US-Wahl:Bedürfnis nach einem Proleten

Donald Trump

Wie sehr wird ihm das Video mit sexistischen Kommentaren schaden? Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

(Foto: AP)

Es gab und gibt in relevanten Teilen der US-Öffentlichkeit das Bedürfnis nach einem Politiker, der sich als Prolet inszeniert, der es "denen in Washington D.C." mal richtig zeigt und den ganzen Laden auseinandernimmt - ein Motiv, das in der politischen Kultur der USA seit jeher tief verankert ist. Es gibt das Bedürfnis nach jemandem, der auf political correctness und Minderheitenschutz einen feuchten Kehricht gibt und Amerika im Grunde führt wie ein Geschäftsmann seinen Betrieb, in dem er schalten und walten kann wie er möchte.

Obwohl es Vorbehalte, offenen Widerstand und sogar Überlegungen für einen innerparteilichen Putsch gab, musste ihn das Establishment der republikanischen Partei am Ende dennoch gewähren lassen. So gelangte Trump dorthin, wo er jetzt steht: Er ist Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

Wäre das Video, in dem Trump seine Annäherungsversuche gegenüber dem weiblichen Unterleib beschreibt, vor einem halben Jahr geleakt worden, es hätte ihm womöglich ein oder zwei Tage negative Schlagzeilen beschert. Es wären ein paar empörte Reaktionen aus dem Clinton-Lager gekommen, aber schließlich wäre es wohl in die Liste Trumpscher Schamlosigkeiten einsortiert worden. Eine Liste, die so lang ist, dass die einzelnen Punkte, so heftig sie sein mögen, rasch im ständigen Politgeblubber untergegangen wären. Fernsehleute sagen dazu: Versendet sich.

Landesweite Umfragen: Clinton (blau) gegen Trump (rot)

Trump war zwar auch da schon in der Defensive. In Umfragen lag er zurück. Mit seinen Tiraden hatte er bei großen, relevanten Gruppen wie bei den Hispanics, bei den Schwarzen und bei vielen Frauen einen schweren Stand. Doch er konnte sich der Unterstützung durch das konservative Kernmilieu sicher sein. Und er hatte noch die Chance, einige Wechselwähler zu überzeugen, die der Clinton-Familie kritisch gegenüberstehen. Trump gelang es zudem, in Teilen die Debatte zu bestimmen und die Diskussionspunkte zu setzen. Das gelingt ihm jetzt nicht mehr. Die Demokraten werden wohl dafür sorgen, dass das Video lange präsent bleibt. Einen ersten Erfolg können sie bereits verbuchen. Die von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichten Reden Clintons vor Wall Street-Größen, für die die Demokratin erstens üppig bezahlt wurde und die zweitens ein sehr freundliches Verhältnis zum großen Geld offenbaren, geraten angesichts der Diskussion um Trumps Frauenbild in den Hintergrund.

Der Charakter politischer Diskurse bringt es mit sich, dass die Situation plötzlich kippen kann. Was vor Monaten noch akzeptabel, vielleicht sogar politisch opportun war, ist jetzt unsagbar. Der objektive Gehalt bestimmter Sätze spielt keine Rolle, es geht darum, wie sie von anderen, wichtigen Spielern in diesem Diskurs aufgefasst und eingeordnet werden.

In den USA ist spürbar: Je mehr der Wahlkampf in die Schlussphase geht, desto mehr Ernsthaftigkeit, desto mehr potenziell präsidable Haltung wird von den Kandidaten erwartet. Es ist deshalb der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Videos, der es für Trump so gefährlich macht. Dass Hillary Clinton seine Worte "entsetzlich" nennt und twittert, "wir müssen verhindern, dass dieser Mann Präsident wird", wäre an sich kein Problem. Fatal für den Republikaner ist, dass offenbar führende Vertreter seiner eigenen Partei geneigt sind, Clintons Aussagen zuzustimmen. Dass etwa der frühere Präsidentschaftskandidat John McCain Trumps Worte "unentschuldbar" nennt oder Repräsentantenhaus-Sprecher Paul Ryan sagt: "Es macht mich krank." Gerade erzkonservative Republikaner fragen sich, wie sie Trumps vulgär-sexistische Ausbrüche ihren Töchtern erklären und dabei gleichzeitig das parteiintern so wichtige Ideal der Familie preisen sollen.

Trump stand schon unter Druck, bevor das Video ans Licht kam. In den entscheidenden Swing-States liegt er in Umfragen mehrere Prozentpunkt hinter Clinton. Im ersten TV-Duell vor knapp zwei Wochen lieferte er eine schwache Performance und Experten sind der Meinung, dass die Form des nächsten Aufeinandertreffens, ein sogenanntes Townhall Meeting, mit Fragen aus dem Publikum dem wenig einfühlsamen Trump ohnehin nicht liegt.

Hinzu kommt, dass das Dossier, welches den Titel "Donald Trump und sein Verhalten gegenüber Frauen" tragen könnte, jetzt nicht nur länger geworden ist, sondern auch noch einmal gründlich durchforstet wird. Der Journalist Nicolas Kristof von der New York Times hat in seiner Kolumne bereits ausführlich einen Fall geschildert, der zwar lange zurückliegt, aber eine andere Qualität hat als das, was bisher über Trump bekannt ist.

Klage wegen sexueller Belästigung

Demnach hat Trump Anfang der Neunzigerjahre eine Frau, mit der er über eine geschäftliche Zusammenarbeit verhandelte, in einer seiner Villen sexuell bedrängt und begrapscht. "Ich bewunderte die Dekoration in dem Zimmer und das nächste, was ich weiß, ist, dass er mich an die Wand drückte und dass seine Hände überall an mir waren", mit dieser Aussage wird Jill Harth, so der Name der Frau, in dem Artikel zitiert. Auch bei mindestens einer weiteren Begegnung soll Trump versucht haben, die Frau zum Sex zu drängen. Es kam sogar zu einer Klage wegen sexueller Belästigung, die Harth jedoch zurückzog, weil das eine Bedingung war, damit ein gleichzeitig geführter Prozess um geschäftliche Streitigkeiten mit einem Vergleich beigelegt werden konnte.

Der Fall ist bekannt. Der Boston Globe etwa berichtete im April dieses Jahres darüber. Die Angelegenheit ist juristisch wahrscheinlich abgeschlossen. Jill Harths Verhalten wirft außerdem Fragen auf. Denn es kam später, im Jahr 1998, zu einer kurzen, einvernehmlichen Affäre zwischen Harth und Trump. Und es gibt E-Mails aus dem vergangenen Jahr, in denen Harth Trump viel Erfolg und gute Wünsche für seinen Wahlkampf sendet.

Die USA sind nicht Deutschland, wo ein Kandidat schon in Bedrängnis geraten kann, weil er, wie Rudolf Scharping 1994, brutto und netto verwechselt oder weil er, wie Peer Steinbrück 2013, in einem Interview einen Stinkefinger zeigt.

Doch der Diskurs über Donald Trump und die Frauen ist seit diesem Freitag ein anderer.

© SZ.de/segi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB