Krieg in der Ukraine:Radikale Schuldumkehr

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Krieg in der Ukraine: Im UN-Sicherheitsrates werden Bilder von Massakern gezeigt

In einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates am 5. April werden Bilder der Massaker gezeigt, die von russischen Truppen verübt wurden. Russland bestreitet die Taten.

(Foto: John Minchillo/dpa)

Im UN-Sicherheitsrat weist der stellvertretende russische UN-Botschafter der Ukraine die alleinige Schuld am Krieg und den Massakern an Zivilisten zu. Schließlich zieht er gar einen Vergleich zu Joseph Goebbels.

Von Christian Zaschke, New York

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine haben die Vertreter Russlands einige beklemmende Reden im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York gehalten, doch was der stellvertretende russische UN-Botschafter Dmitri Poljanskij am Montag verkündete, wirkte wohl selbst auf die erfahrensten Vertreter im Gremium verstörend. Nichts von dem, was aus der Ukraine berichtet wird, sei wahr, sagte er ungerührt. Die Gräueltaten in Butscha, wo Dutzende Zivilisten ermordet wurden? Seien von "ukrainischen Nazis" inszeniert worden. Der Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk, bei dem auch Kinder ums Leben kamen? Sei von den Ukrainern selbst verübt worden. Poljanskij las diese Worte vom Blatt, ohne eine Miene zu verziehen.

Derzeit haben die Briten den monatlich wechselnden Vorsitz des Rates inne, und sie hatten zu einer Sitzung geladen, in der über die Situation in der Ukraine unter besonderer Berücksichtigung des Schicksals von Frauen und Kindern gesprochen werden sollte. Zu diesem Thema äußerte sich Poljanskij auch. "Wir sehen die Absicht, russische Soldaten als Sadisten und Vergewaltiger zu präsentieren", sagte er. Damit nahm er Bezug darauf, dass es Dutzende Berichte über Vergewaltigungen und Folter durch russische Soldaten gibt. Poljanskij erklärte, diese Berichte fußten auf "Russophobie". Vielmehr sei es so, dass Frauen besonders litten, weil die Ukraine von Nazis kontrolliert werde.

Je länger Poljanskij sprach, desto absurder wurde sein Vortrag. Der Westen habe einen Informationskrieg gegen Russland entfesselt, der ebenso schlimm sei wie das, was in der Ukraine passiere. Wobei das, was in der Ukraine passiere, Gräueltaten von Ukrainern seien. "Selbst erfahrene russische Soldaten sind schockiert von dem, was sie dort sehen", sagte er.

Wieder und wieder sprach Poljanskij von "Nazis", die das Land im Griff hätten und von denen es die Ukraine zu befreien gelte. Nicht nur gefährdeten diese "Nazis" die Sicherheit Russlands, sondern auch die Sicherheit der übrigen Nachbarn, weshalb man mit der "speziellen militärischen Operation" auch diesen Ländern helfe. Fast wirkte es, als wolle Poljanskij an dieser Stelle Dankbarkeit einfordern. Namentlich nannte er Polen, was man dort mit Blick auf die russisch-polnische Geschichte nur mit einem eisigen Schaudern zur Kenntnis nehmen kann.

Die Diplomaten bemühen sich um Contenance

In einer Rede solchen Kalibers war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Poljanskij bei Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels landen würde, und tatsächlich, bald hörte man ihn sagen, dass Goebbels stolz auf die Ambitionen der ukrainischen Propaganda gewesen wäre, aber enttäuscht von der Performance. Schließlich sei es ja offensichtlich, dass die Ukrainer all die Schrecken nur inszeniert hätten. Russland führe keineswegs einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Es sei traurig, dass die Ukraine dieses Niveau der Grausamkeit erreicht habe. Auf dem zynischen Höhepunkt seiner Rede sagte Poljanskij: "Und sagen Sie später nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt."

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Aus all dem zog Poljanskij den Schluss, dass das russische Vorgehen wichtiger sei denn je und deshalb mit Macht fortgesetzt werde. Die, wie er den Angriffskrieg Russlands immer wieder nannte, "spezielle militärische Operation" sei nötig für "die Zukunft der Ukraine". Schließlich, sagte er, wolle er mit einer optimistischen Note enden: Es gebe auch eine andere Ukraine, und diese habe nun dank des russischen Vorgehens die Chance auf Frieden.

Die übrigen Diplomaten im Sicherheitsrat waren bemüht, die Contenance zu wahren. Der britische Vertreter sprach von "außergewöhnlichen Statements" seitens Poljanskijs, "und sogar Lügen". Der albanische Botschafter sagte, wenn der russische Vertreter behaupte, es geben keinen Krieg gegen die Zivilbevölkerung, könne er ebenso gut behaupten, die Erde sei flach. Manche Menschen würden das glauben, aber die große Mehrheit wisse, dass es nicht die Wahrheit sei. Der ukrainische Vertreter sagte, das Vertrauen in russische Diplomaten sei mausetot (wörtlich benutzte er das englische Idiom "dead as a doornail").

Für die USA sprach Botschafterin Linda Thomas-Greenfield. Sie sagte: "Wenn Männer wie Wladimir Putin Kriege beginnen, werden Frauen vergewaltigt und getötet. Kinder werden getötet." Interessantes Detail: Explizit sprach sie von "Russlands Krieg", während bis vor Kürzerem noch die Formulierung "Putins Krieg" die gängige war. Sie berichtete von ukrainischen Mädchen, die sich die Haare kurz schnitten, in der Hoffnung, so der Vergewaltigung durch russische Soldaten zu entgehen. Und sie kündigte ein sofortiges Eingreifen an, womit sie meinte, dass man umgehend humanitäre Hilfe leisten werde. Wie diese konkret aussehen soll, sagte sie nicht.

Deutschland ist zwar derzeit nicht Mitglied des Sicherheitsrats, dennoch war die deutsche UN-Botschafterin Antje Leendertse eingeladen, am Ende der dreistündigen Zusammenkunft ein Statement abzugeben. Zunächst verlas sie eine Aufzählung des Horrors, den russische Soldaten in Teilen der Ukraine verbreitet haben; es wirkte, als wolle sie der Rede des russischen Vertreters zum Abschluss noch einmal etwas entgegensetzen. Dann versicherte sie, Deutschland werde jegliche Unterstützung dabei leisten, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Poljanskij hatte die Sitzung zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen.

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