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Städtereise nach Tallinn in Estland:Kunstvoll feiern

Tallinn hatte den Titel "Kulturhauptstadt 2011" zwar verdient, aber nicht nötig - längst ist die Stadt kein Geheimtipp mehr. Die Esten nutzten den Rummel, um Independent-Kultur zu fördern, noch mehr Partys zu feiern und ihre Hauptstadt skandinavischer zu machen.

Am Ende kam das Feuer. Eine Stunde hatten 2000 Zuschauer bei Minusgraden am Hafen von Tallinn ausgeharrt, um 55 einminütige Kurzfilme von Tom Tykwer, Rafi Pitts oder Michael Glawogger zu sehen. Die Regisseure hatten sich kurz vor Weihnachten an der Performance "60 seconds of solitude in the year zero" (60sec.ee) beteiligt, mit der das Programm von Tallinn 2011 abgeschlossen wurde. Nach dem letzten Film verdunkelte sich die Leinwand, dann ging der Projektor in Flammen auf und ein Pyrotechniker entzündete die Filmrolle. Funken sprühten und alle Augen blickten auf die Leinwand. Doch anstatt umzukippen, blieb sie stehen.

Tallinn Estland

Eine Minute Kunst - die Kurzfilme der Performance "60 seconds of solitude in the year zero" bleiben nur in den Köpfen der Zuschauer erhalten, Leinwand und Filmrolle verbrannten.

(Foto: Tallinn 2011, Jelena Rudi)

Mitorganisator Veiko Õunpuu störte die Panne nicht: Das Anliegen, die Kommerzialisierung des Kinos zu kritisieren, war gelungen. Den Regisseur ärgert, dass immer mehr Filme auf Festplatten kopiert werden, während überall Kinos schließen. Daher der radikale Ansatz der Performance: Da keine zweite Filmrolle existiert, lebt die Kunst nur in den Köpfen weiter.

"60 seconds of solitude in the year zero" war eines der ehrgeizigsten Projekte, die im Programm der Europäischen Kulturhauptstadt präsentiert wurden. Mit 15 Millionen Euro war das Budget recht bescheiden, weshalb die Organisatoren neben Konzerten, Ausstellungen und Theater auf kleinere Projekte setzten: Diese sollten und sollen den Tallinnern unbekannte Ecken ihrer Stadt zeigen, für Touristen interessant sein - und über das Kulturhauptstadtjahr hinaus Bestand haben.

So entsteht direkt an der Ostsee und in Gehdistanz zur mittelalterlichen Altstadt eine Promenade namens "Kulturkilometer" für Spaziergänger und Radler, die zum neuen Meeresmuseum führt. "In der Sowjetzeit war der Zugang ans Meer an dieser Stelle verboten, das war militärisches Sperrgebiet", sagt Maris Hellrand von der Stiftung Tallinn 2011. Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit entdecken die 1,4 Millionen Esten ihre Hauptstadt neu und gewinnen das Gefühl zurück, direkt am Wasser zu wohnen.

Aus Holz haben junge Architekten kleine Badeinseln, Bänke und Umkleidekabinen gebaut, damit die Anwohner im Sommer im Meer schwimmen können. Dieser Strand namens Kalarand ist nur fünf Minuten vom Zentrum entfernt und die Architekten hoffen, dass engagierte Talliner Bürger diesen Ort nicht privaten Investoren überlassen, die ähnlich wie in Kopenhagen oder Stockholm teure Lofts am Wasser bauen wollen.

Tallinn 2011 förderte Nachbarschaftsinitiativen ebenso wie Urban Gardening-Projekte oder das Rooftop Cinema: Auf dem Dach eines Einkaufszentrums wurden den Sommer über Filmklassiker gezeigt. Neben der Tallinn Music Week wird auch das Katusekino wegen des großen Erfolgs 2012 wieder stattfinden, so dass auch Touristen "Casablanca", Alfred Hitchcocks "Psycho" oder Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona" in Originalversion über den Dächern der Stadt genießen können.

Vor und nach dem Film blicken sie auf die mächtigen, meterdicken Mauern und die Wehrtürme, welche die Hansestadt Reval einst vor Angreifern schützten.

Tallinn in Estland

Partystadt mit mittelalterlichem Charme