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Checkpoint Charlie:Bier ist billiger als Wasser - das ist Berlin

Luszeit spricht schnell, oft sagt er "es war jewesen", die Berliner Form der Vergangenheit. Den Grenzübergang kennt er noch aus seiner Kindheit. Sein Vater war amerikanischer GI, der auf einem Ausflug in den Osten eine Blondine kennengelernt hatte. Die beiden bekamen ein Kind, Tom Luszeit wuchs in Ostberlin auf, später nahm ihn der Vater mit in den Westen. Wenn Luszeit als Teenager auf Besuch rüber in den Osten fuhr, hatte er immer Kassetten dabei, auf denen er Geräusche aus Pornofilmen aufgezeichnet hatte, stundenlang. Er wusste, dass sich die DDR-Grenzer alle Tonbänder anhören mussten, das war seine Form des Aufbegehrens.

Luszeit hält inne und sieht drei knallbunten Trabis nach, die um die Ecke knattern, eine Stunde Rundfahrt für 60 Euro. Drei Tschechen mit Bayern-Schals feilschen mit einem fliegenden Händler um eine Gasmaske, kaufen dann aber einen Stoffbeutel mit dem Aufdruck "Beer costs less than water - das ist Berlin".

Luszeit sagt, er würde den Leuten jetzt am liebsten zeigen, wo die Mauer verlief und wo der 18-jährige Ostberliner Peter Fechter erschossen wurde, an einem Freitag im August 1962, beim Versuch, über die Mauer zu klettern. Eine Stunde lang lag der junge Maurer im Todesstreifen, und als die DDR-Grenzsoldaten ihn endlich ins Krankenhaus transportierten, war es zu spät. Eine Tragödie von vielen.

"Die meisten Besucher haben keine Ahnung von Geschichte", sagt Luszeit. Einmal sei vor den Soldaten ein Mann auf die Knie gegangen und habe seiner Begleiterin einen Heiratsantrag gemacht. Und ständig komme jemand und frage: Wer ist dieser Charlie? Oder eben: Wo ist die Mauer?

Unsentimentaler Umgang mit Geschichte

Was in Berlin nach der Wende an die Mauerzeit erinnerte, wurde abgerissen, im Wald verbuddelt oder ins Ausland verscherbelt. Der Rest steht in der Gegend herum wie die East- Side-Gallery. Das längste noch zusammenhängende Mauerstück mit seinen Graffiti und den Bemalungen ist mal von Verfall, mal von Abriss bedroht. Die Berliner müssen dafür demonstrieren, dass die Mauer stehen bleiben darf. Ironie der Geschichte.

Wie die Stadt am Checkpoint Charlie mit ihrer Geschichte umging, war ebenfalls unsentimental, um nicht zu sagen: achtlos. Erst sollte ein Business-Zentrum entstehen, dann ein Museum des Kalten Krieges. Aus beidem wurde nichts, Investoren kamen und gingen, machten pleite. Vor einigen Wochen schlug nun der nordamerikanische Stamm der Seminolen auf.

Berlin Szenekiez im Geheimtipp-Dilemma
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Szenekiez im Geheimtipp-Dilemma

Die Simon-Dach-Straße wird in Reiseführern als Geheimtipp für Partyfreudige gepriesen. Jetzt ist die Sache einem Stadtrat unheimlich geworden.   Von Sarah Schmidt

Dem gehört die Kette "Hard Rock Cafe", die ihre Hotels, Kneipen und Casinos mit der immer gleichen Einrichtung in die Touristenzentren dieser Welt klotzt. Wenn es nach den neuesten Plänen geht, soll am Checkpoint Charlie in drei Jahren ein Hard-Rock-Hotel stehen. Mit 372 Räumen, Ballsaal und sogenannten Rockstar Suites. Hardrock statt Historie, Hauptsache laut und voll.