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Zweites TV-Duell mit Biden:Trump umweht ein Hauch von Verzweiflung

Der US-Präsident hat sein Repertoire an unlauteren Attacken gegen seinen Herausforderer durchgespielt. Trump schadet sich mit seinem Auftritt nicht - doch ob er ihm hilft?

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

In der Psychoanalyse gibt es das Phänomen der Projektion. Ein Mensch schreibt dabei seine eigenen Wünsche, Ängste oder Sorgen einem anderen Menschen zu. Projektion ist ein Abwehrmechanismus. Die eigenen Probleme werden auf jemanden anderen übertragen - schwups, sind sie weg.

Wie Projektion in der Politik funktioniert, konnte man am Donnerstagabend bei der letzten Debatte der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten vor der Wahl beobachten. Da stand Donald Trump auf der Bühne, der in den vergangenen Jahren sein Präsidentenamt nun wirklich ausgiebig genutzt hat, um seinen Firmen den einen oder anderen Taler zuzuschieben, und warf allen Ernstes Joe Biden vor, ein korrupter Politiker zu sein, der Geld von Russland und China erhalten habe. 3,5 Millionen Dollar aus Moskau, zehn Millionen Dollar aus Peking, und irgendwas mit der Ukraine war da auch noch. Das war selbst für Trump'sche Verhältnisse bemerkenswert. Der Präsident stellt den US-Steuerzahlern schließlich nicht nur jedes Glas Sprudel in Rechnung, das ein Secret-Service-Agent in seinem Golfresort Mar-a-Lago trinkt. Er und seine Kinder verdienen auch gut daran, dass gefallsüchtige arabische Prinzen ganze Zimmerfluchten im Washingtoner Trump-Hotel buchen.

Ja, es ist unappetitlich, wie Joe Bidens Sohn Hunter seinen Nachnamen in aller Welt vermarktet hat. Er war ein mäßig erfolgreicher Anwalt und Lobbyist, aber er wurde von Klienten aus der Ukraine und China umworben, weil sein Vater der US-Vizepräsident war. Man kann das Korruption nennen, auch wenn es eine Form von Korruption ist, der man in Washington an jeder Ecke begegnet. Menschen machen ihre Nähe zur Macht zu Geld - so funktioniert das Spiel. Und, nebenbei, unter denen, die es ganz besonders gut spielen, sind etliche von Trumps engsten Freunden.

Aber Trump und seine Büchsenspanner hacken ja nicht auf Hunter Biden herum, weil sie Hunter Biden wehtun wollen. Sie wollen den Vater treffen, Joe Biden, weil der im Moment drauf und dran ist, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Der Versuch, ihn als senilen Tattergreis zu diffamieren, ist gescheitert, ebenso der Versuch, ihm das Etikett "linksradikaler Anarchosozialist" anzuheften. Jetzt versucht das Trump-Lager also, Biden als einen bestechlichen Raffzahn hinzustellen, der sich von Amerikas Feinden bezahlen lässt. Beweise? Gibt es nicht. Was es gibt, sind ein paar unverständliche E-Mails und Textnachrichten unklarer Herkunft und ein angeblicher Zeuge, der außer vagen Behauptungen aber auch nichts zu bieten hat.

Der ganze Angriff, den Trump da am Donnerstag gestartet hat, wird deswegen von einem Hauch der Verzweiflung umweht. Der Präsident weiß, dass er, sofern die Umfragen auch nur halbwegs die Realität widerspiegeln, auf das Ende einer Klippe zufährt. Dahinter geht es steil in die Tiefe. Aber vielleicht ist es auch nur Einfallslosigkeit. Vor vier Jahren war die Strategie, Hillary Clinton als korrupte, geld- und machtgierige Furie abzustempeln, ja auch erfolgreich. Warum also, so mag sich Trump denken, soll es dieses Mal nicht wieder klappen?

Tja - warum? Die Antwort auf diese Frage lieferte die Debatte ebenfalls. Trump hat ganz offensichtlich beschlossen, dass die Corona-Pandemie vorbei ist, an der sowieso nur China schuld war, und es dem Land wieder grandios geht, weil der Aktienindex ja täglich steigt. Außerdem erinnerte er Amerikas Schwarze daran, dass außer (vielleicht) Abraham Lincoln kein amerikanischer Präsident mehr für sie getan habe, und die Latinos, dass es - Stichwort Projektion - in Wahrheit Biden gewesen sei, der die Kinder illegaler Einwanderer in Käfige sperren ließ.

President Donald Trump reacts during debate with Democratic presidential nominee Joe Biden at their final presidential d

Donald Trump auf der letzten TV-Debatte vor der US-Wahl im November.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Das war zwar, wie Biden einmal genervt und zu Recht anmerkte, zum größten Teil "malarkey", was man höflich mit "Quatsch" übersetzen könnte. Aber das kümmert den Präsidenten ja nicht. Trump redet, was er redet, und seine Anhänger glauben es, egal wie hoch der Malarkey-Faktor ist. Und der Rest der Amerikaner weiß inzwischen ganz gut, dass ihr Präsident ein feindseliges Verhältnis zur Wahrheit hat.

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Unterm Strich: Es ist gut möglich, dass Trump sich mit seinem zivileren Auftreten bei dieser Debatte nicht noch einmal so geschadet hat wie mit seinem Gepolter beim ersten Fernsehduell vor einigen Wochen. Ob er sich sehr geholfen hat? Wer weiß. Trumps Problem ist, dass er ist, wer er ist. Und dass die meisten Amerikaner ihn einfach satthaben.

© SZ/bix
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