bedeckt München 22°
vgwortpixel

Dinosaurier-Suche in Kanada:Knochenjob

Kanada Alberta Dinosaur Provincial Park Dinosaurier

Vor 74 Millionen Jahren streiften in der Gegend, die heute die kanadische Provinz Alberta ist, auch große fleischfressende Dinosaurier durch die Sümpfe.

(Foto: Monika Maier-Albang)

In der kanadischen Provinz Alberta liegen einige der besten Fundstellen für Dinosaurier weltweit. Touristen dürfen bei den Ausgrabungen helfen, brauchen allerdings Geduld. Und eine ruhige Hand.

Erst mal anhalten. Motor abstellen. Fenster runterlassen und rausschauen. Ist das echt? So viel Land, so eine Weite. Die kleinen Knubbel am Horizont sind Rinder, überall hier sind Rinder. Sie stehen nur da nicht, wo Getreide an- oder Öl abgebaut wird. Schwarze Angus, rote Shorthorns, die über die Weiden ziehen, wie es früher die Bisons taten. Willkommen im "Beef & Corn"-Land, Kanadas Provinz Alberta.

Und dann ist die endlose Weite auf einmal zu Ende, und es geht steil bergab. Die Prärie endet, die Badlands tun sich vor einem auf - graugrüne Canyons, in die Landschaft gefräst vom Red Deer River und der Erosion. Ihren Namen verdanken sie den Siedlern, die mit ihnen wenig anzufangen wussten: nur unwegsames Gelände, mit zotteligen Büschen und Kakteen bewachsen, wüstenheiß im Sommer, eiskalt im Winter, sofern nicht der Chinook von den Rocky Mountains her über den Sandstein fegt, der "Schnee-Esser"-Wind, wie sie ihn hier nennen, der die Menschen dazu bringt, sich schnell dreier Lagen ihrer Kleidung zu entledigen. Für Forscher allerdings sind die Badlands heute ein Glücksfall: Millionen Jahre Erdgeschichte liegen hier übereinander, gut sichtbar wie in einem Bohrkern. Und mittendrin: glitzernde Muschelschalen und Zigtausende Dinosaurierknochen. Eine Fundstelle, wie es sie weltweit nur an wenigen Orten gibt.

Im Tal liegt der Campingplatz des Dinosaur Provincial Parks. Von dort aus geht es los am nächsten Morgen, hinein in die Badlands, Saurierknochen suchen. Ach, was heißt suchen? Ein Kleinbus bringt einen hinein in das labyrinthartige Felsgewirr, David Lloyd, für heute unser Guide, führt die Gruppe einen Abhang hinab, ein paar Meter nur, da stolpert man fast schon über den ersten Knochen. Ausgebleicht und riesig liegt er mitten im Weg.

David wüsste natürlich auf Anhieb, ob das hier mal Bestandteil eines Lambeosaurus war oder irgendwelche Ankylosauridae zum Laufen befähigte. Nach Oberschenkel sieht es jedenfalls aus, laienhaft beurteilt. Aber noch fremdeln wir, also fragt man lieber nicht. David Lloyd, studierter Paläontologe, hat ja jeden Tag Leute mit Einviertelwissen im Schlepptau.

Man kann hier nämlich, unter Anleitung eines Wissenschaftlers, tatsächlich echte Dinosaurierknochen ausgraben. Kein Kindergeburtstags-Dino-Ei-Ausbuddeln. Erwachsenenspaß! Wir sind zu sechst, zwei Frauen, vier Männer. Es sind stets mehr Männer in der Gruppe, die David Lloyd zu "Bonebed 30" begleitet. Vermutlich also eher ein Männerspaß. Oder die Frauen lassen sich abschrecken von dem Blatt mit "important information": mindestens zwei Liter Wasser mitbringen, ebenso Insektenschutzmittel, keine offenen Schuhe - der Schlangen wegen, Kopfbedeckung, weil man den ganzen Tag über am Boden kniend ohne Schatten arbeitet.

Nach der ersten halben Stunde ist klar: Den Fingernägeln bekommt diese Tätigkeit nicht gut. "Wenn mir das wichtig wäre, wäre ich nicht hier", sagt Trudy Seeley, die andere Frau in der Gruppe, lachend.

