Mietraum:"Die Wohnungsnot kommt in der Mittelschicht an"

Lesezeit: 3 min

Mietraum: Drei Zimmer mit Südbalkon, und zwar bezahlbar - davon kann das Gros der Wohnungssuchenden nur noch träumen.

Drei Zimmer mit Südbalkon, und zwar bezahlbar - davon kann das Gros der Wohnungssuchenden nur noch träumen.

(Foto: Petra Schneider-Schmelzer /Imago)

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum betrifft nicht mehr nur arme Bürger. Caritas-Berater registrieren eine "fatale Schieflage". An diesem Mittwoch will die Bundesregierung Gegenmaßnahmen vorstellen.

Von Roland Preuß, Berlin

Nein, er habe keine Angst vorm Sterben in der Kälte, obwohl der Winter naht, sagt Sascha K. "Ich würde es ja nicht mitbekommen." Seit vier Jahren lebt der Berliner auf der Straße, vor einem der zahlreichen Aldi-Märkte der Hauptstadt. Wenn der Laden schließt, belegt er seinen Schlafplatz, bevor morgens die ersten Mitarbeiter kommen, zieht er wieder ab. An diesem Oktobermorgen sitzt er in der Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot der Berliner Caritas, der 46-Jährige will wieder ein normales Leben führen. Und dazu muss er weg von der Straße. "Ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung", sagt Sascha K.

Der Mann, dessen voller Name hier mit Rücksicht auf seine Zukunftschancen nicht genannt wird, hat einen tiefen Absturz hinter sich. Drogensucht, Spielsucht, Scheidung, Mietschulden, Zwangsräumung - diese toxische Kombination ließ ihn auf der Straße landen. "Es ist fast unmöglich für Sie, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden, so ehrlich muss man sein", sagt der Caritas-Berater Tobias Bellinghausen.

Sascha K. steht weit hinten in der Schlange der Wohnungssuchenden, das wäre in Köln oder München nicht anders als in seiner Heimat Berlin. Diese Schlange aber wird seit Jahren immer länger. "Es gibt Hunderte Menschen, die sich auf eine Wohnung bewerben. Und dann nehmen die Vermieter natürlich diejenigen mit einem soliden Einkommen", sagt Bellinghausen. Das betreffe aber nicht nur Menschen mit einer derart belastenden Vorgeschichte wie Sascha K. "Die Wohnungsnot kommt in der Mittelschicht an."

Das "Bündnis bezahlbarer Wohnraum" hat Maßnahmen verabredet

Die Ampelkoalition hat den Wohnungsmangel als sozialpolitisches Großproblem identifiziert und will es mit mehr Sozialwohnungen, Sanierungen und Neubauten in den Griff bekommen. An diesem Mittwoch stellen Kanzler Olaf Scholz und Bauministerin Klara Geywitz (beide SPD) ein Maßnahmepaket des "Bündnisses bezahlbarer Wohnraum" vor. Bund, Länder, Gewerkschaften und zahlreiche Verbände der Branche hatten sich zusammengesetzt, um dafür gemeinsame Lösungen zu verabreden.

Der Entwurf der Abschlusserklärung, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, buchstabiert vieles aus, was sich SPD, Grüne und FDP bereits in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen haben: Für sozialen Wohnungsbau soll mehr Geld fließen, Dachausbauten und die Aufstockung von Häusern sollen gefördert, Genehmigungsverfahren digitalisiert und vereinfacht werden. Darüber hinaus sollen Städte, Gemeinden oder ganze Regionen Bodenfonds bilden, eine Art Pool verfügbarer Grundstücke, die bei Bedarf zügig zum Beispiel für Mietshäuser genutzt werden können, ohne erst langfristige Verhandlungen mit betroffenen Grundstückseigentümern führen zu müssen.

Grundstücke sind vor allem in Großstädten und deren Umgebung Mangelware, vermehrt aber auch in beliebten kleineren Städten, insbesondere, wenn diese eine Universität oder eine gute Anbindung an Metropolen haben. Und ohne neue Grundstücke lassen sich keine neuen Wohnungen errichten.

In Berlin, sagt Caritas-Berater Bellinghausen, sei es nahezu unmöglich geworden, mit einer schlechten Schufa-Auskunft eine Wohnung zu finden. Normalerweise müsse man auch drei Monatsgehälter nachweisen und die Freiheit von Schulden beim letzten Vermieter. Doch selbst wenn man allen diesen Maßstäben gerecht wird, ist die Schlange, in die man sich einreiht, weiterhin lang - und die Mieten hoch.

Steiler Anstieg von Familien mit Kindern in Wohnungsnot

Tobias Bellinghausen, 32, spürt das gerade selbst. Seine Frau und er wollen ein zweites Kind und suchen eine Wohnung, die größer ist als die eher knapp geschnittenen drei Zimmer, die sie jetzt zur Verfügung haben. Er hat sein mittleres Gehalt als Caritas-Berater, seine Frau arbeitet als selbständige Grafikdesignerin. "Es ist bisher extrem schwierig, eine Vier-Zimmer-Wohnung zu finden", sagt Bellinghausen. Die Vermieter akzeptierten nur Leute, die höchstens ein Drittel ihres Nettoeinkommens für die Miete ausgeben müssten.

Immerhin, Bellinghausen hat noch eine Wohnung, steuert aber auf beengte Verhältnisse zu. Viele Menschen aus der Mittelschicht, die nun vermehrt bei der Caritas-Beratung auftauchen, haben ihre Bleibe bereits verloren. Das geht oft recht schnell: Sie haben sich von Partnerin oder Partner getrennt oder sind vor häuslicher Gewalt geflohen. "Die ziehen dann zur Schwester oder zu Freunden, können dort aber nicht dauerhaft bleiben", sagt Bellinghausen. Und finden dann trotz Arbeitsstelle keine Wohnung mehr.

Hinzu kommen die Menschen, die in Berlin eine Arbeit angenommen haben und glauben, dass sich die passende Wohnung schon finden werde. "Aber viele andere handhaben das genauso. Und dadurch entsteht eine fatale Schieflage", sagt Bellinghausen. Eigentlich, sagt er, müsste man Zuzügler warnen vor dieser Situation in der Hauptstadt. Die Beratungsstelle registriert seit 2019 einen steilen Anstieg von Familien mit Kindern in Wohnungsnot. Auch die Menschen, die trotz Arbeitsstelle keine Wohnung finden, ist bis 2019 gestiegen und dann auf hohem Niveau etwas zurückgegangen.

Sascha K. muss sich nun erst mal einen neuen Personalausweis besorgen, sein alter ist längst abgelaufen. Dann kann er Grundsicherung beantragen und sich einreihen bei den Berliner Wohnungssuchenden. Bis 2018, erzählt er, hatte er eine eigene Wohnung zum grünen Innenhof mit Terrasse, zentral gelegen. So gut wird es wohl nicht mehr werden. "Ich habe mich dann nicht mehr um eine Wohnung bemüht, aber jetzt pack ich's an" sagt Sacha K. Das habe er seiner Mutter versprochen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungWohnungspolitik
:Ein Modell mit Zukunft gegen die Wohnungsnot

Die Bundesregierung will im Kampf gegen den Mangel an Wohnraum genossenschaftliches Bauen fördern. Das korrigiert vielleicht nicht alle Fehler der Vergangenheit und löst nicht alle Probleme der Zukunft, trotzdem: Bitte mehr davon!

Lesen Sie mehr zum Thema