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Das geteilte Berlin als Reiseziel:"Flippig sind weniger die Discos als die Leute"

Radtouren an der Mauer entlang und Besichtigung der DDR-Bürger wie im Zoo: Berlin als Reiseziel - vor der Wiedervereinigung.

Von Anja Perkuhn

15 Bilder

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Quelle: imago stock&people

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"In ein paar Wochen, wenn die Neunziger Jahre beginnen, wird dieses West-Berlin eine andere Stadt sein", schreibt die Frankfurter Rundschau am 7. November 1989. "Die Reise- und Besuchsbeauftragten verhandeln in aller Stille über die Möglichkeit von zehn bis 15 neuen Übergängen."

Ein knappes Jahr danach ist Deutschland wiedervereint. Das weiß man heute - doch in den Jahren davor ahnt niemand, dass es die Jahre davor sind. Ein Rückblick auf zwei halbe Berlins und ihre Rolle als Reiseort.

Volkspark am Weinbergsweg 1987

Quelle: imago/Rolf Zöllner

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Zum ersten Mal in seiner Historie als halbe Stadt hat West-Berlin im Jahr 1987 mehr als zwei Millionen Besucher in einem Jahr. "Einen überdurchschnittlichen Zuwachs registrierten die Statistiker bei den ausländischen Gästen, die im Ruf stehen, etwa dreimal so viel Geld in der Stadt zu lassen wie Bundesbürger" - heißt: US-Amerikaner, Engländer, Niederländer ("Holländer" genannt), Schweizer und Schweden.

Der Tagesspiegel wundert sich außerdem über ein Phänomen, das inzwischen keines mehr ist: "In den stets eher durch geringen Besuch gekennzeichneten Sommermonaten hat sich die Besucherzahl nahezu verdoppelt." (Heute kommen pro Jahr mehr als elf Millionen Touristen nach Berlin.)

Im Bild: Von Touristen überlaufen, die Geld da lassen? Nicht im November 1987 im Volkspark am Weinberg (Weinbergspark) - Berlin-Mitte gehörte zum Ost-Teil der Stadt.

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Quelle: imago stock&people

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Das Magazin Impulse wirbt etwas umständlich: "Keine andere deutsche Millionenstadt (von München abgesehen) besitzt so viel Grünflächen wie Berlin."

Das Heft preist die (West-)Stadt, unter anderem für den Zoo, der ein "seltenes, aber glänzendes Beispiel für den Umgang einer zivilisierten Gesellschaft mit Tieren" sein soll, für die Spandauer Seenplatte (allerdings sind Berliner verwirrt, wenn man sie nach diesem Begriff fragt) und die 50.000 Boote aller Klassen, die in den Gewässern zu finden sind: "West-Berlin ist somit der größte deutsche Yachthafen."

Freibad des Sport- und Erholungszentrum (SEZ), DDR, 1988

Quelle: imago/PEMAX

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Der Ost-Teil Berlins ist als internationales Touristenziel weniger interessant, auch wenn die Stadt kleine Sensationen gebaut hat, wie das "Sport- und Erholungszentrum" (SEZ) - ein Gebäudekomplex in der damaligen Leninallee mit einem eigenen Wellenbad.

Urlaubsgäste in Ost-Berlin kommen vor allem aus dem befreundeten sozialistischen Ausland. "Trotz großer Bemühungen hält sich der Touristenstrom aus dem 'kapitalistischen' Ausland, zum Leidwesen der DDR-Reisemanager, nach wie vor in bescheidenem Rahmen", notiert die Zeit dazu.

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Dabei gibt es seit den Sechzigern die "Vereinigung Interhotel", die in jeder großen Stadt der DDR sogenannte "bessere" Hotels baut und verwaltet. Sieben dieser Hotels stehen in Ost-Berlin, unter anderem das Grand Hotel nahe dem Brandenburger Tor (heute das Westin Grand), das Hotel Stadt Berlin direkt am Alexanderplatz (heute das Park Inn) und das Palasthotel im Domkarree (abgerissen).

Einige, wie das Palasthotel, sind ausschließlich für Devisen zahlende Menschen gedacht - Diplomaten, Geschäftsleute, Touristen. "Und die wurden richtig zur Kasse gebeten. Es war teuer, im Osten zu nächtigen", erzählt Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. "Und man musste sich auch mehrere Monate vorher anmelden, kurzfristig ging gar nichts."