Wobei wir den leichteren Part gewählt haben: mit einem kleinen Meißel zunächst, später mit einem Pinsel legen wir Rippenknochen frei. Die beiden Männer neben uns, Simon Amos und Stuart Cruick, haben sich für den großen Knochenberg entschieden, den tags zuvor schon eine Gruppe eingegipst hat. Die Knochen werden, einmal gesichtet und registriert, mit frischen Gipsbandagen überzogen, damit man sie dann, sobald der Gips getrocknet ist, sicher bergen kann. Dazu müssen die Männer das Erdreich unter dem Gipsblock abtragen.

Simon Amos und Stuart Cruick erledigen ihren Part auf dem Bauch liegend mit solcher Hingabe, dass ihre Hände nach einer halben Stunde aufgeschrammt sind. Den Rest des Tages arbeiten sie mit Handschuhen. Kann eigentlich nichts passieren, wenn man den Meißel seitlich ansetzt und auf seine Hände achtgibt, hatte David Lloyd zur Einführung erklärt. Einmal hat sich trotzdem jemand das Werkzeug in den Unterarm gerammt. Ging gut aus, war aber wohl eine recht blutige Angelegenheit.

Das Graben selbst ist keine anstrengende Sache. Zumindest nicht, wenn man wolkenverhangenen Himmel hat und 20 Grad, optimales Paläontologen-Wetter also. Bei 40 Grad im Sommer, sagt Lloyd, breche er die Tour schon mal am frühen Nachmittag ab. Nur das Knien ist mühsam. Und alles geht sehr langsam voran. In den nächsten Stunden lernen wir, wie man die versteinerten Überreste eines Wesens ausgräbt, das vor 74 Millionen Jahren durch die Gegend streifte, als die noch ganz anders aussah: farnbewachsen und regenwaldfeucht. Und das zum selben Zeitpunkt wie Hunderte Artgenossen starb. Ein Bonebed ist ein Massengrab, bestückt mit Tausenden Knochen, die über- und durcheinander liegen wie bei einem Mikado-Spiel.

Eine frühe Theorie erklärt die Entstehung solcher Bonebeds so: Eine Herde Dinosaurier überquerte einen Fluss - ähnlich den Gnus im heutigen Afrika; dabei ertranken viele Tiere. Tragfähiger aber sei eine andere Hypothese, sagt Caleb Brown, Paläontologe am Royal Tyrrell Museum in Drumheller, das die Ausgrabungen im Dinosaur Provincial Park verantwortet: wochenlanger Regen, dann eine Flutwelle, die sich ins flache Land ergoss, ein Massensterben. Als das Wasser sich dann zurückzog, spülte es die leblosen Körper an bestimmten Stellen zusammen.

"Sind wir eigentlich versichert?"

300 solcher Bonebeds wurden im Dinosaur Provincial Park bislang gefunden. Oft sind solche Knochenlager monospezifisch, die Tiere gehörten also einer einzigen Spezies an. Im Falle von "Bonebed 30" ist es Centrosaurus apertus, ein Pflanzenfresser, "sehr verbreitet", wie Lloyd erklärt. Nun ja, sie können uns Hobby-Paläontologen ja nicht gleich an einen T. rex ranlassen.

Was allerdings die Arbeit auch entspannter macht. Centrosaurus' Rippenknochen liegen hier zu Hunderten herum. Hat man seinen endlich von der umgebenden Erdschicht befreit, zerbröselt er augenblicklich. Stuart blickt mitleidvoll herüber, dann mit etwas sorgenvollem Blick auf seinen stattlichen Knochen. "Sind wir eigentlich versichert?" Kein Problem, sagt David. Und eilt herbei, Klebstoff-Eimer und Pipette in der Hand.

Die Rippe wird beträufelt, der dünnflüssige Kleber rinnt in jeden Riss und verhindert, dass zu Staub zerfällt, was doch jetzt kartografiert werden soll. Das ist dann auch der Teil der Arbeit, der in keinen Indiana-Jones-Film Eingang fände. Man braucht eine ruhige Hand. Und noch mal: viel Geduld. Mit Hilfe von Kompass, Schnur, Stift, Papier und Pendel lässt sich die exakte Lage jedes Fundstücks ermitteln und festhalten, damit die Forscher später die Knochen leichter zusammensetzen können. Ginge sicher auch mit GPS-Tracking, "ist aber teuer", sagt Lloyd. Und irgendwie scheinen sie an der hergebrachten Art und Weise zu hängen.

