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TV-Debatte der Demokraten:Unterschiede gibt es nur in Details zu besichtigen

Es geht gerade um Rassismus in der Gesellschaft. Harris bittet für einen Moment um das Wort. Sie hat etwas mit Biden zu besprechen. Es wird persönlich. Sie glaube selbst nicht, dass Biden ein Rassist ist. Was ja die Möglichkeit eröffnet, dass andere ihn für einen halten könnten. Schon mal eine ziemliche Breitseite. Aber die Tatsache, dass Biden sich nicht von zwei seiner ehemaligen Senatoren-Kollegen distanzieren will, die einst für die Rassentrennung eintraten, "das tut weh", sagt Harris. Biden schaut starr geradeaus.

Harris ist noch nicht fertig mit ihm. Sie gehörte zu den ersten schwarzen Kindern, die mit dem Bus zu Schulen gebracht wurden, an denen sonst nur weiße Kinder unterrichtet wurden, sagt sie. Biden aber habe damals als frischer Senator ein Gesetz auf den Weg gebracht, dass der Bundesregierung verbieten sollte, solche Busverbindungen verpflichtend für alle Städte zu machen. Und zwar mit Unterstützung ebenjener Senatoren, die er vor wenigen Tagen noch für ihre Kollegialität gelobt hatte.

Biden schaut Harris endlich mal an. Er versucht sich an einer Rechtfertigung. Das sei eben Sache der lokalen Ebene und nichts, was vom Bildungsministerium vorgegeben werden sollte. Etwas schwach.

Harris holt aus und landet ihren Punkt: Es sei die Pflicht des Bundes, dagegen vorzugehen, wenn Städte die Rassentrennung aufrechterhalten. Jubel kommt auf. Der Applaus währt deutlich länger, als an jeder anderen Stelle in dieser Debatte. Für jeden erkennbar schafft es Biden nicht, heute, 45 Jahre später, seine damalige Haltung als Fehler einzugestehen.

Dieser Abend wird immer mehr zum Kamala-Harris-Abend. Es scheint, als würde sie in jeder Debattenrunde den Ton setzen. Alle anderen haben sich darauf vorbereitet, Biden oder Sanders als Punchingball für ihre Argumente zu nutzen. Auch Harris. Aber niemand hatte wohl auf dem Schirm, wie gut Harris auf diese Debatte vorbereitet ist. Sie wirkt sicher, kraftvoll und überzeugend.

Sanders will die Revolution, koste es, was es wolle. Eine Krankenversicherung für alle, gegen die großen Konzerne, gegen das große Geld. Biden will vor allem Trump schlagen und da weitermachen, wo er mit Obama aufgehört hat. Buttigieg ist irgendwie immer für einen Mittelweg. Krankenversicherung für alle, ja. Aber im bestehenden System mit starken privaten Krankenkassen. Harris will das Land ernsthaft verändern. Das ist ihre Botschaft. Viele Demokraten werden sie an diesem Abend gehört haben.

Ansonsten sind sich inhaltlich ohnehin alle in fast allem einig. Der Klimawandel ist nicht nur eine Krise, er ist ein nationaler Notstand. Und als es um Immigration geht, weigern sich alle Demokraten, eine Sicherheitsdebatte zu führen. Sie erinnern lieber an die moralischen Grundwerte der USA, dass Menschen in Not geholfen wird.

Unterschiede gibt es nur in Details zu besichtigen. Fast alle stimmen etwa zu, dass es im juristischen Sinne kein Verbrechen mehr sein soll, illegal und ohne Papiere die Grenze zu den USA zu überqueren. Sondern nur noch eine Art Ordnungswidrigkeit. Diese Frage hatte am Abend zuvor Kandidat Castro aufgeworfen. Er wolle jeden demokratischen Mitbewerber daran messen, ob er dieses Vorhaben unterstützt, hatte er gesagt. Und viel Applaus dafür bekommen. 24 Stunden später wird seine Frage plötzlich zum Lackmustest für die Diskutanten.

Biden hebt zwar auch die Hand, aber irgendwie nicht richtig überzeugt. Mehr, als wolle er sich melden, um etwas dazu zu sagen. Er bekommt die Gelegenheit, windet sich aber, die Frage klar zu beantworten. Auf die dritte Nachfrage sagt er nur: Diese Menschen sollten nicht "im Fokus" von Abschiebungen stehen. Ein Anhänger von Sanders, Warren, Castro oder auch Harris würde jetzt sagen: Test nicht bestanden, Joe.

© SZ.de/mkoh

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