Besucher aus dem Ostblock - der Tschechoslowakei, Polen, der Sowjetunion - versuchen eher, bei Bekannten unterzukommen; genauso wie die meisten Besucher aus West-Berlin und dem Rest der Bundesrepublik.

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Doch auch Ost-Berlin wird 1987 als Reiseziel für West-Berliner und Westdeutsche gewürdigt: mit dem Reiseführer "Die halbe Hauptstadt", den Christa Mörstedt-Jauer herausgibt, Frau eines ZDF-Korrespondenten. Auf immerhin 324 Seiten bringt sie den Wessis den anderen Teil der Stadt näher, den sie Anfang der Achtziger kennengelernt hat.

Das Buch ist, wie die Stadt, zweigeteilt - den einen Teil, inklusive Kritik an DDR-Führung, nimmt man zur Vorbereitung, den anderen Teil kann man im Osten unbesorgt mich sich herumtragen. Und darin lesen, dass die schönsten Tanzpartys in "Clärchens Ballhaus" in Mitte gefeiert werden. (Die Tanzpartys gibt es übrigens immer noch. Mit Damenwahl.)

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"Berlin im Ohr" heißt die innovative Geschäftsidee, die sich 1988 ein kleiner Berliner Verlag ausdenkt: Von Tonbandkassetten werden Informationen abgespielt, damit die Touristen nicht mehr in Broschüren herumblättern und Stadtführer vor der Nase haben, wenn sie eigentlich mit wachem Blick durch West-Berlin laufen wollen. Oder wie im Bild von einem der Aussichtstürme an der Bernauer Straße über die Mauer schauen.

Gitarrenklänge untermalen die Anekdoten, die der Stadtführer erzählt: über historische Stätten, aber auch Hinterhöfe und Gartenhäuser. Beim Gang an der Westseite der Mauer entlang ertönt die Beschwichtigung von Walter Ulbricht "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten".

"Berlin im Ohr" wollte sich aber nicht auf den Westen beschränken: Vorbereitungen, auch Ost-Berlin miteinzubeziehen, hieß es damals vom Verlag, seien "bereits im Gange."

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Viele historische Attraktionen der Stadt stehen im Ostsektor: der Gendarmenmarkt, das Pergamonmuseum. "Sehr viele Reisende aus aller Welt kamen nach Westberlin und haben sozusagen Ostberlin gleich mit eingekauft", sagt Stefan Wolle vom DDR-Museum. "Da fuhren ständig Reisebusse im Schritttempo durch Ostberlin, man konnte durch leicht getönte Scheiben rausgucken, wie im Serengeti-Park war das."

Der Checkpoint Charlie mit der offenen Mauer im Mai 1990

Alexanderplatz Alex mit Brunnen der Voelkerfreundschaft von Walter Womacka und Hans Joachim Kunsch i

Quelle: imago/Werner Otto

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1988 wird West-Berlin die "Kulturstadt Europas" (heute: Kulturhauptstadt Europas). Die New York Times versichert ihren Lesern, die Auszeichnung sei ein weiterer Grund, "den Umweg von 100 Meilen durch Ostdeutschland zu machen, um die dynamischste Stadt von Westdeutschland zu besuchen".

An Ostern 1988 machen zum ersten Mal etwa 3600 West-Berliner von der Möglichkeit Gebrauch, sich nicht auf einen Kurzbesuch im Ostteil der Stadt bei Freunden oder Familie zu beschränken, sondern sogar dort zu übernachten. Insgesamt fahren 55 000 Westler in den Osten - ein leichter Rückgang im Vergleich zu 1987.

DDR Berlin Prenzlauer Berg Schönhauser Allee Ecke Wichertstraße Menschenschlange vorm Cafe Nord

Quelle: imago/Christian Thiel

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Die Frauenzeitschrift Brigitte erklärt die DDR zu einem "Reiseland im Kommen". Vor allem der Ost-Teil Berlins habe sich aufgehübscht: "Auch heute ist der 'Alex' noch Schaubühne und Treffpunkt", preist das Frauenmagazin, "die größte Attraktion liegt mittlerweile jedoch zehn Gehminuten weiter. Im ältesten Teil Berlins puzzelten sie das Nikolai-Viertel zusammen, das es so vorher nie gegeben hatte." Schicke Cafés und Geschäfte hätten dort geöffnet, staunt die Autorin, und "überhaupt, dieses Grün. So dicht die Häuser manchmal auch stehen - irgendwo atmet man immer wieder auf." Und im Bürgerpark in Pankow kann man sich ein Buch für die Liegewiese ausleihen.

