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US-Wahl:Monströser, schärfer, unerbittlicher

A man walks past voting signs in Phoenix, Arizona

Wähl oder stirb: An den Werbetafeln in Arizona kann man ablesen, wie hart es in diesem Wahlkampf zugeht.

(Foto: Edgard Garrido/Reuters)

Die Präsidentschaftswahl in den USA dürfte in nur wenigen Bundesstaaten entschieden werden. Einer davon ist Arizona. Kaum irgendwo wird so hart gekämpft wie hier.

Von Jürgen Schmieder, Phoenix

MAGA. Sie sind nicht zu übersehen, die vier Buchstaben auf einem Berg neben der Interstate 10 von Los Angeles nach Phoenix; auch deshalb, weil Farbe und Schriftzug genauso aussehen wie das Hollywood-Zeichen über der Stadt der Engel. MAGA steht für "Make America Great Again", was ja erst einmal keine schlechte Sache wäre, doch ist es weniger Aufforderung zum Anpacken als vielmehr das Motto der Donald-Trump-Anhänger. Es ist ein Hinweis darauf, dass man nun eine Art Schlachtfeld erreichen wird: Maricopa County im US-Bundesstaat Arizona. Es ist einer aus einem Dutzend Orten in den USA, an denen die Präsidentenwahl entschieden werden dürfte.

Battlegrounds nennen die Amerikaner diese Gebiete, und was das bedeutet, das ist schon während der Fahrt sichtbar. Kurz nach dem Überfahren der Grenze gibt es erst das witzigste Straßenschild der Welt ("Nächste Ausfahrt: Gefängnis. Keine Anhalter mitnehmen"), und dann geht es los: Der Straßenrand ist zugepflastert mit Reklametafeln, und es ist auffällig, dass nur selten für einen der beiden Kandidaten geworben wird, sondern meist nur gegen etwas. Beide Seiten eint, neben der tiefen Verachtung füreinander, die Prognose, dass die USA ins Chaos stürzen würden, sollte der jeweils andere gewinnen. Es gibt Tafeln gegen: Waffenbesitz oder strengere Regulierung, Abtreibung oder das Verbot davon, Immigration oder den Umgang damit.

Man hat viel Zeit zum Betrachten von Straßenschildern und auch zum Nachdenken auf dieser Fahrt, zwischen Brenda und Buckeye geht es mal 140 Kilometer lang schnurgerade durch die Wüste, und zwei Fragen drängen sich auf: Sind die Amerikaner eigentlich für irgendwas bei dieser Wahl? Und wie in aller Welt konnte Arizona, wo mit Ausnahme von 1996 beim Erdrutsch-Sieg von Bill Clinton seit 1952 stets und meist mit sehr großem Vorsprung der republikanische Kandidat gewonnen hat, ein Battleground State werden?

Eine erste Antwort gibt es im Hotelzimmer in Phoenix. Im TV ist Wahlwerbung zu sehen, die nur hier gezeigt wird, in Maricopa County. Das ist der Bezirk um die Hauptstadt Phoenix herum, in dem 4,5 Millionen Leute leben. Die Regel lautet: Wer hier gewinnt, bekommt die elf Wahlpersonen aus Arizona zugesprochen. Der Wahlkampf hier ist anders als das, was man aus Kalifornien gewohnt ist, wo Joe Biden gewinnen wird. Er ist, insofern das überhaupt geht, noch monströser, noch schärfer, noch unerbittlicher. Die Demokraten investieren in den zwei Wochen vor der Wahl insgesamt 17 Millionen Dollar in Werbefilme, die Märkte Phoenix und Tucson liegen auf der landesweiten Liste der Werbekosten auf den Plätzen eins und drei. Knapp eine halbe Million ist für Werbung auf Spanisch reserviert.

In einem Spot ist Kristin Urquiza zu sehen, Nuestro PAC hat ihn finanziert; eine Vereinigung, die Amerikaner lateinamerikanischer Abstammung zur Stimmabgabe bewegen will. Urquiza erzählt die Geschichte ihres Vaters Mark Anthony, mit der sie schon auf dem Parteitag der Demokraten alle gerührt hat. Mark Anthony Urquiza hatte 2016 für Trump gestimmt und folgte in diesem Jahr dessen Rat, keine Angst vor diesem Coronavirus zu haben. "Seine einzige Schwäche war es, Donald Trump zu vertrauen", sagt die Tochter. Er sei Ende Mai in eine Karaoke-Bar gegangen, ein paar Wochen später sei er an Corona gestorben: "Er hat für sein Vertrauen in Trump mit dem Leben bezahlt. Er starb, allein, nur eine Krankenschwester hat seine Hand gehalten."

