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Der Tod von George Floyd:8 Minuten, 46 Sekunden

World Reacts To George Floyd Death

Ein Berliner Graffito erinnert an den Tod von George Floyd.

(Foto: Getty Images)

So lange hat der Polizist Derek Chauvin sein Knie in den Nacken von George Floyd gepresst. Kurz danach starb Floyd. Inzwischen sind mehr Details über die Ereignisse vom 25. Mai 2020 bekannt.

Die letzten Minuten des Lebens von George Floyd sind gut dokumentiert. Passanten und Überwachungskameras haben sie gefilmt. In einem Zusammenschnitt der Aufnahmen und der Funkgespräche zwischen den Einsatzkräften rekonstruiert etwa die New York Times die Aufnahmen. Sie sind ein eindrückliches Dokument der Geschehnisse vom 25. Mai 2020. Und helfen die Wut der Menschen zu verstehen, die jetzt in den USA und weltweit auf die Straße gehen. Wir erzählen die Ereignisse hier nach.

Es ist 19.57 Uhr

Minneapolis, Minnesota, am 25. Mai 2020. Zwei Mitarbeiter des Minisupermarktes "Cup Foods" kommen aus dem Laden an der Ecke Chicago Avenue und 38th Street. Sie überqueren die Straße, gehen auf einen dunkelblauen Wagen zu und konfrontieren den Mann auf dem Fahrersitz damit, dass dieser gerade angeblich mit einer gefälschten 20-Dollar-Note seine Zigaretten bezahlt habe. Es ist George Floyd, ein Afroamerikaner. Eineinhalb Stunden später wird er für tot erklärt werden.

Die Angestellten fordern die Zigaretten zurück. Ohne Erfolg. Vier Minuten später rufen sie die Polizei.

Es ist 20.08 Uhr

Die erste Streife des Minneapolis Police Department fährt vor. Die beiden Polizisten sprechen Floyd an. Der ist offenbar angetrunken. Einer der Polizisten zieht Floyd aus dem Wagen, ein anderer fesselt seine Handgelenke mit Plastik-Bändern hinter seinem Rücken. Sie stellen ihn an eine Wand, wo er umgehend in die Hocke sackt. Er zeigt keine Gegenwehr. Wenige Minuten später versuchen die Polizisten Floyd in ihren Streifenwagen zu setzen. Er bricht am Auto zusammen. Nach Zeugenberichten sagt er, er sei klaustrophobisch. Und zum ersten Mal: "I can´t breathe." - "Ich kann nicht atmen". Eine weitere Streife parkt vor dem Supermarkt. Dann eine dritte.

Es ist 20.17 Uhr

Aus dem letzten Streifenwagen steigen die beiden Polizisten Derek Chauvin und Tou Thao aus. Chauvin ist der Mann, der wenig später sein Knie auf den Hals von Floyd pressen wird. Über Chauvin haben sich 17 Beschwerden angesammelt, er war in drei Schießereien verwickelt. Thao war 2017 wegen außergewöhnlicher Brutalität im Amt angeklagt. Chauvin hilft, Floyd von der anderen Seite auf den Rücksitz des Polizeiwagens zu ziehen. Es gelingt, aber dann zieht er Floyd durch die Fahrgastkabine wieder heraus aus dem Wagen und lässt den Mann auf den Boden fallen. Auf Filmaufnahmen von Zeugen ist zu sehen, wie jetzt drei Polizisten Floyd auf dem Boden fixieren, wobei einer von ihnen sein Knie auf dem Nacken von Floyd gesetzt hat.

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Es ist 20.20 Uhr

Auf einer Aufnahme ist jetzt erstmals Floyds Stimme zu hören. "I can't breathe. I can't breathe, man. Please." Eine Minute später ruft einer der Polizisten einen Krankenwagen. Es komme Blut aus dem Mund des Verdächtigen. Trotz des Anrufs kniet ein Polzisten weiter auf dem Hals von Floyd. Es ist, wie jetzt auf den Aufnahmen zu sehen ist, Derek Chauvin. Floyd ist wieder zu hören "I can't breathe. I can't breathe." Er wiederholt den Satz mindestens 16 Mal innerhalb von fünf Minuten. Ein Polizist ist zu hören. Was Floyd wolle, fragt er. Wieder: "I can't breathe! - Bitte, das Knie in meinem Nacken." Er solle doch in den Wagen steigen, sagt der Polizist. "Das werde ich", verspricht Floyd. "Ich kann mich nicht bewegen." Das Knie drückt weiter auf seinen Hals. Im Angesicht des Todes ruft Floyd nach seiner Mutter. Dann verliert er das Bewusstsein. Passanten fordern Chauvin auf, endlich von Floyd zu lassen. Sein Partner Thao stellt sich breitbeinig schützend vor seinen Kollegen. Chauvins Knie bleibt, wo es ist.

Es ist 20:27 Uhr

Der Krankenwagen trifft ein. Eine weitere Minute vergeht. Chauvin steht erst auf, als ein Sanitäter ihn dazu auffordert.

Chauvin hat sein Knie für 8 Minuten und 46 Sekunden auf Floyds Hals gepresst. Seine Kollegen haben ihn nicht davon abgehalten. Im Krankenwagen hört Floyds Herz auf zu schlagen.

Es ist 21:25 Uhr

Im Krankenhaus wird George Floyds Tod festgestellt.

Zehn Tage später wird er in seiner Heimatstadt Houston, Texas, beerdigt. Die Videos der Tat schockieren das Land. Die Bilder von Floyds Todeskampf haben viele Menschen wütend gemacht. Auf die Straße aber hat es sie getrieben, als es schien, die beteiligten Polizisten würden nicht belangt werden. Sie wurden umgehend vom Dienst suspendiert. Aber erst am vergangenen Freitag, vier Tage nach der Tat, wird Chauvin verhaftet und wegen Mord dritten Grades angeklagt. Da ist das dritte Polizeirevier von Minneapolis bereits in Flammen aufgegangen. Und die Proteste haben sich zu einem landesweiten Flächenbrand entwickelt. Erst am vergangenen Mittwoch wurden auch die anderen drei Ex-Polizisten in Haft genommen, und wegen Beihilfe angeklagt. Chauvin muss sich jetzt wegen Mord zweiten Grades verantworten. Floyd war unbewaffnet. George Floyd wurde 46 Jahre alt. Er hinterlässt fünf Kinder.

© SZ.de/jsa/ghe

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