Kolumne "Ende der Reise":Stempeln gehen im Harz

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Kolumne "Ende der Reise": Hexenstempel in ein persönliches Heft: So kann man Kinder zum Wandern motivieren. Aber mit einer App?

Hexenstempel in ein persönliches Heft: So kann man Kinder zum Wandern motivieren. Aber mit einer App?

(Foto: imago stock&people/Hanke)

Wie motiviert man Kinder zum Wandern? Zum Beispiel mit dem Sammeln von Stempeln in einem Heftchen. Das hat immer gut funktioniert. Im Harz soll das jetzt eine App machen. Bloß nicht!

Glosse von Hans Gasser

"Ich kann nicht mehr!" Ach, das ist vertraute Musik in den Ohren von Eltern. Gerne ertönt dieser liebliche Fanfarenklang auch schon 50 Meter nach Beginn der Wanderung, begleitet von einem zusammenbruchartigen Hängenlassen des Kopfs und der Schultern. Warum eigentlich sind es immer die eigenen Kinder, während jene der Freunde klaglos, ja sogar frohgemut bergauf marschieren?

Ignorieren und einfach weitergehen hilft manchmal, führt aber öfter zu derartigem Geschrei, dass auch noch der letzte Auerhahn Reißaus nimmt oder gleich tot umfällt. Geschichten erzählen würde helfen, nur hat man sein Repertoire vom Riesen Rotbart und Zwerg Nase schon mehrmals durcherzählt und zudem auch genug mit dem Atmen zu tun. Vorauszulaufen und Gummibärchen am Wegesrand zu verstecken, wie dies manch eilfertige Eltern tun, kann auch keine dauerhafte Lösung sein.

Deshalb wurde, mit Sicherheit von verzweifelten Eltern, der Wanderstempel erfunden. Besonders hervor tut sich hier der schöne Harz. Die Harzer Wandernadel in Gold, Silber und Bronze kann man sich an 222 Stempelstellen erarbeiten. Die Stempel sind an Aussichtspunkten, Hütten oder historisch bedeutsamen Plätzen in kleinen grünen Kästchen zu finden. Der Sammelpass ist namentlich beschriftet und natürlich nicht übertragbar! Es gibt ihn auch in Unterkategorien wie Harzer Hexenstieg oder Goethe im Harz. Schon für elf Stempel mit dem Symbol der fliegenden Hexe erhalten Kinder die Auszeichnung Wanderprinzessin oder Wanderprinz. Alles schön, alles haptisch, alles analog. Alles gut?

Nein. Denn was macht der Harzer Tourismusverband? Er verkündet, dass man sich die Wanderstempel künftig mit der Harz-App in digitaler Form abholen kann. Wie bitte? Nichts gegen die Digitalisierung, aber hier lautet die Empfehlung: Never change a running system! Wo zu entdeckende Holzkästchen und Heftchen mit verschmierten blauen Stempeln als Trophäe waren, sollen Kinder jetzt mit dem Handy durch die Gegend wandern und GPS-Position steril digital abhaken? Zum einen möchte man die Kinder wenigstens in der Natur handyfrei halten, zum anderen besteht die Gefahr, dass die älteren von ihnen die App hacken und sich schön vom Sofa aus die 24 Stempel für die Wandernadel in Gold holen. Bitte liebe Harzer, überlegt euch das noch mal! Wir Eltern werden es euch danken.

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