Mark Kelly Campaigns For Senate In Arizona

"Er hat für sein Vertrauen in Trump mit dem Leben bezahlt": Kristin Urquiza zusammen mit ihrer Mutter bei einer Wahlkampfveranstaltung.

(Foto: Courtney Pedroza/AFP)

Urquiza ist Latina, die wollen die Demokraten erreichen. Der Anteil an Lateinamerikanern, die bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme abgeben, wächst in Arizona stetig. 37 Prozent waren es 2012, vor vier Jahren waren es schon 42 Prozent, diesmal könnten es mehr als 50 Prozent werden. Trump hat vor vier Jahren in Arizona mit nur 91 234 Stimmen gewonnen, es braucht also nicht viel, um ihn hier zu besiegen.

Die Symbolfigur für das politische Interesse der Latinos ist Carlos Garcia, ein hemdsärmeliger Typ mit langen schwarzen Haaren, der lieber Jeans und T-Shirt trägt als Anzug. Er begann vor 13 Jahren, vor dem Büro von Joe Arpaio zu protestieren, der sich selbst als "Amerikas härtesten Sheriff" bezeichnete und dessen Verfehlungen sich ungefähr so lesen wie die von Trump in den vergangenen vier Jahren - es kann kein Zufall sein, dass er von Trump im Jahr 2017 begnadigt wurde. Nur: In der Nacht, als Trump 2016 zum Präsidenten des Landes gewählt wurde, stimmten die Leute in Maricopa County zum ersten Mal nach 24 Jahren gegen Arpaio. Zwei Jahre später wurde Garcia in den Stadtrat von Phoenix gewählt. Kyrsten Sinema gewann zum ersten Mal nach 30 Jahren einen Sitz im Senat für die Demokraten.

"Es ist nun Zeit, den Arpaio des Weißen Hauses zu besiegen", sagt Garcia, und dabei sollen nicht nur die Latinos helfen, die etwa ein Drittel der Bevölkerung in Maricopa County stellen. Die Gegend gilt als Alternative für Konzerne, die sich die enormen Kosten in Kalifornien nicht leisten wollen; das Elektrotruck-Start-up Nikola hat den Firmensitz hier oder die Halbleiterhersteller Amkor und On. Diese Firmen locken junge Talente, während der Coronavirus-Pandemie sind zudem viele Leute aus dem liberalen Kalifornien wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten in den Nachbarstaat gezogen. Junge, gut ausgebildete Menschen wählen, vereinfacht formuliert, eher einen Demokraten, Joe Biden liegt laut Umfragen mit etwa 2,5 Prozentpunkten vorne.

Sen. Martha McSally Campaigns For Re-Election In Arizona

Ist Amerika noch großartig? Bei Trumps Anhängern geht die Besorgnis um.

(Foto: Courtney Pedroza/AFP)

Das ist ein winziger Vorsprung, so knapp wie in kaum einem anderen Battleground State, was freilich dazu führt, dass auch die Republikaner heftig kämpfen. Beim TV-Budget liegen Phoenix und Tucson auf den ersten beiden Plätzen, allerdings gibt Trump nur wenig mehr als sechs Millionen Dollar dafür aus. Er setzt auf das sogenannte Ground Game, auf Anwesenheit: Vor zwei Wochen kam er nach Prescott und Tucson, am Mittwoch nach Phoenix. Er blamierte erst die republikanische Senatorin Martha McSally (er bellte ihr zu, dass sie schnell etwas sagen solle, obwohl es die Leute ohnehin nicht interessiere) und sagte dann, wogegen er ist oder wogegen die Herausforderer seien: "Biden und die Sozialisten der Demokraten wollen die Entwicklung des Impfstoffs verlangsamen, die Pandemie verlängern, die Schulen schließen und unser Land in den Ruin schicken."

Trump kann sich beim Ground Game auf treue Helfer verlassen. Der Typ, der auf der Lincoln Street im Stadtzentrum Trump-Memorabilia feilbietet, wirbt freilich auch um Stimmen. Was ihn besorgt: Das Geschäft brummt, die Überzeugungsarbeit stockt. Trump-Fans wählen Trump, klar, aber er würde gerne die erreichen, um die gekämpft wird im Battleground State. Das sei aber nicht einfach, sagt er.

Seine Bestseller seien blaue Trump-Fahnen und die roten Mützen, auf denen "Make America Great Again" steht. Frage: Was ist denn eigentlich aus dem Nachfolge-Motto "Keep America Great" geworden? Es gibt keinen Artikel im Sortiment, auf dem das steht. Immer nur: MAGA, wie auf dem Hügel in der Wüste. Der Mann zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen: Das kannst du doch aufgrund der Lage derzeit keinem Menschen verkaufen, dass die USA gerade großartig wären.

© SZ

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