US-Wahl:Michelle Obama spricht Wählern Mut zu

Lesezeit: 6 min

Sie spricht junge Leute an. Anders als Clinton ist Michelle Obama bei den Millennials, also den unter 35-Jährigen, sehr populär. "Sie ist glaubwürdig und dort, wo wir uns aufhalten: vom Disney Channel bis zu den sozialen Netzwerken", schwärmt die 23-jährige Ashley Norwood. Das stimmt: Für ihre Marke @FLOTUS (First Lady of the United States) hat Obamas Team eine hervorragende Social-Media-Strategie (Details in diesem SZ.de-Text) entwickelt - und dazu gehört auch, beim "Carpool Karaoke" mit Missy Elliott und James Corden zu singen.

Weil sie weiß, dass viele Jungwähler sowohl Clinton als auch Donald Trump schrecklich finden und überlegen, den Libertären Gary Johnson oder die Grüne Jill Stein zu wählen, redet Michelle Obama in Phoenix Klartext: "Hier kommt die Wahrheit. Wenn ihr für jemand anderen als Hillary stimmt, dann helft ihr ihrem Gegner, Präsident zu werden. Ich will, dass ihr eine Minute nachdenkt: Wie wird es sich anfühlen, am 9. November aufzuwachen und das zu erleben?"

US-Wahl: First Lady Michelle Obama - beliebter als alle anderen auf der politischen Bühne der USA

First Lady Michelle Obama - beliebter als alle anderen auf der politischen Bühne der USA

(Foto: AFP)

Eindeutig verurteilt sie den Tabubruch Trumps, der es in der TV-Debatte offenließ, ob er das Wahlergebnis anerkennen werde, und ruft: "Die Welt beneidet uns um unsere Demokratie, damit spielt man nicht." Hinter Trumps Gerede stecke die Strategie, dass möglichst viele Wähler aus "Müdigkeit, Frust oder Ekel" zu Hause bleiben. "Lasst euch euren Einfluss und euren Mut nicht nehmen", ruft Michelle Obama und fährt fort: "Wenn ich euch eine Botschaft mitgeben darf: Bleibt zuversichtlich und mutig." Dies sind jene inspirierenden Worte, nach denen sich - allen Umfragen zufolge - junge Wähler sehnen und die sie 2016 vor allem von Bernie Sanders gehört haben, Clintons Rivalen im Vorwahlkampf.

Sie wirbt besser für Clinton als Hillary selbst. Nach dem erbitterten Wahlkampf 2008 dauerte es lange, bis sich Michelle Obama und Hillary Clinton versöhnten - die erste schwarze First Lady stand dem Politbetrieb extrem kritisch gegenüber. Doch weil sie den Kampf gegen Trump als etwas Persönliches ansieht (sie hat ihm nie verziehen, dass dieser anzweifelte, dass Barack Obama in den USA geboren wurde), ist Michelle Obama nun die beste Clinton-Erklärerin - und in ihren Reden ist wieder einiges an "Hope and Change" und "Yes we can" zu spüren.

Sie lobt das jahrzehntelange Engagement Clintons für Kinder, ihr Mitgefühl und ihre Kompetenzen: "Sie ist besser vorbereitet als Barack oder Bill. Und zufällig ist sie eine Frau." Hillary Clinton und sie selbst seien als Arbeiterkinder aufgewachsen und hätten dies nie vergessen, ruft Obama. Während Trumps Vision für die USA von "Hoffnungslosigkeit, Angst und Verzweiflung" gezeichnet sei, stehe die Demokratin für "Toleranz, Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle".

Anders als die oft steife Kandidatin Clinton kann Obama besser präsentieren, wer von ihren Plänen profitiere: Die Uni-Ausbildung werde billiger, der Mindestlohn solle erhöht und die Einwanderungsgesetze endlich reformiert werden. In Phoenix beendet sie ihr Plädoyer mit diesen Worten: "Hillary hat umfassende Pläne vorgelegt, wie sie Menschen helfen will. Ihr Gegner hat nur Tweets vorzuweisen. Nun müsst ihr selbst entscheiden."

Sie wählt ihre Auftritte sorgsam aus. Michelle Obama ist eine hervorragende Rednerin, die gleichzeitig selbstsicher, leidenschaftlich und cool wirkt. Ihre Auftritte sorgen auch deswegen regelmäßig für Aufsehen, weil sie eher selten auftritt (im Vergleich zu Ehemann Barack oder den All-Star-Demokraten Bernie Sanders, Joe Biden, Bill Clinton oder Elizabeth Warren). Dass sie knapp drei Wochen vor der Wahl in Arizona auftritt, wird aufmerksam registriert: Eigentlich ist dieser Staat trotz seines hohen Anteils an Latino-Wählern fest in der Hand der Republikaner (nur Bill Clinton siegte 1996 dort), doch in aktuellen Umfragen liegt Hillary Clinton hier knapp vor Trump. Dies belegt, wie stark der Geschäftsmann Trump polarisiert.

US-Wahl: Kari Neumann und Tochter Sydney: "Nur ein Meteorit kann noch verhindern, dass Clinton Präsidentin wird."

Kari Neumann und Tochter Sydney: "Nur ein Meteorit kann noch verhindern, dass Clinton Präsidentin wird."

(Foto: Matthias Kolb)

In Phoenix sind am Nachmittag nicht nur laute "We will turn Arizona blue"-Rufe zu hören - der Auftritt Michelle Obamas inspiriert viele, sich nun als freiwillige Wahlkampfhelfer zu engagieren. "Es ist aufregend, dass Arizona nun ein battleground state ist und wir Demokraten uns nicht mehr verstecken müssen", sagt Kari Neumann. Sie wohnt drei Autostunden entfernt und stand mit ihrer 16-jährigen Tochter Sydney vier Stunden in der Schlange, um Obama nah zu sein.

Auch Kari Neumann wird versuchen, möglichst viele Mitbürger zum Wählen zu motivieren, damit die Demokraten endlich wieder in Arizona siegen. Doch nach den TV-Debatten lässt die Anspannung nach. "Es ist gut zu wissen, dass Hillary Clinton Präsidentin werden wird. Nur ein Meteorit kann das noch verhindern", sagt sie lachend und eilt zum Auto.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema