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Türkei:"Erdoğan muss liefern"

Die Hagia Sophia in Corona-Zeiten. Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, machte 1935 ein Museum daraus.

(Foto: AFP)

Am 2. Juli entscheidet ein Gericht, ob die Hagia Sophia in Istanbul wieder als Moschee genutzt werden darf. Der Theologe Cemil Kılıç über das Kalkül dahinter - und warum das Bauwerk ein Museum bleiben sollte.

Am 2. Juli entscheidet ein türkisches Gericht, ob die Hagia Sophia in Istanbul wieder als Moschee genutzt werden darf. Der 1500 Jahre alte byzantinische Kirchenbau wurde nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 als Moschee genutzt. Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, machte 1935 ein Museum daraus. Die Süddeutsche Zeitung sprach mit dem Theologen und Buchautor Cemil Kılıç, der Fachmann für den Islam in der Türkei ist.

SZ: Wird in der Hagia Sophia in wenigen Tagen wieder gebetet werden?

Cemil Kılıç: Kein Mensch braucht die Hagia Sophia als Moschee. Es gibt wirklich genügend Gebetshäuser in Istanbul. Aber Präsident Recep Tayyip Erdoğan will verlorenes Terrain beim Wähler zurückgewinnen. Wegen der wirtschaftlichen Misere, die durch die Corona-Seuche noch verstärkt wird, steht die Regierung unter Druck. Der Präsident will mit der Hagia Sophia von den ökonomischen Problemen des Landes ablenken.

Cemil Kılıç, Theologe und Buchautor, ist Fachmann für den Islam in der Türkei. In dem Vorstoß zur Umwidmung der Hagia Sophia sieht er einen Versuch von Präsident Erdoğan, von wirtschaftlichen Problemen abzulenken.

(Foto: oh)

Dann steht die Umwandlung also bereits fest?

Ich habe keine Glaskugel. Aber nachdem die Regierung das Thema hochgespielt hat, muss Erdoğan liefern. Wenn das Dekret Atatürks von den Richtern für unwirksam erklärt wird - wovon ich ausgehe -, müssen sie die Hagia Sophia zur Moschee erklären. Die Regierung muss das Museum deshalb ja nicht ganz abschaffen. Sie können es für die Touristen geöffnet lassen, aber den Bau zu besonderen Anlässen dennoch als Moschee für das Gebet nutzen.

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Ist das vorstellbar?

Leider gibt es einen Präzedenzfall: Die Kirche des Chora-Klosters in Istanbul. Da wurde mehrmals auf Umwandlung geklagt - seit 2017 ist diese Kirche nun eine Moschee. Das Thema der Umwandlung der Hagia Sophia ist nicht neu. Seit den 1950er-Jahren wird das Volk von der Regierung damit politisch immer wieder hinters Licht geführt. Ich persönlich finde, die Hagia Sophia sollte Museum bleiben. Dieses Bauwerk ist 1500 Jahre alt und gehört zum Weltkulturerbe. Es ist zentral für die christliche und die islamische Kultur. Man sollte es als Ort der Brüderlichkeit zwischen den Religionen nutzen.

Diejenigen, die die Umwandlung in eine Moschee fordern, berufen sich auf Sultan Mehmed II., der Konstantinopel im Jahr 1453 erobert und die Hagia Sophia von einer orthodoxen Kirche zur Moschee gemacht hat.

Sultan Mehmed hat die Kirche erhalten. Er hat den Namen des Bauwerks beibehalten. Er hat die christlichen Fresken und Mosaiken nicht zerstört, sondern nur mit einem hauchdünnen Firnis übertünchen lassen. Sultan Mehmed war doch keiner wie die Taliban! Er wollte die Hagia Sophia schützen und erhalten.

Bei dem Streit geht es um Grundsätzliches: Die Nutzung als Moschee wäre eine Abwendung vom Erbe Kemal Atatürks - und damit ein Schlag ins Gesicht der Säkularen.

Die Säkularen sind doch das eigentliche Ziel. Und die Säkularen sind von Präsident Erdoğan so sehr geschwächt worden in den letzten Jahren, dass sie keinen Widerstand mehr leisten können.

Der Außenminister nannte das Schicksal der Hagia Sophia eine Frage der türkischen Souveränität. Er weist jeden Einspruch von außen zurück.

Was hat denn die Hagia Sophia mit der Souveränität der Türkei zu tun? Die islamische Welt hat einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen: Die Türkei ist ein Beispiel dafür. Sie ist seit 300 Jahren schwach: politisch, wirtschaftlich, militärisch. Deshalb werfen wir Türken uns gern in Positur. Aber das ist Selbstbetrug.

Würde Präsident Erdoğan seine Popularität in der islamischen Welt mit so einer Entscheidung steigern?

Zweifelsohne könnte er das. In der Wahrnehmung der islamischen Welt gibt es nur drei Orte von religiöser Bedeutung: die Kaaba in Mekka, die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem - und die Hagia Sophia.

© SZ vom 30.06.2020/mpu

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Die Hagia Sophia war erst Kirche, dann Moschee, dann Museum. Jetzt will Präsident Erdoğan, dass dort wieder Muslime beten. Es fehlt noch ein Gerichtsurteil, aber das Land ist längst gespalten.

Von Tomas Avenarius

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