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Dinosaurier:Der bayerische Jurassic-Park im Altmühltal

Ein Eierdieb in der Urzeit: Im Dinopark Denkendorf sind mehr als 70 lebensgroße Nachbildungen von Sauriern zu sehen.

(Foto: Theresa Parstorfer)

Das Dinosaurier-Museum ist mit Exponaten wie dem T. Rex und dem Urvogel Archeopteryx zum großen Touristenziel aufgestiegen.

Michael Völker ist ein Mann, der sich für alte Zähne wie diesen begeistern kann. Was für ein Prachtstück: gewunden wie eine Schraube, schwarz-braun gefleckt und so groß wie die Hand eines Menschen. Hauchzarte Zacken bedecken die Oberfläche - perfekt, um die Beute zu packen, zu halten, zu zerstückeln. Vor 66 Millionen Jahren steckte dieser Zahn im Kiefer eines Dinosauriers. "Ist das nicht unglaublich?", sagt Michael Völker und wickelt den Schatz wieder in ein weißes Stück Stoff.

Völker steht in seinem Büro im Altmühltal und schaut auf sein Reich, das er sich mit viel Geld und noch mehr Wagemut aufgebaut hat. Lange Zeit arbeite er als Manager für den Unilever-Konzern und kümmerte sich beispielsweise um die Gestaltung der Kioske in Freizeitparks. 2011 kündigte er seinen Job und kam mit "einem Koffer und einer Idee" nach Bayern, um sich einen Traum zu erfüllen: ein eigenes Dinosaurier-Museum. Durch die Glasfront des Büros eröffnet sich ein Panoramablick auf die Halle, hinter deren Mauern sich das restliche Skelett des Tyrannosaurus Rex befindet, aus dessen Maul der Zahn stammt. Der T.Rex hört auf den Namen "Rocky" und ist nicht die einzige Sensation, die Völker nach Denkendorf geholt hat.

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Besucher bekommen in dem Park einen Eindruck davon, wie es gewesen sein könnte, als Rocky und seine versteinerten Artgenossen die Erde bevölkerten. Eine zehn Meter hohe Dino-Figur an der Einfahrt gibt einen Vorgeschmack auf das, was auf zwölf Hektar Wiese und Wald wartet - ein bayerischer Jurassic-Park. Allerdings mit einem Unterschied zum Hollywood-Vorbild: Hier wird niemand gefressen. 70 lebensgetreue Dinosauriermodelle kauern und thronen am Rande eines Pfades, der sich durch den Mischwald schlängelt. Sie lauern zwischen den Bäumen oder tauchen aus Teichen am Wegrand auf. Manche von ihnen, wie der Geosternbergia sternbergi mit einer Flügelspannweite von sechs Metern, hängen zwischen den Baumwipfeln. Weit geöffnet ist dessen bunt gemustertes Maul. So muss es ausgesehen haben, als der Geosternbergia vor 80 Millionen Jahren den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, über dem Meer zu kreisen und Fische in seinem Kehlsack zu sammeln, wie das ein Albatros tut.

Hier im Altmühltal mischen sich Freizeitpark und Museum - ein neues Konzept, das die vorhandenen Museen ergänzt: In Eichstätt und in Solnhofen gibt es bereits Fossiliensammlungen, in mehreren Steinbrüchen dürfen außerdem Hobby-Paläontologen selbst hämmern. Doch lebensgroße Dinos, wie die von Völker, sind neu. Vor zwei Jahren hat er den Park eröffnet, fast 400 000 Eintrittskarten hat er seither nach eigenen Angaben verkauft. 2018 gewann das Museum den Tourismuspreis des ADAC in Bayern. Damit zählt der Park bereits zu den großen Attraktionen Bayerns. Das reicht Völker aber nicht: Er arbeitet auf eine der besten und umfangreichsten Fossiliensammlungen der Welt hin.

Auf dem Weg durch den Wald ist in hölzerne Torbögen eingeritzt, in welchem Zeitalter sich der Besucher gerade befindet. Trias, Jura, Kreide und schließlich Erdneuzeit. 250 Millionen Jahre entsprechen in Denkendorf einer Strecke von 1,5 Kilometern. Bevor man die Dinos aber in der freien Wildbahn besucht, können Besucher in der Museumshalle wechselnde Ausstellungen mit echten Fossilien sehen. Am dritten Adventswochenende öffnet die neue Schau. Eine weitere Sensation sei das, schwärmt Völker: eine Riesenschildkröte, für die es noch nicht einmal einen offiziellen Namen gibt, weshalb sie die PR-Abteilung des Museums werbewirksam als "Killerschildkröte" betitelt.

