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Tourismus und Umweltschutz:Je reicher der Mensch, umso problematischer sind seine Reisen

Offenbar gilt auch hier die schlichte Faustregel: Je wohlhabender der Mensch, desto problematischer seine Reisen. Laut der UN-Tourismusorganisation entfallen fünf Prozent der globalen Emissionen auf den Tourismus, bei jeder Reise im Schnitt etwa eine Vierteltonne CO₂. In Deutschland aber leistet sich jeder dritte Urlauber eine Flugreise, hierzulande dürfte der Wert weit höher liegen. Ein Flug nach Mallorca produziert pro Person mehr als 500 Kilogramm CO₂. Dafür kann man im voll besetzten Kleinwagen locker zwanzigmal von München an den Gardasee brettern.

Aber selbst bei Reisen in die Nähe und bei besten Bemühungen können Touristen noch viel Schaden anrichten, vor allem, wenn sie scharenweise auftreten. Skitouren-Geher zum Beispiel blicken ja gerne mit leiser Verachtung auf die Dekadenz des Pistenrummels. Aber wenn die zig Millionen Pistenfahrer auch noch auf Skitour gehen wollten, dürften nicht mehr allzu viele ungestörte Rückzugsräume für Wildtiere übrig bleiben; Birkhühner ade. Da man die Berge nicht absperren kann, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, ein paar Gebiete dem Wintersport zu opfern, wenn dafür der Rest geschont wird.

Dann lieber ehrlicher Massentourismus

Freilich geht dieses Konzept nicht auf, wenn die Skigebiete sich im Kampf um einen schrumpfenden Markt in ein Wettrüsten der Pistenkilometer stürzen, bis noch das letzte Tal platt gewalzt ist. Aber das ändert nichts daran, dass Individualismus überschätzt wird. Ein tolles Naturerlebnis für den Reisenden ist nicht automatisch auch toll für die Natur.

Schon gar nicht in den Bergen. In den vergangenen 14 Jahren stieg die Mitgliederzahl des Deutschen Alpenvereins von 600 000 auf mehr als eine Million. Zwar hat der Verein 1994 den Naturschutz als Ziel in seine Satzung aufgenommen und die touristische Erschließung der Alpen für beendet erklärt. Trotzdem werden die Routen immer sicherer, die Hütten immer komfortabler, warme Duschen und Wlan sind schon fast Standard. Bergsteigen ist sommers wie winters ein Massensport. Schön, dass die Leute in die Berge gehen. Aber muss man aus den Alpen einen bequemen Abenteuerspielplatz für Erwachsene machen?

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Dann doch noch lieber ehrlicher Massentourismus. Eine Trink- und Partytour im Schüler-Bus nach Lloret de Mar zum Beispiel mag nicht die kultivierteste Form des Reisens sein, aber gemessen am zusätzlichen Schaden, der für die Umwelt entsteht, spricht gar nicht so viel dagegen, mit Ausnahme des Wasserverbrauchs. Sicher ist das besser als mancher superindividuelle Naturbeobachtungs-Aufenthalt in der Eco-Lodge mitten in der Einsamkeit.

Und doch heißt all das nicht, dass man besser gar nicht mehr verreisen sollte oder nur noch mit dem Bus in eine möglichst nahe Bettenburg. Denn mal ganz abgesehen davon, dass es auch andere Gründe fürs Reisen gibt, den kulturellen Austausch zum Beispiel: Was wäre, wenn die Leute ganz aufhörten zu reisen?

Zu Hause zu bleiben, ist auch keine Lösung

Klar, dem Planeten bliebe viel Dreck, Lärm, Müll, Wasserverbrauch und Klimaschaden erspart. Aber auch viele Nationalparks in Afrika müssten ohne die Einnahmen aus dem Tourismus schließen oder wären hoffnungslos der Wilderei ausgeliefert. Selbst in Deutschland kämen Nationalparks und Biosphärenreservate bald in Rechtfertigungsnöte, wenn die Touristen ausblieben. Aus vielen abgelegeneren Regionen würden die Menschen vollends abwandern, weil es keine Arbeitsplätze mehr gäbe; Dörfer würden verlassen, Kulturlandschaften verschwinden. Das ist ganz sicher nicht im Sinne des Umweltschutzes.

Vermutlich gibt es keine Reiseform, die sich für sieben Milliarden Menschen in jeder Hinsicht optimal umsetzen lässt; und vorschreiben kann man ohnehin nichts. Es ist mit dem Reisen eher wie mit der Ernährung: Es geht um die richtige Mischung. Fliegen sollte eine seltene Ausnahme sein, Natur verdient etwas Respekt, Zurückhaltung ist immer gut. Und nur, weil man sich etwas leisten kann, ist es noch lange kein Grundrecht. Wenn man das beachtet, sollten auch in Zukunft ein paar Reisen drin sein. Vielleicht sogar für alle auf der Welt.

Serie: Gute Reise - Wie wir Urlaub machen wollen

Jedes Jahr sind etwa eine Milliarde Touristen unterwegs. Das bietet riesige Chancen für die besuchten Länder. Und einige Probleme.

Alle Folgen der Serie unter www.sz.de/gutereise