Eine Partyszene gebe es auch in Ost-Berlin: "Flippig sind weniger die Discos als die Leute", erklärt Brigitte, "auch wenn man viele ordentliche Jeans und Rüschenröcke in der Schlange vorm Eingang sieht." Und: Wer vor der Tür nicht warten will, könne beim Gaststätten-Service reservieren.

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Der Stadttourismus im Frühsommer 1989 steht unter dem Motto "Zu Fuß sieht man mehr", zumindest wenn man dem Verein "Stattreisen" glaubt. In zweieinhalb Stunden führt er Besucher für zehn D-Mark pro Spaziergang durch das historische Zentrum West-Berlins, durch Kreuzberg und Wedding. Eine Exkursion nach Ost-Berlin sieht der Verein immer für den Freitag vor. Die Termine sind bis 1. November ausgeschrieben - wohl wegen des Wetters. Einen anderen Umschwung ahnt "Stattreisen" wohl nicht.

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Im Sommer des Mauerfall-Jahres macht sich ein taz-Autor auf, um vom Potsdamer Platz aus ein ganz besonderes Touristenevent zu testen: "Auf dem Fahrrad werden wir in einer Drei-Etappen-Fahrt West-Berlin umrunden. Immer an der Wand lang, gegen den Uhrzeigersinn, die Mauer rechts im Visier. Keine Ecke und Kante, keine Nische und Exklave werden wir auslassen. Wir werden das DDR-Grenzsicherungssystem 'Ring um Berlin (West)' von innen erfahren."

Zu finden ist diese Strecke im "Kompass Radwanderführer Berlin (West)", und die taz schreibt, dass sich am ehemaligen Kontrollpunkt Dreilinden 56 Dauercamper niedergelassen haben, die dort Stoffwindeln auf einer Wäscheleine über der ehemaligen Autobahntraße trocknen.

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September 1989: Das Verkehrsamt beschließt, Broschüren für West-Berlin bald für Gäste aus der Sowjetunion in russischer Sprache anzubieten. Arabisch, Koreanisch, Chinesisch - daran wurde bisher gedacht, die osteuropäischen Länder blieben dahin komplett außen vor. Der Leiter des Verkehrsamtes erklärt dem Tagesspiegel dazu freimütig, er halte diesen Teil des touristischen Marktes eigentlich auch für unbedeutend - man wolle mit dem Angebot aber ein politisches Zeichen setzen.

Im Bild: DDR-Bürger bilden sich am 10. November 1989 in einem Beate-Uhse-Shop weiter

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Quelle: SZ

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Am 1. August 1989 tritt eine Neuregelung des "Reise- und Besucherverkehrs" zwischen Berlin West und Ost-Berlin sowie der DDR in Kraft. Wer einen "Mehrfahrberechtigungsschein für Tagesbesuche und erweiterte Tagesbesuche" hat, kann sich jetzt den Umweg über ein Bürgerbüro sparen und bekommt seine Einreiseerlaubnis direkt am DDR-Kontrollpunkt.

Der Regierende West-Bürgermeister Walter Momper rät allen West-Berlinern, "Freunde, Bekannte und Verwandte noch häufiger zu besuchen und die schönen Ausflugsziele in der Umgebung unserer Stadt kennenzulernen".

"Die ihrerseits eingesperrten und abgeschnittenen West-Berliner werden, das darf man erwarten", schreibt die Süddeutsche Zeitung über diese Neuregelung, "in Zukunft den überfüllten Wannsee oder den überlaufenen Grunewald zunehmend vermeiden und nach Rheinsberg ins Schloss, ins Havelland oder in das Oderbruch fahren."

Touristin an der Berliner Mauer (Niederkirchner Straße) mit DDR - Flagge 1990

Quelle: imago/Rüttimann

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Die Mauer fällt am 9. November 1989. Im Jahr 1990, noch vor der offiziellen Wiedervereinigung, wird "Reisefreiheit" in Deutschland zum Wort des Jahres 1989 gekürt.

© SZ.de/sks/rus
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