"Bitte anfassen"

75 Zentimeter ist sie lang, was unter Sauriern als Zwergwuchs gelten mag. Gefährlich war sie dennoch mit einem Unterkiefer, der aussieht wie ein Fleischerhaken. Wer diesem Werkzeug vor 150 Millionen Jahren zum Opfer fiel, müssen Forscher nun herausfinden. "Wir wollen den Leuten Verantwortung zurückgeben und Dimensionen tatsächlich begreifbar machen", sagt Völker. Deshalb reicht er den wertvollen Zahn des T. Rex schon mal Besuchern, damit sie die feinen Zacken ertasten können.

Und deshalb wurden in der Museumshalle vor dem Skelett von "Rocky" ein Teil seines Schambeins und ein Oberschenkelknochen gesondert auf Podesten drapiert, versehen mit einem Schild, das auffordert: "Bitte anfassen." "Oft können Besucher nicht glauben, dass wir das erlauben und sogar wollen", sagt Völker. Er ist ein groß gewachsener, schlanker Mann mit weißem Haar. Mit energischen Schritten ist er auf dem Pfad durch den Winterwald unterwegs, versprudelt sein Wissen über Dinos und erzählt, wie dieser Ort mitten in Bayern zu einem ganz besonderen für ihn geworden ist.

Kaum eine Region weltweit ist so bekannt für Fossilien, vor allem aus der späten Jurazeit, wie das Altmühltal. Fische, Schildkröten, Meereskrokodile, Echsen, Flugsaurier und vier Dinosaurier haben Forscher seit dem 19. Jahrhundert aus dem Stein rund um Denkendorf und Eichstätt gehauen. Ein Paradies für Paläontologen. Alle zwölf bisher gefundenen Archaeopteryx-Exemplare stammen aus dem Altmühltal. Der britische Naturforscher Charles Darwin führte diesen Flugsaurier als Beweis der Evolutionstheorie an, denn er verkörpert den Übergang zwischen Sauriern und Vögeln.

Es gab auch nette Schluffis unter den Dinos

Völker ist also besonders stolz darauf, dass sowohl der erdgeschichtlich jüngste Archaeopteryx, der 1990 gefunden wurde, als auch die zuletzt entdeckte Nummer zwölf aus dem Jahr 2010 gemeinsam in seinem Museum zu sehen sind. Bei letzterem handelt es sich noch dazu um den erdgeschichtlich ältesten Archaeopteryx. "Bei uns schließt sich also der Kreis", sagt Museumschef Völker.

Menschen begeistern sich nicht erst seit dem Blockbuster "Jurassic Park" für Saurier. Im Film verlaufen Begegnungen mit dem T. Rex meist gruselig, gefährlich, sogar tödlich. Kein Wesen vor ihm war gleichermaßen schlau, schnell und konnte so fest zubeißen, erläutert Völker. Dass die Natur grausam war, es für Dinosaurier oft um fressen oder gefressen werden ging, erklären in Denkendorf Schilder in kindgerechter Sprache am Wegrand.

Sie zeigen allerdings auch, dass es im Dinosaurier-Zeitalter erfindungsreich und manchmal einfach nur friedlich zuging. Der 20 Meter lange und 50 Tonnen schwere Brachiosaurus beispielsweise hatte den "Kopf in den Wolken", um auch Blätter in zwölf Metern Höhe fressen zu können. Oder der Therizinosaurus: groß wie ein Raubdinosaurier, die langen, sichelförmigen Krallen sehen durchaus gefährlich aus, in seinem Maul jedoch steckten Zähne, die lediglich der Laubzerkleinerung dienen. Vermutlich war er ein langsam watschelnder Pflanzenfresser. Ein netter Schluffi halt. Lange Zeit sei der blau-rot-gelb gefiederte Vegetarier eines der größten Rätsel für Saurierforscher gewesen, sagt Völker. Über den Therizinosaurus könnte er einiges erzählen, denn er ist sein Lieblingsdino. Seit 2016 steht er still im Wald, ohne auch nur einmal geblinzelt zu haben.

Das Museum im Altmühltal ist im Winter bis auf Heiligabend und Silvester täglich von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Kinder 9,50 Euro, für Schüler und Studenten 14,50 Euro, für Erwachsene 19,50 Euro. Internet: dinopark-bayern.de

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