drei Tipps.

Von Helmut Luther

Eggerhof am Marlinger Berg

Die zwei Schweine "Weiß" und "Schwarz", die auf dem Eggerhof hauptsächlich mit Molke gefüttert wurden, haben sich nach dem Gang zum Metzger unter den Händen von Fabian Reisner und seiner Lebensgefährtin Emilia Rogel Serna in Hauswürste, Selchkarree, Schopf und Rippchen verwandelt. Ihre eher unpersönlichen Namen, weil das Ende ja absehbar war, bekamen die Schweine von Rogel Serna, die sich täglich um sie kümmerte. "Ich wollte verhindern, dass sie mir zu sehr ans Herz wachsen", sagt die zierliche Frau, die aus Granada stammt und früher Akrobatin war.

Auf den steilen Wiesen um den Pachthof bei Marling weiden Schottische Hochlandrinder. Sie sind hier auf 1260 Metern auch im Winter immer draußen. Die robusten Tiere sind an die Kälte gewöhnt - im Gegensatz zu ihrer Besitzerin, sie vermisst die andalusische Sonne. Deshalb wird sie bald für mehrere Wochen zur Familie reisen, Reisner bleibt solange am Hof. "Einer muss die Stellung halten. So ist das als Viehbauer, man kann die Tiere nicht in den Urlaub schicken", sagt er - mit einem Lächeln, das offen lässt, ob er darüber eher erfreut oder betrübt ist. Woran kein Zweifel besteht: Wie er von ihnen spricht, wie er über ihr braun verfilztes Fell streichelt - Reisner sagt, auf dem Eggerhof erfülle sich für ihn ein Lebenstraum, er mag seine Rindviecher. Auch wenn er in ihnen bereits einen in Südtiroler Lagrein geschmorten Braten sieht. Die Gäste essen auf einer verglasten Veranda mit Blick auf die Martinskapelle und das Meer flackernder Lichter tief unten im Talkessel.

Eggerhof/Schnauzerstube, Marling, wieder geöffnet ab dem ersten Dezemberwochenende. schnauzerstube.it

Johannserhof, Villanders

In Geschichte sei er "brutal schwach, mein Bereich ist die Landwirtschaft", sagt Ewald Brunner, und blickt in der getäfelten Stube auf ein Schwarz-Weiß-Bild über dem Türrahmen. Darauf zu sehen ist ein würdiges Paar in Tracht: Es sind seine Urgroßeltern, die vor 100 Jahren den schon damals alten Hof erworben, die gotische Stube aus Geldnot verkauft haben (heute im Volkskundemuseum von Innsbruck zu besichtigen) und die heutige einbauen ließen. Dort essen nun die Gäste Schweinernes mit Knödel und Kraut, schließlich süße Krapfen. Getrunken wird Zweigelt, Riesling oder Saft, fast alles aus eigenem Anbau. Immer wichtiger werde die Verarbeitung der eigenen Schweine, sagt Michaela Brunner, "zwei haben wir im September geschlachtet, vier werden bis Weihnachten dran sein". Ein bisschen Bildungsarbeit betreibt die Bäuerin nebenbei: "Die meisten wollen nur Schnitzel und Schlegel", doch die Gäste sollten begreifen, welches Potential etwa in der Schweinewirbelsäule steckt, und "dass Spaß, also fettdurchzogenes Fleisch, zu einem gutem Leben beiträgt".

Vom Sinn des Lebens scheint Michaela einiges begriffen zu haben, wenigstens lassen ihre Gedichte darauf schließen. Bei Hoffesten oder beim Törggelen liest die Bäuerin aus ihrem im Eigenverlag herausgegebenen Poesieband vor. Es geht darin um den bäuerlichen Alltag, die Natur, die Kinder und schöne Frauen, die im Leben ihres Mannes eine Rolle spielen. Jede von Ewalds 20 Milchkühen höre auf den Namen einer Frau, die ihm gefalle. Den Gästen gefallen wiederum die Gedichte. Von der Erstauflage (1000 Stück) sind bis auf drei sämtliche Exemplare verkauft. Darbende Lyriker sollten für Tipps auf den Johannserhof zum Törggelen kommen.

Johannserhof, Villanders, geöffnet bis 20. Dezember. Den Rest des Jahres auf Reservierung. suedtirol.info/de

Oberbrunnhof, Partschins

"Mit einer guten Frau geht alles", sagt Manuel Laimer. Und seine Frau wusste bei der Hochzeit, worauf sie sich einließ. Sie ist auf einem benachbarten Bauernhof aufgewachsen, Zimmermann Laimer hingegen traute sich, den erlernten Beruf aufzugeben und zusammen mit ihr den Hof seiner Großmutter zu übernehmen. Inzwischen lebt das junge Paar hier mit drei kleinen Kindern. "Es war alles in desolatem Zustand, der Stall und das Nebengebäude fast baufällig", sagt Laimer, als er im zur Hofschänke umgebauten Keller mit den Gästen plaudert, während diese einen Aperitif trinken. "Wir haben auf dem Hof eine Generation übersprungen. Weder meine Mutter noch ein Onkel oder eine Tante hatten Lust, weiterzumachen - eine bequeme Wohnung und ein Job im Tal schienen verlockender zu sein."

Wenig später dampft auf dem Tisch eine Schlachtplatte mit Hauswurst - das Fleisch ist aus eigener Zucht. Anschließend gibt es Kastanien, in einer durchlöcherten Pfanne über dem offenen Feuer gebraten, gebackene Krapfen mit Kastanien- und Marillenfüllung sowie einen selbst angesetzten Kräuterschnaps. Beim Heimgehen zeigt sich, warum der knallrote Aperitif aus Heidelbeere, Apfel und Minze "Siemr" heißt: Er ist nach dem Naturphänomen benannt, das sich gegenüber im hellen Mondlicht unter der Zielspitze abzeichnet: Eine Sieben aus dunklen Felsen wie ein Negativdruck, während ringsum das schneebedeckte Gelände silbern schimmert. Ein untrügliches Zeichen, dass es Winter wird.

Oberbrunnhof, Partschins, auf Bestellung bis Dezember geöffnet. Ab März wieder an den Wochenenden. oberbrunnhof.suedtirol.it

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