Krieg in der Ukraine:"Die A-50 hat ihren letzten Flug absolviert"

Krieg in der Ukraine: Am Freitag hat das ukrainische Militär über dem Asowschen Meer ein russisches "A-50"-Aufklärungsflugzeug abgeschossen. (Archivbild)

Am Freitag hat das ukrainische Militär über dem Asowschen Meer ein russisches "A-50"-Aufklärungsflugzeug abgeschossen. (Archivbild)

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

Binnen weniger Wochen schießen die Ukrainer zum zweiten Mal ein russisches Aufklärungsflugzeug ab. Offen ist, ob dabei wieder vom Westen gelieferte "Patriot"-Systeme zum Einsatz kamen.

Von Florian Hassel, Belgrad

Für die ukrainische Luftwaffe war die vergangene Woche die womöglich erfolgreichste seit Beginn der russischen Invasion: Innerhalb von gut einer Woche haben die Ukrainer offenbar acht moderne russische Militärflugzeuge abgeschossen.

Der letzte Erfolg aus Kiewer Sicht kam dem ukrainischen Luftwaffenchef Mykola Oleschtschuk zufolge am Freitag kurz vor vier Uhr nachmittags: Da schossen die Ukrainer ein russisches A-50-Aufklärungsflugzeug ab - das Gegenstück zum Awacs-Flugzeug der Nato. "Die A-50 mit dem Rufzeichen Bajan hat ihren letzten Flug absolviert", schrieb Oleschtschuk auf der Messaging-App Telegram. Das Flugzeug fängt mit seiner nach ukrainischen Angaben zehn Mann starken Besatzung Funksprüche ab, identifiziert Raketenabschüsse und Ziele in der Ukraine für russische Bombenangriffe.

Die A-50-Maschinen sollen einen Stückpreis von 350 Millionen Dollar haben, Russland könnte nun nur noch über neun weitere Flugzeuge dieses Typs verfügen. Die erste A-50 wurde von den Ukrainern am 14. Januar abgeschossen. Bereits in den Tagen vor dem Abschuss der A-50 holte die Ukraine offenbar zwei russische Su-35 und weitere fünf Su-34-Kampfflugzeuge vom Himmel.

Der Abschuss der A-50 am Freitag über der russischen Region Krasnodar wurde vom russischen Militärblogger Fighterbomber bestätigt: Als dessen Autor gilt der russische Luftwaffenhauptmann Ilja Tumanow. An der Absturzstelle wurden offenbar die Leichen der zehn Besatzungsmitglieder geborgen.

Präsident Wolodimir Selenskij dementierte, dass die Ukrainer die A-50 mit Raketen des US-Flugabwehrsystems Patriot abgeschossen hätten. "Die Ukraine hat weder die Möglichkeit noch das Recht und wird dieses auch nie haben, um Waffen aus Partnerländern über Gebieten außerhalb der gegenwärtig besetzten Regionen des Landes einzusetzen." Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes GUR sagten der Ukrajinska Prawda, die A-50 sei mit modernisierten Raketen des jahrzehntealten Flugabwehrsystems S-200 abgeschossen worden.

Freilich ist möglich, dass sowohl das Dementi Selenskij wie die angebliche GUR-Information nur einen Einsatz der Patriot verschleiern sollen: Die USA haben der Ukraine verboten, US-Waffensysteme auf russischem Territorium einzusetzen. Gleichwohl setzten die Ukrainer Patriots schon mehrmals für Abschüsse über russischem Territorium ein.

Am 13. Mai 2023 wurden über dem russischen Grenzgebiet Briansk zwei russische Kampfflugzeuge SU-34 und Su-35 und drei Mi-8-Militärhubschrauber abgeschossen, die zu einem Bombenabwurf auf ukrainische Ziele gestartet waren. Ende November 2023 bestätigte Ukraines Luftwaffensprecher Jurij Ihnat die Abschüsse vom 13. Mai: "Patriot-Luftverteidigungssysteme haben in der Briansk-Richtung in fünf Minuten fünf Flugzeuge zerstört." Etwas später sei auch über dem Schwarzen Meer ein Su-35-Bomber mit einer Patriot abgeschossen worden.

Auch Ende Dezember 2023 schoss die Ukraine fünf russische Suchoi-Kampfflugzeuge ab - offenbar ebenfalls mit Raketen der Patriot-Systeme, von denen auch Deutschland zwei an die Ukraine geliefert hat. Luftwaffensprecher Ihnat veröffentlichte seinerzeit einen freudigen Post mit dem Foto eines Patriot-Systems.

Das Patriot-System wurde für den Abschuss feindlicher Militärflugzeuge entwickelt und erst nach dem Golfkrieg zum Abschuss angreifender Raketen umfunktioniert. Die Ukraine verlagert Patriot-Systeme, die in erster Linie die Hauptstadt Kiew schützen, offenbar je nach Bedarf in den Osten oder Süden des Landes, denn ihre Raketen haben Militärexperten zufolge eine Reichweite von höchstens 160 Kilometern.

Der Patriot-Einsatz birgt auch Gefahren: Am 24. Januar schossen die Ukrainer offenbar ebenfalls mit Patriot-Raketen und ebenfalls im russischen Luftraum ein Iljuschin-76-Transportflugzeug ab, in dem sich offenbar ukrainische Kriegsgefangene befanden, so US-Offizielle zur New York Times.

Nach Angaben der ukrainischen Botschafterin in Washington, Oksana Markarowa, gehen zudem Kiew Vorräte an Raketen - sprich: Patriot oder Himars - zur Neige. Die Ukraine kann Bombardierungen durch russische Kampfflugzeuge nicht durchgehend verhindern. Russland hat seit März 2023 alte sowjetische Bomben mit einer Sprengstofflast von bis zu 1000 Kilo mithilfe von Flügeln so modernisiert, dass russische Bomber sie aus bis zu 70 Kilometern Entfernung abwerfen können und diese nach längerem Gleitflug ukrainische Ziele treffen. So spielte der Abwurf von teils bis zu russischen 80 Gleitbomben täglich beim kürzlichen Fall der Stadt Awdijiwka eine wichtige Rolle.

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