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George-Floyd-Prozess:"Sie können Ihren Augen trauen. Es war Mord" 

Murder trial of former Minneapolis police officer Derek Chauvin

Der Prozessauftakt aus der Sicht des Gerichtszeichners: Der frühere Polizist Derek Chauvin sitzt vor einem Bild, das das Opfer George Floyd zeigt.

(Foto: JANE ROSENBERG/REUTERS)

Am ersten Prozesstag erklärt die Staatsanwaltschaft, warum der Tod von George Floyd ein Gewaltverbrechen war. Der Verteidiger des Ex-Polizisten Chauvin spricht von einer Verkettung unglücklicher Umstände.

Von Thorsten Denkler, New York

Angehörige von George Floyd, ihre Anwälte und Unterstützer haben sich an diesem sonnigen Morgen vor der Südseite des schwer gesicherten Hennepin-County-Gerichtsgebäudes in Minneapolis versammelt. Sie wollen kurz vor Beginn der Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Mörder Floyds ein Zeichen setzen. Um 8.46 Uhr Ortszeit knien sie sich am Montag hin. Für acht Minuten und 46 Sekunden.

Acht Minuten und 46 Sekunden, das war die zunächst bekannte Zeit, die der Polizist Derek Chauvin am 25. Mai 2020 auf dem Hals von George Floyd gekniet hat. 27 Mal stöhnte Floyd in den ersten Minuten, er bekomme keine Luft, er könne nicht atmen. In den letzten Minuten war er reglos. Wenig später im Krankenhaus wurde sein Tod festgestellt. Im Gericht hat die Staatsanwaltschaft die Zeitmarke korrigiert. Es sind jetzt neun Minuten und 29 Sekunden.

Tödliche Polizeigewalt gegenüber Schwarzen gehört in den USA zum brutalen Alltag. Der Tod George Floyds aber hat die Nation aufgerüttelt. Seine letzten Minuten sind auf Video festgehalten, aus diversen Perspektiven. Die Aufnahmen zeigen alle das gleiche, verstörende Bild: Einen Polizisten der Polizei von Minneapolis, der nicht von Floyd lassen will. Nicht, als Floyd ihn anfleht, ihm Luft zum Atmen zu geben. Nicht, als umstehende Passanten ihn auffordern, doch wenigstens Floyds Puls zu messen. Nicht, als erkennbar ist, dass Floyd das Bewusstsein verloren hat.

Die Welt hat Floyd sterben sehen. Auf der Straße liegend, unbewaffnet, wehrlos, die Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt. Und das Knie Derek Chauvins halb auf dem Hals, halb auf dem Nacken. Danach hat es Massenproteste im ganzen Land gegeben, bis in den Herbst hinein. Weit überwiegend friedlich. Aber es gab auch viel Gewalt. Mehrere Menschen kamen ums Leben.

Die wichtigsten US-Fernsehsender übertragen live

Im Gerichtsaal beginnen an diesem Morgen gegen 9.20 Uhr die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Aufgerufen ist der Fall 27-CR-20-12646: der Bundesstaat Minnesota vs. Derek Michael Chauvin. Chauvin, 44, ist wegen Mordes verschiedener Grade und Totschlags angeklagt. Den Vorsitz führt der erfahrene Richter Peter Cahill. Das Verfahren wird live im Internet und von den wichtigen Fernsehsendern übertragen. Die Plädoyers dauern alles in allem kaum länger als zwei Stunden. Wenig für einen Prozess dieser Tragweite. Aber der Fall scheint klar zu sein. Zumindest aus Sicht der Staatsanwaltschaft.

Die Anklage wird vertreten von Jerry W. Blackwell, einem erfolgreichen schwarzen Anwalt, der nur für diesen Fall und ohne Bezahlung auf die Seite der Staatsanwaltschaft gewechselt ist. Schritt für Schritt führt er die zwölfköpfige Jury durch die Beweise, die er und sein Team im Laufe der Verhandlung präsentieren werden. Sie sollen zeigen, dass schon Floyds Verhaftung unverhältnismäßig gewesen sei. Ein Verkäufer hatte die Polizei gerufen, weil Floyd angeblich seine Zigaretten mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt hat.

Chauvin trat allerdings erst ins Bild, als zwei seiner Kollegen Schwierigkeiten hatten, Floyd in den Polizeiwagen zu bekommen. Ankläger Blackwell stellt fest, dass Chauvins Verhalten danach klar gegen die Regeln der Polizei von Minneapolis verstoßen habe. Dass er alle Warnungen und Aufrufe ignoriert hat, von Floyd zu lassen, zeige, dass Chauvin absichtlich den Tod Floyds in Kauf genommen habe.

Der Angeklagte macht sich die ganze Zeit über Notizen

Die Videos von der Tat sind Blackwells bestes Argument. Das ist nicht abstrakt, kein Hörensagen, das steht nicht auf Papier. In dem Video sind die Tat und Chauvin in voller Länge zu sehen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Blackwell zeigt den Geschworenen das Video. Danach sagt er: "Sie können Ihren Augen trauen. Es war Mord."

Chauvin, der neben seinem Anwalt Eric Nelson sitzt, macht sich die ganze Zeit über Notizen auf einem gelben Block. Als Blackwell sein Plädoyer beendet, hat der frühere Polizist bereits mehrere Seiten beschrieben.

Eric Nelsons Verteidigungsrede dauert kaum eine halbe Stunde. Seine Botschaft an die Juroren: Die Beweislast mag erdrückend erscheinen. Aber es gibt zu jeder Geschichte zwei Seiten. Und die Geschichte des Todes von George Floyd sei nicht nur die Geschichte jener Minuten, in denen Chauvin auf Floyd kniete.

Die Verteidigung beschreibt Floyd als Drogenabhängigen mit Vorerkrankungen

Nelson will zumindest Zweifel daran aufkommen lassen, dass der Grund für Floyds Tod ursächlich in Chauvins Verhalten zu suchen sei. Er beschreibt Floyd als drogenabhängigen Mann, der noch wenige Minuten, bevor er auf den Boden gedrückt worden sei, Pillen eingeworfen habe, damit die Polizisten diese nicht bei ihm finden. Floyd habe überdies mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz- und Kreislaufproblemen zu kämpfen gehabt.

Es habe nicht einen, sondern viele Gründe für seinen Tod gegeben, sagt Nelson. Der Stress, das Adrenalin, das alles zusammen habe womöglich zu seinem Herzstillstand geführt. Eine Verkettung unglücklicher Umstände. Chauvin habe sich in dem Fall nichts vorzuwerfen. Dass Chauvin gegen Regeln verstoßen habe, lässt Nelson nicht gelten. "Sie werden erfahren, dass Derek Chauvin exakt das getan hat, was er in seinen 19 Dienstjahren gelernt hat."

In den kommenden vier Wochen werden Zeugen gehört. Passanten, Ärzte, Wissenschaftler, Polizisten. Spätestens Anfang Mai wird erwartet, dass sich die Geschworenen zu Beratungen zurückziehen können. Je nach Urteil der Jury erwartet Chauvin alles zwischen Freispruch und einer Freiheitsstrafe von bis zu 75 Jahren. Außer Frage steht allerdings, was passiert, wenn er mit einer milden Strafe davonkommt: neue Proteste, neue Gewalt. Mehr Leid.

© SZ/aner
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