Weltklimakonferenz:Die Emirate im Zangengriff der Interessen

Weltklimakonferenz: Hatte Zweifel an der Notwendigkeit des fossilen Ausstiegs geäußert - und versucht nun, die Wogen zu glätten: Klimagipfel-Chef Ahmed al-Dschaber.

Hatte Zweifel an der Notwendigkeit des fossilen Ausstiegs geäußert - und versucht nun, die Wogen zu glätten: Klimagipfel-Chef Ahmed al-Dschaber.

(Foto: Kamran Jebreili/DPA)

Hat der Präsident der Weltklimakonferenz alte Phrasen der fossilen Industrie gedroschen? Sultan al-Dschaber fühlt sich nach heftiger Kritik zu Unrecht angegriffen und gibt den Kämpfer für die gute Klimasache. Doch er steht auch von anderer Seite unter Druck.

Von Thomas Hummel, Dubai

Majid al-Suwaidis Lippen zitterten, er ratterte in seinem perfekten Londoner Dialekt mehr als zwei Minuten lang englische Sätze herunter und vergaß dabei fast das Luftholen. Der Generaldirektor der Weltklimakonferenz in Dubai verteidigte seinen Chef, Sultan Ahmed al-Dschaber. Und wurde dabei emotional. "Er sagte mehrfach, dass ein Herunterfahren der fossilen Brennstoffe unausweichlich ist", erklärte al-Suwaidi, "er sagt ganz klar, dass er der Wissenschaft folgt."

Die Replik Al Suwaidis am Montagmorgen war nötig geworden, weil tags zuvor die britische Zeitung The Guardian einen Ausschnitt aus einer Videoschalte veröffentlicht hatte, in dem al-Dschaber offenbar Zweifel säte. Im Rahmen einer Veranstaltung zu Frauen im Klimaschutz hatte er gesagt: "Es gibt keine Wissenschaft, kein Szenario, das besagt, dass durch den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden könne." Zudem sagte er: "Bitte helfen Sie mir, zeigen Sie mir den Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, der eine nachhaltige sozioökonomische Entwicklung ermöglicht. Es sei denn, man will die Welt zurück in die Steinzeit werfen."

"Das grenzt an Klimaleugnung", sagt ein Kritiker

Es sind Sätze, die auf dem Messegelände Expo City Dubai einschlugen wie ein Steinschlag in den Bergen. Sultan al-Dschaber und die Gastgeber der Vereinigten Arabischen Emirate werden ohnehin seit Monaten misstrauisch beäugt. Der steigende Reichtum der Emirate gründet größtenteils auf riesige Öl- und Gasfelder unter dem Wüstenboden und dem Meeresgrund im Persischen Golf. Und der 50-jährige al-Dschaber ist nicht nur Präsident der Weltklimakonferenz, sondern auch Industrieminister der Emirate und Chef der staatlichen Öl- und Gasfirma Adnoc, Kritiker sehen einen unauflöslichen Interessenkonflikt. Sie fühlten sich nun bestätigt.

"Wenn Schlüsselpersonen den wissenschaftlichen Konsens anzweifeln, zieht das den ganzen Verhandlungsprozess ins Lächerliche", kommentierte Luisa Neubauer von "Fridays for Future", "wir sind hier, um die Würde und die Integrität dieser Konferenz zu schützen." Bill Hare, Geschäftsführer der Wissenschaftsplattform Climate Analytics, sprach von den alten Phrasen der fossilen Industrie, "das grenzt an Klimaleugnung".

Al-Dschaber und die Emirate indes fühlen sich völlig zu Unrecht angegriffen. Um 14 Uhr Ortszeit nutzte er einen Auftritt, um sich 45 Minuten lang zu verteidigen. Er habe sich immer klar zur Wissenschaft bekannt, alles Tun bei dieser Konferenz drehe sich darum. Dazu gehöre die Forderung, die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 43 Prozent zu senken, um das 1,5-Grad-Ziel in Reichweite zu halten. Neben ihm saß der Schotte James Skea, Vorsitzender des Weltklimarats, der al-Dschaber indirekt unterstützte und die Zahlen aus dem letzten Sachstandsbericht referierte. Um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können, müsse die Kohleverbrennung ohne CO₂-Abscheidung beendet sein, der Ölverbrauch um 60 Prozent sinken, der von Erdgas um 45 Prozent.

Für den fossilen Ausstieg "werde ich die Ärmel hochkrempeln", verspricht al-Dschaber

Die Emirate möchten unbedingt, dass ihre Konferenz international als Erfolg gelten wird. Der Anfang war gut, die 197 Mitgliedstaaten einigten sich sogleich auf einen Fonds für "Schäden und Verluste", dafür erhielten die Gastgeber viel Applaus. Anerkennung gibt es auch für Vereinbarungen zur Reduktion der Methan-Emissionen und für einige Finanzzusagen.

Umso mehr ärgert sie die anhaltende öffentliche Kritik. "Ich bin schon überrascht über die konstanten Versuche, unsere Arbeit schlechtzumachen", sagte al-Dschaber. Er glaube, es gebe da einige Missverständnisse. "Das Herunterfahren und der Ausstieg aus fossilen Energien sind unvermeidlich", wiederholte er. Aber das müsse geordnet, fair, gerecht und verantwortungsvoll umgesetzt werden. Dazu erwarte er Vorschläge von allen Ländern für die Verhandlungen, die am 12. Dezember abgeschlossen sein sollen. Er werde sich für eine möglichst weitgehende Formulierung einsetzen, "dafür werde ich die Ärmel hochkrempeln und den Schulterschluss mit anderen suchen".

Doch nicht nur Umweltorganisationen oder Medienberichte setzen den Gastgebern zu. Bei der Debatte um die fossilen Brennstoffe finden sie sich nun im Zangengriff der Interessen wieder. Denn auch von anderer Seite steigt der Druck. So soll sich der Nachbar Saudi-Arabien bereits beschwert haben, dass al-Dschaber vom "Phase down", also "Herunterfahren" der fossilen Brennstoffe redet. Die Saudis sowie Russland oder der Irak wollen solche Aussagen im Abschlussdokument verhindern. Auch al-Dschabers Konzern Adnoc hat Pläne, vor allem seine Erdgasproduktion auszuweiten, weshalb auch im eigenen Land nicht alle glücklich damit sein dürften.

Und so manövriert der 50-Jährige zwischen den Lagern hin und her. Öffentlich gibt er sich als ehrlicher Kämpfer für die gute Klimasache und schiebt nun die Verantwortung weiter an die Mitgliedsländer, Ergebnisse zu liefern. Sein Generaldirektor al-Suwaidi jedenfalls steht zu ihm: "Unser Präsident erledigt einen großartigen Job, und alle, die ihn kennen und mit ihm arbeiten, glauben an ihn."

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