Der Vorteil solcher Bonebeds ist, dass man viele Vergleichstiere hat, was Rückschlüsse auf deren Lebensgewohnheiten zulässt. Ob die Jungtiere mit in der Herde lebten oder die Mütter sich mit ihnen zurückzogen, zum Beispiel. Oder: Wie ausgeprägt der Kopfschmuck eines jugendlichen Centrosauriers war. Die großen Knochenplatten waren mit Hörnern in allen möglichen Formen geschmückt, auch mal nach innen gebogene, was Fressfeinde sicher nicht beeindruckte, wie Caleb Braun anmerkt. Weibchen oder männliche Konkurrenz womöglich schon.

In Kanada haben sie spät den Wert ihrer Frühgeschichte erkannt. Mit Ausgang des 19. Jahrhunderts, als in den Badlands noch Kohle gefördert wurde, gruben amerikanische Wissenschaftler Fossilien aus, die heute in Naturkundemuseen weltweit zu sehen sind. Erst in den 1980er-Jahren schützte die Provinz Alberta mit dem "Historical Resources Act" ihre Fossilien; sie sind Staatsbesitz und dürfen die Provinz nicht dauerhaft verlassen. Was zum einen zu der skurrilen Situation führt, dass in den Souvenir-Shops in und um Drumheller, der Hauptstadt der Dino-Provinz, die sich des größten Plastik-Dinosauriers der Welt rühmt, neben Geoden und Haifischzähnen auch beispielsweise das Horn eines Triceratops für 7500 kanadische Dollar zu erwerben ist. Es stammt nur eben nicht aus Kanada, sondern aus Montana.

Denn in den USA darf verkauft werden, was auf Privatgrund gefunden wird. Zum anderen hat die Regelung dem Royal Tyrrell Museum außergewöhnliche Ausstellungsstücke beschert. Eines davon ist "Black Beauty", das Skelett eines riesigen Tyrannosaurus rex, dessen von Mineralien schwarz gefärbte Knochen in grauen Sandstein gebettet sind.

Auch pädagogisch ist dem Museum seine Provinzlage nicht anzumerken. Der Ausstellungsraum ist nur durch eine Scheibe vom Labor getrennt; man sieht als Museumsbesucher, wie die Paläontologen arbeiten, wie sie - bewehrt mit Mundschutz und Kopfhörern gegen den Lärm - die Knochen aus ihrer Gipshülle holen. Schöne Vorstellung, dass der Rippenknochen, den man selbst eingegipst hat, jetzt, während des Winters, dort freigelegt wird. Vielleicht sieht man ihn irgendwann im Museum.

Wobei, wie hatte Caleb Brown noch gesagt: Die Wissenschaftler hier könnten es sich erlauben, "picky" zu sein, wählerisch. Die Lagerhallen sind voll, die Touristen füllen sie weiter. Man habe, sagt Brown, was das betrifft, "ein angenehmes Problem".

Reiseinformationen

Anreise: Flug von Frankfurt nach Calgary und zurück ab 649 Euro, www.aircanada.com

Unterkunft: Wer an Touren im Dinosaur Provincial Park teilnehmen möchte, übernachtet am besten auf dem Zeltplatz im Tal (dinosaurpark.ca). Ein Zelt kann gestellt werden. Hotels gibt es im (Rodeo-)Ort Patricia oder, etwas weiter entfernt, in Brooks.

Dinosaurier-Touren: Die Guided Excavations, also die ein- oder mehrtägigen Ausgrabungs-Touren für Touristen, finden erst wieder 2021 statt. Angeboten werden in dieser Saison (zwischen Mai und Juli / August) "Fossil Safaris", also geführte Touren zu den Ausgrabungsorten, sowie ein "Centrosaurus Hike" oder die Tour "Cast from the Past", https://www.albertaparks.ca/parks/south/dinosaur-pp/activities-events/interpretive-tour-programs. Lohnend ist auch der Besuch des Royal Tyrrell Museums in Drumheller, tyrrellmuseum.com

Weitere Auskünfte: travelalberta.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 13.02.2020/kaeb
Kanada Rückkehr der Zotteltiere

Elk-Island-Nationalpark in Kanada

Rückkehr der Zotteltiere

Einst gab es gut 30 Millionen Bisons in Nordamerika - dann kamen die Siedler. Heute zählt man wieder gut 30 000 der friedlichen Pflanzenfresser, rund tausend von ihnen grasen im Elk-Island-Nationalpark in der kanadischen Prärie.   Von Ingrid Brunner

Zur SZ-Startseite